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Rekordverdächtig: Die schmalste Autobrücke Deutschlands verbindet eine Binnenhalbinsel mit der Kreisstadt Leer
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Das Nadelöhr von Amdorf

Martin Wein 17.08.2017 0 Kommentare

Amdorf
Ganz schön eng und ziemlich einmalg: Die Autobrücke in Amdorf. (Landkreis Leer)

Östlich der Stadt Leer schlängeln sich die Flüsschen Leda und Jümme durch die flache Landschaft aufeinander zu und bilden im entstehenden Dreieck so etwas wie eine Binnen-Halbinsel. Von hier führt nur eine einzige schmale Brücke über die Leda weiter in Richtung Leer. Deren Fahrbahn hat eine Fahrbahnbreite von gerade einmal 1,85 Metern und ist für die großen VW-Modelle mit Breiten von 1,90 und 1,94 technisch unpassierbar. Auch Fahrer eines Ford Mustang müssen umkehren, ebenso wer seinen neuen 5er-BMW Touring oder seine Mercedes-E-Klasse ausfährt. Und wer die Seitenspiegel nicht einklappt, der wird auch mit vielen anderen Fahrzeugmodellen nach der Flussüberquerung eine Werkstatt aufsuchen müssen.

Nicht jeder Autofahrer, der in Amdorf in der Samtgemeinde Jümme in den Trappenweg einbiegt, will wahrhaben, dass für ihn hier Ende im Gelände sein könnte. Schließlich zwingt die schmale Flussquerung Fahrzeuge mit Überbreite zu einem 25 Kilometer langen Umweg über Stickhausen. Auf den schmalen Straßen dauert das locker eine halbe Stunde. Die rot-weißen Baken, die auf die schmalste Straßenbrücke Deutschlands zuführen, sind übersät mit Schleifspuren in verschiedenen Lackfarben von Leuten, die ihr Glück versuchten – oder die nicht sicher geradeausfahren können. „Und manch anderer hat erstmal mit dem Maßband vor seinem Auto gestanden, bevor er die Passage gewagt hat“, erzählt Samtgemeindebürgermeister Johann Boelsen im Rathaus in Filsum.

Autobrücke Amdorf
Das Nadelöhr von Amdorf Serie Rekordverdächtig: Die schmalste Autobrücke Deutschlands verbindet eine Binnenhalbinsel in Ostfriesland mit der Kreisstadt Leer. Für die kostenfreie Nutzung des Fotos ist die Angabe des Copyright-Vermerks www.ostfriesland.de erforderlich. (www.ostfriesland.de)

Boelsen ist schon in den 1970er-Jahren mit seinen Eltern mit dem Auto nach Amdorf gefahren. „Dort war das einzige Storchennest in Ostfriesland“, erinnert er sich. Heute hat die Gemeinde die meisten Störche auf der Ostfriesischen Halbinsel. Deshalb muss keiner mehr eigens nach Amdorf fahren. Trotzdem würde Boelsen ein solches Bauwerk heute nicht mehr in Auftrag geben, auch wenn es der ländlichen Region schon manchen Abenteuertouristen beschert hat. Als die Brücke 1955 / 56 gebaut wurde, saßen die Bewohner von Amdorf und den Nachbarflecken aber ziemlich in der Klemme. Seit 1886 hatten private Fährleute Passanten und Fahrräder bei Bedarf über den kaum 50 Meter breiten Fluss gerudert. Doch ein gutes Geschäft war das nie. Immer wieder kam es zu Streit über nötige Subventionen. Kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland warf der letzte Fährmann Anton Schöneboom dann im Frühjahr 1952 die Ruder gänzlich hin. Ein Nachfolger für den anstrengenden Job fand sich nicht.

Nicht mit Autos gerechnet

Wie sollte aber nun bei einem Notfall der Arzt übersetzen? Und wie sollten die Milchkühe auf gegenüberliegende Weiden gelangen? Nachdem zuerst ein Fußsteg im Gespräch war, entschied sich der Gemeinderat schließlich für eine nur wenig teurere Brücke, die notfalls auch von einem Krankenwagen passiert werden könne. Allgemein sollten nur Fußgänger, Radler und Weidevieh herüber. Autoverkehr hielten die Gemeinderäte in dieser Weltgegend für ein ziemlich außergewöhnliches Ereignis.

2017 herrschen auch in Ostfriesland andere Zeiten. Zur Sicherheit hat Bürgermeister Boelsen mit den Fahrschulen aus der Region verabredet, dass jeder Führerschein-Aspirant während der Fahrstunden mindestens einmal über die Amdorfer Brücke muss. Seit 2011 hat das schmale Bauwerk immerhin eine Haltebucht für Radfahrer, falls es beim Queren zu Gegenverkehr kommt. Alle anderen Fahrzeuge dürfen nur im Wechselverkehr passieren – wenn sie denn drüber passen.

Allen anderen bleibt zumindest im Sommer ein anderes exklusives Erlebnis. Von Mai bis Ende Oktober können sie sich von der Pünte übersetzen lassen, der ältesten handgetriebenen Fahrzeugfähre Europas. Pläne für einen zweispurigen Brückenneubau verschwanden dagegen schon in den 1970er-Jahren aus Kostengründen in der Schublade. „Auch heute könnten wird das auf keinen Fall bezahlen“, sagt Samtgemeindebürgermeister Boelsen. Wirkliche Probleme sieht er indessen erst, wenn das Löschfahrzeug der Amdorfer Feuerwehr irgendwann seinen Geist aufgibt. Die Amdorfer Wehr ist nämlich auch für Gebiete westlich der Leda zuständig. Und die neuen Löschwagen sind für die alte Brücke sämtlich zu breit. Nur bei einer Flughafenfeuerwehr könne man vielleicht noch eine schmale Variante auftreiben, die im Trapperweg nicht steckenbleibt.


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