Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Geplante Erdgassuche im Bremer Umland
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Die Furcht vor der Erdgasförderung

André Fesser 30.11.2018 1 Kommentar

Die geplanten Messlinien der Seismischen Messung.
Die geplanten Messlinien der Seismischen Messung. (Weser-Kurier)

Das Zeichen des Widerstands ist aus Holz und es ist rot, leuchtend-rot. Gleich hundertfach steht es in den Landkreisen Osterholz, Verden, Rotenburg und Diepholz an der Straße, in Vorgärten, auf Äckern und Wiesen. Seit klar ist, dass die Deutsche Erdöl AG (Dea) in der Region weiter nach Erdgas suchen will, sind die Menschen zusammengerückt. Sie haben Angst um die Natur und ihre Gesundheit. Um die Unversehrtheit ihrer Heimat. Und sie drücken diese Angst mit dem roten X aus.

Mittlerweile müssten es an die 2000 sein, schätzt Clemens Blank. Der Ottersberger ist Sprecher der Bürgerinitiative No-Moor-Gas, die sich jüngst in Lilienthal gegründet hat und den Protest der nordöstlich von Bremen lebenden Menschen kanalisieren will. Um die roten Kreuze zu bauen, haben engagierte Bürger  Bastelnachmittage veranstaltet. Rund 1500 seien so entstanden, erzählt Blank, örtliche Holzhändler hätten das Material bereitgestellt. „Aber viele haben sich auch privat welche gebaut.“

So ist ein Park aus roten Kreuzen entstanden, der in seiner Anmutung an den Landkreis Lüchow-Dannenberg erinnert. Die Gegend also, in der sich die Einwohner vor Jahren unter dem Slogan „x-tausendmal quer“ gegen Atommülltransporte ins Lager Gorleben wehrten und als Symbol der Ablehnung überall knallgelbe Kreuze aufstellten. Noch heute steht dort so manches X, obwohl Gorleben politisch gar nicht mehr en vogue ist.

Im Spätsommer soll nach Erdgas gesucht werden

Im Großraum Bremen ist das anders. Dort sind die Menschen auf der Zinne. Erst kürzlich hatten die Bürgermeister von Grasberg und Lilienthal zu einer Einwohnerversammlung geladen, um dort über die Pläne der Deutschen Erdöl AG zu informieren. Im Spätsommer hatte die Dea angekündigt, in der Region nach Erdgas suchen zu wollen. Mit tonnenschweren Messfahrzeugen will sie durch die Region fahren und den Untergrund kurzzeitig in Schwingung versetzen. Die Echos ermöglichen den Ingenieuren der Dea die Erstellung einer Karte des Untergrunds und eine Antwort auf die Frage, ob es in fünf Kilometern Tiefe ein Erdgasvorkommen gibt und sich eine Probebohrung lohnen könnte.

Für die Dea ist das Messen und Bohren in dieser Region das tägliche Geschäft. Das Unternehmen ist seit 1992 im Landkreis Verden aktiv und fördert das Erdgas zutage, das sich im Erdgasfeld „Völkersen“ befindet. Nun will es wissen, ob sich die Förderung auch im weiteren Umkreis lohnen könnte. Die Menschen hingegen, die oberhalb der möglichen Erdgasvorkommen leben, wollen es nicht wissen. Das liegt auch an den schlechten Nachrichten, die aus dem Landkreis Rotenburg zu ihnen dringen. Auch dort wird Erdgas gefördert. Und es gibt örtlich eine ungewöhnliche Häufung von Krebserkrankungen. Kann Zufall sein, kann aber auch mit der Gasförderung zusammenhängen. Eine Untersuchung läuft, sie wird aber noch Monate brauchen. Die Dea will die Messungen aber schon im Januar und Februar anstellen.

Mehr zum Thema
Bürgerinitiative gegen Erdgasförderung: Das rote X hat den Nordkreis erreicht
Bürgerinitiative gegen Erdgasförderung
Das rote X hat den Nordkreis erreicht

Das „rote X“ ist mittlerweile zum Symbol des Widerstands der überaus aktiven Bürgerinitiative (BI) ...

 mehr »

Für die Gegner der Erdgasförderung liegt der Hebel nun im Boykott der Messungen. Grundsätzlich verbieten kann man sie nicht. Aber man kann der Dea untersagen, das eigene Grundstücke zu benutzen. Auf Infoveranstaltungen und in Sozialen Medien rotten sich die Menschen inzwischen zusammen, um zu beraten, wie man sich wehren kann. Drei Mal schon haben sich die Menschen in Grasberg getroffen. Bei jedem Termin waren es mehr.

