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Demonstration für mehr Klimaschutz
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Bauern blockieren Hafen in Brake

Marc Hagedorn 18.09.2019 0 Kommentare

Die Demonstranten posieren vor der aufgebauten Traktoren-Blockade, die die Zufahrt zum Hafen in Brake versperrt.
Die Demonstranten posieren vor der aufgebauten Traktoren-Blockade, die die Zufahrt zum Hafen in Brake versperrt. (Fotos: Michael Matthey)

Der Aufstand gegen die Bundesregierung formiert sich um 11 Uhr auf dem Netto-Parkplatz in Golzwarden. Doch bevor es los geht Richtung Hafen, der nur ein paar Hundert Meter entfernt liegt, gibt es erst einmal Süßes. Eine ältere Dame reicht Weingummis herum und verteilt Kekse. Das beruhigt die Nerven, denn so ganz genau wissen die Menschen, die sich hier versammelt haben, nicht, ob das alles so klappt wie geplant.

Mit sieben Treckern wollen sie die Zufahrt des Hafens in Brake blockieren. Eine Stunde lang, das haben sie sich vorgenommen, soll kein Lkw rein oder raus können. Eine Stunde lang wollen sie – Landwirte, Umweltaktivisten und engagierte Bürger – ihre Plakate herzeigen und Reden halten. Über den Klimawandel. Über das EU-Freihandelsabkommen mit Südamerika. Und darüber, was der Hafen in Brake mit der Abholzung des Regenwaldes zu tun hat.

Mit mehreren Treckern blockierten Bauern die Zufahrt des Hafens in Brake, um für mehr Klimaschutz zu protestieren.
Mit mehreren Treckern blockierten Bauern die Zufahrt des Hafens in Brake, um für mehr Klimaschutz zu protestieren.
Mit mehreren Treckern blockierten Bauern die Zufahrt des Hafens in Brake, um für mehr Klimaschutz zu protestieren.
Mit mehreren Treckern blockierten Bauern die Zufahrt des Hafens in Brake, um für mehr Klimaschutz zu protestieren.
Fotostrecke: Bauern in Brake demonstrieren für mehr Klimaschutz

Jetzt aber muss Georg Janßen zunächst die Reihen ordnen. Janßen ist Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die den Protest gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter federführend organisiert. Auch BUND und die Arbeitslosenhilfe Oldenburg sind mit im Boot. Janßen sortiert nun die Trecker, „erst Werner mit den Heuballen vorweg“, dann „der rote Case“ und dahinter die weiteren. Janßen erklärt den Weg, „bis zum großen Schild, dann rechts ab, wundert euch nicht, dass wir danach gleich wieder links fahren, aber wir wollen ja nicht zu früh gesehen werden“. Also wählt man den Schleichweg direkt unterhalb des Deichs.

Die Polizei ist schon da

„Dürfen wir unsere Banner jetzt schon am Trecker anbringen?“, fragt eine Aktivistin kurz vor der Abfahrt zum Hafen. „Nein“, sagt Janßen, „erst wenn wir angekommen sind. Wenn hier auf dem Parkplatz zu viele Leute mitkriegen, was wir vorhaben, dann empfängt uns nachher noch die Polizei am Hafen.“ Als die Kolonne 15 Minuten später den Hafen erreicht, ist die Polizei tatsächlich schon da. Irgendwer muss etwas spitz gekriegt und die Beamten informiert haben. Aber Glück gehabt: Nach ein paar Worten lässt die Polizei die Demonstranten machen.

