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Eine Kultmarke meldet sich zurück

Bärbel Rädisch 20.04.2019 0 Kommentare

Hier ist er zu Hause: Volker Wischnewskis Werkstatt strotzt vor Zeitzeugen und Anspielungen an Borgward.
Hier ist er zu Hause: Volker Wischnewskis Werkstatt strotzt vor Zeitzeugen und Anspielungen an Borgward. (Vasil Dinev)

„Du bist verrückt, wäre die Meinung meines Vaters gewesen, hätte ich vor Jahren gesagt, 2019 wird ein nagelneues Borgward-Modell bei uns auf dem Hof stehen“, meint Volker Wischnewski, der sich in Bruchhausen-Vilsen mit seiner historischen Tankstelle auf die alten Borgwardtypen spezialisiert hat. Dieter Bohlmann, zweiter Vorsitzender des Borgward-Clubs mit Sitz in Bremen chauffierte besagtes neues Modell mit der Typ-Bezeichnung "BX7 TS“, in China gebaut, am Mittwoch in den Luftkurort. Weitere Modelle seien bereits im Handel und führen auch schon auf Bremens Straßen. Da stand die kompakte Neuschöpfung in Magnetgrau mit Zwei-Liter-Maschine, 224 PS und 208 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit als Limited Edition neben einer cremefarbenen schlanken Isabella. Zwei Welten prallten in Vilsen jüngst aufeinander.

Seit 1999 mit dem Vater gemeinsam, inzwischen allein nach dessen Tod 2015, lässt Werkstattbesitzer Volker Wischnewski den alten Schätzen der Borgward-Reihe Pflege angedeihen, checkt sie durch und repariert sie in Sichtweite des Bahnhofs der Museumseisenbahn in Vilsen. Eine rote Arabella de luxe mit schwarzem Dach besaßen seine Eltern. „Ich war Hänseleien ausgesetzt, weil die Mütter meiner Mitschüler Golf oder Polo fuhren frotzelten sie, wir könnten uns wohl kein neues Auto leisten.“ Das schmälerte die Liebe des jungen Volkers allerdings nicht. Eine Arabella legte sich auch Bohlmann 2005 zu, gefolgt von einer Isabella-Limousine. Beide Männer sind der Meinung: „Das Neue willkommen zu heißen, schließt nicht aus, auf jeden Fall das Alte weiterhin wertzuschätzen.“

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Dass Bohlmann ein halbes Jahr lang diesen SUV fahren darf, ist das Ergebnis einer Reise nach China. 2015 verkündete Christian Borgward, der Enkel des in den Wirtschaftswunderjahren drittgrößten Automobilherstellers in Deutschland Carl F.W. Borgward, es werde eine Wiedergeburt des Namens seines Großvaters geben. „Wir wollen dorthin zurück, wo wir einmal waren, wir wollen bei den Großen dabei sein.“

Zu den Großen gehört zweifelsohne China, und man war dort sehr interessiert, eine deutsche Marke in Changping, einem Vorort von Peking, für Fahrzeuge im erschwinglichen Premium-Segment zu produzieren. Der Name Borgward war frei, seit das Bremer Unternehmen 1961 pleiteging. Jetzt produzieren mehr als 400 Mitarbeiter in einem der modernsten Werke Chinas bis zu sieben Modelle. 60 Prozent in jedem Modell sind deutsche Komponenten. Die Produktion wieder an die Weser zu holen, dürfte laut Bohlmann wegen der Deckelung des Kapitals wohl Wunschdenken sein.

Promotion-Tour für potentielle Käufer aus Asien

Die Vorsitzende des Borgward-Clubs, Marion Kayser, Bohlmann und eine Gruppe weiterer Mitglieder, schickten statt der zehn gewünschten vier ihrer Oldtimer per Schiff 2016 auf die Reise nach Asien. Eine Promotion-Tour sollte Borgward ins Bewusstsein potenzieller chinesischer Käufer rücken. Wobei der Fokus der Hersteller, neben Asien auf Südamerika, Portugal, Spanien liege. Bohlmann selbst durfte seinen Oldtimer während der Rundfahrt übrigens nicht steuern.

