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Die Nordsee im Wandel

Jürgen Wendler 14.02.2019 0 Kommentare

Der Kabeljaubestand ist in der südlichen Nordsee stark zurückgegangen.
Der Kabeljaubestand ist in der südlichen Nordsee stark zurückgegangen. (Stefan Sauer/dpa)

Bei Fischen wie Sardinen und Sardellen, die wie die Heringe zur biologischen Ordnung der Heringsartigen gehören, kommen vielen Menschen sofort wärmere Gewässer wie das Mittelmeer in den Sinn. Inzwischen aber sind sie auch in der Nordsee vermehrt zu finden. Dafür macht sich hier der Kabeljau rar. Diese aktuellen Beispiele belegen, was für die Lebensgemeinschaften auf der Erde von jeher gilt: Sie unterliegen einem ständigen Wandel.

Während früher dafür jedoch allein natürliche Faktoren wie Naturkatastrophen oder klimatische Veränderungen verantwortlich waren, spielen heute außerdem menschliche Einflüsse eine große Rolle. Wie sich Fischbestände entwickeln, hängt vor allem von der Fischerei ab, wie eine kürzlich im Fachjournal „Frontiers in Ecology and the Environment“ veröffentlichte Studie belegt. Die beiden Autoren Fabian Zimmermann vom norwegischen Institut für Meeresforschung und Karl-Michael Werner vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven machen darin auch deutlich, dass sich mit verringerten Fischfangraten eine rasche Erholung von Beständen erreichen lässt.

Schollenbestände haben sich erholt

Die Nordsee ist ein Teil des Atlantischen Ozeans. Mit ihrer Fläche von rund 575 000 Quadratkilometern ist sie gut eineinhalb Mal so groß wie Deutschland, mit ihrer durchschnittlichen Tiefe von weniger als hundert Metern wesentlich flacher als viele andere Meeresgebiete. Dennoch spielt sie für eine Reihe von Staaten eine wichtige Rolle, sei es als Handelsweg oder auch wegen der Fischerei. Die südliche Nordsee zählt zu den Meeresgebieten der Erde, in denen die meisten Schiffe verkehren.

In ihrer Studie machen Zimmermann und Werner deutlich, dass der Rückgang zahlreicher Fischbestände im Nordostatlantik einschließlich der Nordsee im Zeitraum von 1960 bis 2000 im Wesentlichen eine Folge der Fischerei war. Sie zeigen aber auch, dass viele Bestände in den vergangenen gut zehn Jahren zugenommen haben. Verantwortlich dafür war aus ihrer Sicht, dass politische Vorgaben zu den Fangraten auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen umgesetzt wurden. Zu den Erfolgen rechnen Wissenschaftler unter anderem, dass sich die Schollenbestände in der Nordsee erholt haben. Laut Thünen-Institut war die Gesamtmasse an Schollen in der Nordsee seit Mitte der 1950er-Jahre niemals so groß wie im vergangenen Jahr.

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Für Fische gilt, dass sie selten ganz verschwinden – auch wenn die Bestände stark überfischt sind. Warum dies so ist, lässt diese Zahl erahnen: Ein einziger Kabeljau erzeugt pro Jahr bis zu zehn Millionen Eier. Die hohe Zahl von möglichen Nachkommen eröffnet die Möglichkeit, dass sich Bestände erholen, wenn sie eine Zeit lang in Ruhe gelassen oder Fangraten verringert werden. Vor diesem Hintergrund haben Fachleute wie der Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei, der Biologe Gerd Kraus, immer wieder für einen nachhaltigen Umgang mit den Beständen plädiert. „Für unsere europäischen Gewässer heißt nachhaltige Fischerei, dass immer nur so viel gefischt wird, dass die genutzten Fischbestände auf lange Sicht ihre maximale Produktivität entfalten können“, erklärte der Wissenschaftler. Dass sich Bestände wie die der Schollen erholt haben, werten er und seine Kollegen als Erfolg der europäischen Fischereipolitik.

Wärme bringt Kabeljau Probleme

Zu den Aufgaben der Mitarbeiter des Bremerhavener Thünen-Instituts gehört auch, sich einen Überblick über die Entwicklung bei den unterschiedlichen Fischarten zu verschaffen. Dabei hat sich zum Beispiel gezeigt, dass sich die Bestände der Schellfische, Seelachse, Seezungen und Seehechte in der Nordsee zurzeit auf einem stabilen Niveau bewegen. Dagegen ist der Kabeljaubestand in der südlichen Nordsee stark zurückgegangen, und bei Heringsbeständen beobachten Fachleute einen Mangel an Nachwuchs.

Die Wissenschaftler führen diese Entwicklungen nicht zuletzt auf den Klimawandel zurück. So hat Kraus darauf hingewiesen, dass der Kabeljau normalerweise wie viele andere Fische im späten Winter laiche. Wenn dann im Frühjahr die Menge an Planktonorganismen im Meer zunehme, fänden die geschlüpften Larven genügend Nahrung vor. Wegen der Erwärmung verschiebe sich die Laichzeit jedoch nach vorn – mit der Folge, dass es den Fischlarven an geeigneter Nahrung mangele.

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sich die Meere in aller Welt Expertenangaben zufolge um durchschnittlich 0,5 Grad Celsius erwärmt. Im selben Zeitraum, so heißt es, sei die Wassertemperatur der Ostsee um etwa 1,5 Grad gestiegen. Für die Nordsee haben Forscher seit den 1960er-Jahren eine Erwärmung um etwa 1,7 Grad ermittelt.