Bei einer Bürgerversammlung mit Vertretern des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie sowie zwei Dea-Angehörigen drängten sich kürzlich Hunderte Menschen in und um den Saal des Gasthauses Grasberger Hof. Zudem haben sie sich in Bürgerinitiativen formiert. Nach No-Moor-Gas im Raum Lilienthal-Grasberg-Ottersberg gibt es nun auch No-Gas Bassen-Oyten. In den Landkreisen Verden und Rotenburg gibt es solche Bürgerinitiativen schon seit Jahren.

Mehr zum Thema
Kommentar über Erdgasförderung: Gute Gründe für einen Stopp
Kommentar über Erdgasförderung
Gute Gründe für einen Stopp

Die Stimmung rund um Bremen ist längst gekippt. Die gefühlte Mehrheit der Bürgerinnen und Bürgern ...

 mehr »

Längst ist das Thema auch in der Politik angekommen. Gleich mehrere Gemeinderäte wollen der Dea die Nutzung der gemeindeeigenen Straßen für die Messungen verbieten. Und im Osterholzer Kreistag soll am 6. Dezember eine Resolution verabschiedet werden, die auch die Nutzung der Kreisstraßen untersagt und deutlich macht, dass der Landkreis die Gasförderung ablehnt. Obendrein wendet sich das Papier an die Landesregierung. Sie soll eine Bundesratsinitiative starten, mit dem Ziel, das Bergbaurecht zu ändern. Denn das macht die Förderung des Gases erst möglich.

Das Thema ist heiß. Während in Onlineforen immer wieder mal ein Bürger darauf hinweist, dass die Energie für die Erwärmung der Wohnung und des Duschwassers ja irgendwo herkommen muss, hat sich bislang kein Politiker auf die Seite der Erdgasförderer gestellt. Seit Jahren gilt der Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt (CDU) als Gegner, nachdem es in seiner Heimat und drumherum zu Schäden gekommen ist.

Niedersachsens Wirtschaftsminister beobachtet das Treiben im Raum Verden

Auch sein Parteikollege, der Landtagsabgeordnete Axel Miesner, hat sich früh auf die Seite der Gegner gestellt und bei Umweltminister Olaf Lies (SPD) vorgesprochen, die ganze Sache doch zu beenden. Und Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) beobachtet das Treiben im Raum Verden mittlerweile auch (siehe Bericht unten).

Die Menschen im Landkreis Osterholz wollen dennoch weitermachen und schon die Messungen von vornherein verhindern. Den meisten ist klar: Sollte die Dea Erdgas finden, wird sie es auch fördern wollen. Angesichts der schlechten Erfahrungen, die die Nachbarlandkreise Rotenburg und Verden mit der Erdgasförderung gemacht haben, wäre das für viele in der Gegend eine Katastrophe. Zumal sie um die sensible Natur fürchten. „Wir haben hier ein Moor“, sagte eine Besucherin der Bürgerversammlung in Grasberg, „hier darf nicht mal ein Hund nach einer Maus graben.“

Mehr zum Thema
Entschädigung nach Erdbeben: 98 000 Euro für den Flecken
Entschädigung nach Erdbeben
98 000 Euro für den Flecken

Knapp 100 000 Euro erhält der Flecken Langwedel von der Dea als Entschädigung für die durchs Beben ...

 mehr »

Ein Artikel von
Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Sport aus der Region
Sport aus der Region
WESER-KURIER Kundenservice
Anzeige

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Leserkommentare
peteris am 22.10.2019 11:19
Ach die "armen Landwirte". Monokultur,Massentierhaltung und Grundwasserverseuchung, sind das Markenzeichen der so "armen Landwirte", was auch noch ...
reswer am 22.10.2019 11:17
Verkehrswende ....ohne Verbesserungen im ÖPNV und der Bahn das wird nichts werden.

Erst diese verbessern.......dann werden auch viele ...
Veranstaltungen in der Region