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Den Imperativ singen

Martin Wein 26.01.2019 0 Kommentare

Liedermacher Pascal Gentner unterrichtet einen besonderen Deutschkurs für Geflüchtete.
Liedermacher Pascal Gentner unterrichtet einen besonderen Deutschkurs für Geflüchtete. (Andrea Grotheer)

„A, bäh, zäh, däh, ääh, eff, gäh“ – wenn Neuankömmlinge aus Nordafrika oder dem Nahen Osten das Alphabet aufsagen, bekommt der Liedermacher Pascal Gentner regelmäßig eine Art Schüttelfrost. „Vor allem mit der Aussprache tun sich die meisten ungeheuer schwer“, sagt Gentner. Damit Geflüchtete künftig nicht nur Vokabeln lernen und verstehen, sondern von ihren deutschen Gesprächspartnern auch verstanden werden, lässt der Leiter der Musikschule Beverstedt-­Hagen jetzt einige Sprachschüler testweise singen. Kinderlieder zumeist, wie das vom Alphabet: „A, beh, ceh, deh, eeh, eff, geh…“ Der Erfolg ist nicht zu überhören. Viele Sätze, die bislang oftmals hart und abgehackt klangen, bringen die Syrer, Iraner oder Somalier schon weich und etwas gedehnter über die Lippen.

Vor 17 Jahren ist Gentner selbst nach Norddeutschland gezogen – der Liebe wegen. Geboren wurde er im marokkanischen Casablan­ca als Sohn eines Schwaben und einer Französin. Aufgewachsen ist er in Köln, wo man bekanntlich eine einzigartig singende Mundart spricht. All dies nicht eben ideale Voraussetzungen zum Erlernen der deutschen Hochsprache. Insofern kennt Gentner die Probleme Zugereister, Deutsch richtig auszusprechen. „Ihnen fehlt dazu vor allem der Austausch mit deutschen Sprechern“, sagt der 50-Jährige.

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Als die Landesregierung im vergangenen Jahr Musik- und Kunstschulen aufrief, testweise Kursangebote zur Förderung gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe für Geflüchtete anzubieten, hat Gentner sich gemeldet. Musikalische, künstlerische oder szenische Aktivitäten und Ausdrucksformen sollen Geflüchtete in dem Pilotprogramm zum Sprechen anregen und den Lernprozess fördern. Fünf Millionen Euro lässt Niedersachsen sich den Versuch in 85 Projekten kosten. Danach sollen die Effekte ausgewertet werden. Erste Erfahrungen damit hatte zuvor die Musikschule in Bochum gesammelt.

Fühlte sich sofort angesprochen

Gentner, der halbtags immer noch als freier Liedermacher arbeitet, fühlte sich sofort angesprochen. Seit Ende Oktober kommt er deshalb dienstags und donnerstags für einen ganzen Vormittag zum Sprachkurs-Träger Nestwerk in Hagen. Dort ersetzt sein Unterricht den regulären Sprachkurs im Niveau A1 und A2 – 300 Stunden lang bis Ende April.

Vor allem einfache Lieder sollen Alltagssituationen aufgreifen. Zuletzt haben die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Arzt-Lied einstudiert. Darin geht es um Namen von Körperteilen und gängige Krankheiten. „Schnupfen“ sei für Ausländer ein echter Zungenbrecher, berichtet Gentner. „Aber sie sehen auch den direkten Nutzen, wenn sie jetzt sagen können, wo es ihnen wehtut“. Auch ein Einkaufslied gibt es oder etwas über Jahreszeiten oder Wochentage. „Und falls ich nichts passendes finde, schreibe ich selbst etwas“, strahlt Gentner. Manchmal baut er auch Vokabeln in Farsi, Arabisch oder Somali ein – das habe dann einen Wiedererkennungseffekt bei den Menschen aus diesen Ländern.

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Doch mit den Liedern ist es nicht getan. Viele Sprachschüler haben auch Probleme mit dem Konjugieren von Verben. „Die meisten sagen dann einfach: ,Ich laufen‘.“ Um sich die Personenendungen zu merken, steht die Gruppe geschlossen auf, klatscht im Takt in die Hände und singt: „Ich laufe, du läufst, er, sie, es läuft.“

Auch einen Song für den Imperativ gibt es. „Das alles ist eine mühsame Sache, denn man muss sehr viel wiederholen“, gibt Gentner zu. Die Begeisterung des Neuanfangs in den ersten Stunden müsse in eine kontinuierliche Routine überführt werden. Aber langsam merkt er, wie sich die gelernten Verbformen in die Alltagssprache seiner Schüler einnisten. Auf die Frage nach seinem Befinden sagt Nasrim aus dem Iran jetzt: „Mir geht es gut“. Vorher beließ er es sicherheitshalber beim kurzen „alles okay“.

Voller Lob nach einem Vierteljahr

Nach einem Vierteljahr Erfahrungen sind Gentner und seine Schüler voll des Lobes. „Mit Musik lernt man besser“, sagt Sliman, der Algerier, stellvertretend. Er spielt selbst Gitarre. Für die Musikschulen, die von Haus aus mit ihren Kursen eher die Kinder aus bürgerlichen Elternhäusern erreichen, könne das Angebot auch Zugänge zu neuen Teilnehmerschichten öffnen, glaubt Gentner: „Es gibt ja nicht nur Geflüchtete, die ihr Deutsch verbessern könnten“.

Das Spektrum der Teilnehmer ist breit gestreut. Sie sind zwischen 25 und 65 Jahre alt und sprechen schon unterschiedlich gut. Nur zwei oder drei seien nach einigen Stunden nicht mehr zum Kurs gekommen, erzählt der Musiklehrer. Denen waren Bodypercussion und gemeinsames Singen nicht systematisch genug. Eine strenggläubige Palästinenserin darf keine fremden Männer berühren. „Da müssen wir immer schauen, dass sie neben einer anderen Frau steht, wenn wir uns gegenseitig abklatschen“, sagt Gentner. Insgesamt herrscht ein fröhlicher Grundton im Kurs.

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Und die Musik zieht längst ihre Kreise. Immer wieder nimmt mal jemand die Gruppe mit seinem Smartphone auf. Die Videos werden dann online geteilt. „Oft erzählen mir Teilnehmer, dass ihre Kinder oder Partner die Lieder ebenfalls nachsingen“, freut sich Gentner. So lernen deutlich mehr Ausländer ein deutsches „C“ als die 15 regulären Sprachschüler. Wenn die am Ende in der Sprachprüfung für das Niveau A2 ihren Namen buchstabieren müssen, wird sie jetzt jedenfalls jeder gut verstehen. Nicht gänzlich ausschließen lässt sich allerdings, dass beim nächsten Arztbesuch einer versehentlich anfängt zu singen.


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Leserkommentare
alterwaller am 23.10.2019 10:09
Wie ? Jetzt soll man zum parken sogar in die Innenstadt in die Parkhäuser ? Wie gut ist es doch das sich die autofreie Innenstadt noch nicht ...
Hans-OttoRolfs am 23.10.2019 10:07
Bitte nicht vergessen: Die Verantwortung liegt in erster Linie beim Schifffahrtsmuseum, das sich mehr um seine Reputation als Wissenschaftsmuseum ...
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