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Während Fische wie Sardinen und Sardellen mit diesen Bedingungen gut zurechtkommen, bereiten sie dem Kabeljau, der es kühler mag, Probleme. Wassertemperaturen um 20 Grad Celsius sind in heißen Sommern in der Nordsee heute keine Seltenheit mehr. Der Kabeljau toleriert aber nach Angaben von Experten des Alfred-Wegener-Instituts nur Temperaturen bis etwa 15 Grad. Zum Laichen benötige er Temperaturen zwischen drei und sieben Grad. Wie Forscher des Instituts herausgefunden haben, führt bereits eine geringe Erhöhung der Temperatur dazu, dass die Kabeljaueier absterben. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der schon in den vergangenen Jahren beobachtete Trend fortsetzen wird: Der Lebensraum des Kabeljaus verlagert sich immer weiter nach Norden.

Die beiden Forscher Zimmermann und Werner betonen vor diesem Hintergrund, dass zu einem nachhaltigen Fischereimanagement nicht nur die Beachtung der Fangraten gehöre. Berücksichtigt werden müsse auch, wie sich Veränderungen der Umwelt auf die Bestände auswirken könnten. Bei Arten wie dem Hering, dem die steigenden Temperaturen in der Nordsee genauso zu schaffen machen wie dem Kabeljau, besteht demnach die Gefahr, dass sie durch wärmeliebende Arten aus weiter südlich gelegenen Gewässern unter Druck geraten. Anders ausgedrückt: Andere Arten wie die Sardellen und Sardinen könnten ihnen Ressourcen streitig machen.

Etwa 70 Fischarten im Wattenmeer

Zurzeit kommen in der Nordsee weit mehr als zweihundert Fischarten vor – von den bereits genannten über Arten wie die häufig anzutreffende Kliesche oder Rauhe Scholle aus der Ordnung der Plattfische bis hin zu verschiedenen Vertretern der Makrelen-, Herings- und Lachsartigen sowie Arten von Grundeln, Aalen, Rochen und Haien. Nach Angaben der Schutzstation Wattenmeer leben allein im Wattenmeer, wo infolge der Gezeiten regelmäßig Bereiche trockenfallen, rund 70 Fischarten. Unter ihnen seien verschiedene Arten von Plattfischen und auffallend häufig Grundeln. Für den Nachwuchs von Schollen, Heringen, Wittlingen und Hornhechten sei das Wattenmeer die Kinderstube.

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Dass sich die Lebensgemeinschaften in der Nordsee nicht erst seit Kurzem unter dem Einfluss der Fischerei und des Klimawandels verändern, haben in den vergangenen Jahren veröffentlichte Studien gezeigt. Eine Gruppe um den Fischereibiologen Heino Fock vom Thünen-Institut für Seefischerei hat den ökologischen Wandel der südöstlichen Nordsee bis ins Jahr 1902 zurückverfolgt und dabei festgestellt, dass sich das Artengefüge deutlich verändert hat. So sind die Bestände an Haien und Rochen stark zurückgegangen. Dass die Fischerei erheblichen Einfluss auf die Artenzusammensetzung hat, zeigt sich nach Darstellung der Wissenschaftler auch beim Blick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wegen der eingeschränkten Fischerei während des Ersten Weltkriegs habe sich das Ökosystem erholt und sei nach dem Krieg in einem guten Zustand gewesen.

Folge des globalen Klimawandels

Eine genaue Vorstellung davon, wie sich die Lebensgemeinschaft im Bereich des Jadebusens seit den 1970er-Jahren verändert hat, vermittelt eine Studie, die vor wenigen Jahren von einer Forschergruppe um die Professorin Ingrid Kröncke vom Forschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven veröffentlicht wurde. Bei der Auswertung von Daten aus den Jahren 1972 bis 2014 stellten die Wissenschaftler unter anderem fest, dass sich die Anzahl der Arten insgesamt erhöht hat.

Kälteliebende Arten wanderten ab, und neue Arten nahmen ihre Plätze ein. Während klassische Nordseearten wie die Scholle oder der Kabeljau nach Darstellung Ingrid Krönckes und ihrer Kollegen mittlerweile seltener im Jadebusen auftreten, sind vermehrt Tiere wie Seezungen, Strand- und Schwimmkrabben anzutreffen, die an wärmere Temperaturen angepasst sind.

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Die veränderte Artenzusammensetzung sei eine Folge des globalen Klimawandels und der damit verbundenen Erhöhung der Wassertemperatur, erklärte nach der Veröffentlichung im Fachjournal „Estuarine, Coastal and Shelf Science“ die Wilhelmshavener Professorin. „Wir können hier von ‚Regime Shifts’ – Systemverschiebungen – sprechen“, ergänzte sie. Mit dem Ausdruck „Regime Shift“ bezeichnen die Fachleute dauerhafte Veränderungen in der Struktur und Funktion von Ökosystemen. Nicht auszuschließen ist nach ihrer Einschätzung, dass die Veränderungen im Jadebusen auch Folgen für kommerziell genutzte Fischarten in anderen Teilen der Nordsee haben werden. Wenn Arten aus der Meeresbucht verschwinden, bedeutet das zugleich, dass diese von ihnen nicht mehr als Kinderstube, als geschützter Raum für ihren Nachwuchs genutzt wird.


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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 17:47
Diese
,langsame und (auch) demonstrierende‘ Dame
war sich sicherlich darüber im Klaren,
dass 15km/h für einen 🚴🏿‍♀️ ganz schön ...
FloM am 23.10.2019 17:45
"Da sind wir wir letztlich recht nah beieinander"
Häufig ist das so, wenn man erst mal mehr als 140 Zeichen miteinander ausgetauscht hat ...
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