Der Hafen als Ziel der Blockade ist bewusst gewählt. Über Brake kommt das meiste Futtermittel und Getreide nach Deutschland, unter anderem auch Soja aus Südamerika. Wenn das geplante EU-Freihandelsabkommen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay, den sogenannten Mercosur-Ländern, unterschrieben wird, dürfte es noch mehr werden. Das jedenfalls befürchten die Bauern. „Man rodet den Regenwald, baut anschließend Soja an oder jagt die Rinder drauf und verkauft das Fleisch später nach Deutschland“, sagt Janßen, „und das, wo wir doch schon genug Fleisch haben.“ So hängt alles mit allem zusammen, und der Regenwald ist plötzlich gar nicht mehr so weit weg von Brake. Es reicht, eine Stunde an der Hafenzufahrt zu verbringen, um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie viele Güter hier täglich umgeschlagen werden. Die Lkw kommen im Minutentakt, doch jetzt rollt nichts mehr. Der Hafen ist dicht. Die Lkw-Fahrer steigen aus, Zeit für eine Zigarettenpause. Einer greift zum Handy und spricht hinein, offenbar ist der Chef am Apparat: „Was soll ich denn machen? Hier ist alles zu.“ Und bleibt es zunächst auch.

Ottmar Ilchmann, Milchbauer
Ottmar Ilchmann, Milchbauer (Michael Matthey)

Ottmar Ilchmann ist noch nicht fertig mit seinen Ausführungen. Er hat jetzt das Mikrofon. Der Mann mit Bart ist Milchbauer und hat um acht Uhr den heimischen Hof im ostfriesischen Rhauderfehn verlassen, um in Brake zu demonstrieren.

„Der Ärger unter uns Landwirten ist groß: Uns werden immer neue Auflagen gemacht, und jetzt stimmt unsere Bundesregierung womöglich einem Freihandelsabkommen zu mit Staaten, in denen es keine Standards gibt“, hat er vorhin im Gespräch mit dem WESER-KURIER, noch auf dem Netto-Parkplatz, gesagt. So ähnlich wiederholt er das jetzt am Hafen. „Und die Profiteure sind allein die Lebensmittelindustrie, die Großmolkereien und die Schlachtbetriebe.“ 

Peter Habbena, Milchbauer
Peter Habbena, Milchbauer (Michael Matthey)

„Klimaschutz jetzt“

Genauso haben es die Demonstranten auch auf ihre Plakate gemalt. „Soja-Import, Fleisch-Export, bei uns bleibt nur die Scheiße, stoppt Mercosur“ heißt es oder „Bäuerliche Landwirtschaft wird weltweit geopfert für den Profit weniger Konzerne“. Nun ist Peter Habbena an der Reihe. Auch er ist Milchbauer. Er verzichtet seit Jahren auf Futtermittelimporte. Nun erzählt er, dass er es satt hat, ständig in der Opferrolle zu sein, dass er es satt hat, sich für die Entscheidungen der Politik und die Arbeitsweise der Agrarkonzerne rechtfertigen zu müssen. Er sagt, dass ihm der Klimaschutz sehr am Herzen liegt, „wir Bauern spüren den Klimawandel schließlich als Erste“. 2017, führt Cheforganisator Janßen aus, 2017 sei den Bauern die Ernte abgesoffen, 2018 machten Dürre und 2019 die anhaltende Trockenheit der Landwirtschaft zu schaffen. „Wir Bauern sind bereit für eine klimaschonende Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung“, sagt Janßen, „dafür brauchen wir aber faire politische Rahmenbedingungen.“ Das Mercosur-Abkommen erfüllt für ihn diese Forderung nicht.

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Immer mehr Lkw sind inzwischen angekommen. Der Parkplatz ist voll, jetzt stauen sich die Brummis mehrere Hundert Meter zurück auf der Zufahrtsstraße. Keiner schimpft, die meisten haben Verständnis. Nur einer wird langsam ungeduldig: „Ey, wie lange braucht ihr noch? Wir müssen hier arbeiten.“

Nicht mehr lange. Immer wieder haben die Demonstranten zwischen den Redebeiträgen die Fäuste nach oben gereckt und skandiert: „Stoppt Mercosur“ oder „Klimaschutz jetzt“. Janßen spricht noch ein Schlusswort, dann ist nach einer guten Stunde alles vorbei. Die Demonstranten sind zufrieden. Die Lkw-Fahrer atmen auf. Sie treten ihre Kippen aus und steigen in ihre Kabinen. Gleich können sie rein in den Hafen.

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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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