In China wird keine Fahrerlaubnis für über 70-Jährige genehmigt. „Auf der 1600 Kilometer langen Fahrt durch das Land gaben wir unentwegt Interviews. Über uns wurde in Zeitungen und im Fernsehen berichtet“, schwärmt Bohlmann. „'Bogwad ist da' hieß es immer, denn ein R zu sprechen fällt Asiaten schwer.“ Volker Wischnewski ist sich sicher, dass die Mitarbeit mit den Chinesen Borgward wieder ins Bewusstsein der Menschen bringt.

Borgward  Isabella Cabrio aus dem Jahr 1959
Carl F.W. Borgward  an einem seiner Fahrzeuge
 Im Juni 1954 wurde das Erfolgsmodell der Borgward-Werke erstmalig vorgestellt: die schöne
Das Erfolgsmodell von Borgward:
Fotostrecke: Borgward - Bremens legendäre Automarke

Wischnewski lernte Karosseriebau bei Mercedes, wollte dann aber nicht nur am Band stehen und absolvierte eine Ausbildung als KFZ-Mechaniker. Den Meister machte er 1998 an der Meisterschule in Hildesheim. Als im Gespräch war, das Haus in Vilsen mit der Werkstatt und der ehemaligen Tankstelle abzureißen, das sein Vater 1970 gekauft hatte, entschied sich der junge Meister für den Erhalt und die Selbstständigkeit. Heute ist dem Ort dadurch ein historischer Hingucker erhalten geblieben. Bundes- und Europaweit gibt es Borgward-Clubs.

Welttreffen von Borgwardbesitzern an der Bremer Waterfront

Der in Bremen wurde 1981 gegründet und zählt 170 Mitglieder. „Ein Deutscher, der in Swakopmund in Namibia lebt, gehört auch dazu. Er war schon bei einem unserer Treffen“, weiß Bohlmann. Immer wieder gebe es besondere Events, wie er berichtet: „Eine der ersten Amtshandlungen unserer Vorsitzenden, Marion Kayser, war 2016 die Organisation eines Welttreffens von Borgwardbesitzern an der Bremer Waterfront. 450 Fahrzeuge waren zu besichtigen, und es kamen Besucher aus 16 Nationen.“

Die Faszination erstreckte sich vom 1924 konstruierten Blitzkarren zum Goliath Dreirad, mit dem Scharen von Gemüsehändlern und Handwerkern ihrem Gewerbe nachgingen, über den 1949 konstruierten Lloyd mit seiner Karosse aus Sperrholz – 350 000 wurden davon verkauft – bis zum Hansa 1500 und der besagten Isabella, die in 130 Länder exportiert wurde. Die fehleranfällige Arabella läutete schließlich den Beginn des Untergangs ein: Der US-Markt brach ein, mit 17 Millionen Mark Verlust begann der Abstieg. Eine dritte Kreditrate, die der Bremer Senat dem Autobauer bewilligt hatte, wurde nicht ausgezahlt.

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Im Januar 1961 erfuhr Borgward durchs Fernsehen, dass seine Werke zahlungsunfähig seien – zehn Millionen Mark fehlten zur Liquidität. Carl Friedrich Wilhelm Borgward, der Designer von mehr als 63 Modellen, fasziniert den Schrauber und Tüftler Wischnewski nach wie vor. Der Experte widmet sich daher auch lieber den älteren Modellen. „Die jetzigen Modelle sind die Produkte des 21. Jahrhunderts. Sie gehören zu einer neuen Zeit. Ich arbeite an solchen, die man nicht mit einem Diagnosegerät einlesen muss“, sagt er. „Aber beide haben ihre Berechtigung.“

Wer Lust hat, einmal am Stammtisch teilzunehmen – auch ohne eigenen Borgward – kann das am ersten Sonntag jeden monats ab 10 Uhr im Achimer Gasthaus Gerken machen. Am 1. Mai findet zudem das jährliche Oldtimer-Treffen sämtlicher Marken auf dem Marktplatz in Bruchhausen-Vilsen statt.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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