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Niko Paech im Interview
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„Das ist ein Rückfall in die Barbarei“

Nico Schnurr 03.07.2019 7 Kommentare

Hochbetrieb an den Flughäfen: In Niedersachsen starten die Sommerferien.
Hochbetrieb an den Flughäfen: In Niedersachsen starten die Sommerferien. (Thomas Frey /dpa)

Herr Paech, in Niedersachsen beginnen die Schulferien. Ich nehme an, Sie bleiben in Oldenburg?

Niko Paech: Ich werde an die Ostsee fahren, mit dem Zug. Es geht nach Bad Doberan zu einem Musikfestival, der Zappanale.

Sie werden nicht fliegen in diesem Sommer?

Ich bin nur einmal geflogen, um meinen Doktorvater in den USA zu besuchen, Jahrzehnte her. Das werde ich nicht wiederholen. Fliegen ist neben Kreuzfahrten der übelste ökologische Vandalismus, den man anrichten kann.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man in den nächsten Tagen ins Flugzeug steigt?

Natürlich. Ich hätte auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinen Nachbarn aus Geldnot überfallen würde.

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Ein merkwürdiger Vergleich.

Wieso? Fliegen ist nackte Gewalt gegen die Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation.

Sind Sie ein Mobilitätsfeind?

In einer modernen Gesellschaft braucht es Mobilität. Menschen müssen ihren Arbeitsplatz erreichen und sich versorgen. Manche sind dabei auf ein Auto angewiesen. In seltenen Fällen müssen bestimmte Personen auch fliegen.

Niko Paech
Niko Paech (Zwei-Mal-M)

An wen denken Sie?

An delegierte Funktionsträger aus Politik und Gesellschaft.

Und der Rest soll nicht fliegen?

Derzeit tritt der ökologische Ernstfall ein. Wir sollten anfangen, zwischen menschlichen Grundbedürfnissen und spätrömischer Dekadenz zu unterscheiden.

Fliegen ist Luxus?

Die Willkür und Häufigkeit, mit der heute geflogen wird, hat es vor Jahren nicht einmal in Science-Fiction-Filmen gegeben. Niemand verhungert oder wird krank, wenn er seine Ferien nicht im Süden verbringt.

Finden Sie nicht, dass Reisen toleranter macht?

Das ist eine links-liberale Ideologie. In den 1970er-Jahren, als es ein absoluter Luxus war, die Welt zu bereisen, waren die Menschen doch nicht intoleranter. Und selbst wenn: Was nützt eine Weltoffenheit, mit der die Welt zerstört wird?

Gar kein Verständnis für einen Australien-Trip nach dem Abitur?

Ich halte es für ein Verbrechen, Jugendliche nach dem Abitur nach Australien fliegen zu lassen. Eine einzige Australien-Reise verursacht etwa ein Zwanzigstel dessen, was einem Menschen während seines ganzen Lebens an Kohlenstoffdioxid zustehen könnte. Manche der jungen Kosmopoliten haben mit 30 Jahren eine Emissionsbilanz, die beide Großeltern nicht einmal am Ende ihres Lebens zusammen hatten.

Gibt es ein Recht auf Reisen?

Individuelle Freiheit zählt zu den höchsten modernen Errungenschaften, aber ein Recht auf Zerstörung ohne Zwang oder begründbare Notwendigkeit zu proklamieren, ist ein Rückfall in die Barbarei.

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Laut einer aktuellen Umfrage wollen 71 Prozent der Deutschen ihre Reisepläne nicht wegen der Klimadebatte ändern. Warum denken die alle nicht wie Sie?

Die meisten wissen genau, was sie tun, beruhigen sich aber durch kompensatorische Symbolhandlungen und dadurch, dass die Politik und Technik schuld am Problem sein sollen. Im Durchschnitt wissen moderne Menschen immer mehr über Klimaschutz und zeigen sich betroffen, während sie gleichzeitig immer umweltschädlicher leben.

Klingt nach einem Widerspruch.

Vielflieger ertränken ihr schlechtes Gewissen in Bionade. In hoch entwickelten Konsumgesellschaften lässt sich Moral erwerben, um sich davon freizukaufen, genügsam zu sein.

Jetzt ist die Bionade schuld am Klimawandel?

Die Bionade im Kühlschrank, dazu der fair gehandelte Kaffee im Regal. Auf dem Tisch das vegane Essen, auf dem Dach die Solaranlage. Wenn es sich dabei um symbolische Kompensation handelt, ließe sich schlussfolgern, dass diese Leute mit Klimaschutz ernst machen müssten, wenn dieser Ablass nicht verfügbar wäre.

Müssten Ihnen vegane Vielflieger nicht lieber sein als fleischliebende Vielflieger?

Isoliert betrachtet, lässt sich das nur bejahen. Aber soll deswegen Veganern das Fliegen verziehen werden? Genau das entspräche doch dem Greenwashing.  

Warum wälzen Sie alle Verantwortung auf dem Einzelnen ab?

Demokratische Instanzen wagen niemals, gegen den Mainstream vorzugehen. Das wäre politischer Selbstmord. Deshalb bedarf es zunächst glaubwürdiger Signale aus der Zivilgesellschaft. Sie muss die Politik darin bestärken, endlich mit Klimaschutz zu beginnen.

Manche sagen, Reisen bedeutet Freiheit. Ihr Freiheitsbegriff sieht anders aus, oder?

Die Freiheit des Einzelnen hört in einer Demokratie immer da auf, wo das Recht des anderen beginnt. Freiheit und Verantwortung bedingen einander.  

Machen Fernreisen glücklicher?

Manche behaupten das, aber die Glücksforschung zeigt, dass sich das Wohlbefinden der Menschen trotz überbordenden Wohlstandes keineswegs gesteigert hat. Ich kenne viele Menschen, die nie ein Flugzeug von innen gesehen haben und nicht nur zufrieden, sondern auch weltoffen leben. Europa mit dem Zug, Fahrrad und Wanderschuhen zu erkunden, ist spannend.

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Jetzt klingen Sie wie ein Werber…

… na gut, es muss ja nicht immer die Weser oder Hunte sein. Es gibt die Alpen und das Meer. Man bräuchte mehrere Menschenleben, um alle Schönheiten Europas zu erkunden.

Und deswegen fahren Sie kein Auto und fliegen nicht?

Ich kann als Wissenschaftler keine Maßnahmen vorschlagen, die schon im Selbstversuch scheitern. Kennen Sie Al Gore?

Der ehemalige US-Vizepräsident ist auch Umweltschützer…

…und sein Film „Eine unbequeme Wahrheit“ ist inhaltlich wirklich gut. Nur wird ständig gezeigt, wie Al Gore in irgendwelchen Flugzeugen oder dicken Autos sitzt, auf seinem Schoß ein High-End-Laptop. Al Gore erzählt einerseits: Die Eisbären sterben, alles ist ganz schlimm. Andererseits führt er vor, dass er seinen Lebensstil deshalb nicht infrage stellt. So wird Doppelmoral zum Normalzustand.

Manche meinen, Sie seien eine Spaßbremse.

Ich habe viel Humor. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Spaß zu haben. Ich frage mich nur: Warum suchen wir uns ausgerechnet das aus, was den maximalen ökologischen Schaden verursacht?

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Zur Person

Niko Paech (58) ist Volkswirt und Nachhaltigkeitsforscher. Er lebt in Oldenburg, wo er bis 2016 als außerplanmäßiger Professor beschäftigt war. Inzwischen lehrt und forscht er an der Universität Siegen.


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