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Erziehung zum Frieden

Justus Randt 19.08.2018 0 Kommentare

Diakon und Friedenspädagoge Michael Freitag-Parey auf dem Gelände der NS-Gedenkstätte Sandbostel.
Diakon und Friedenspädagoge Michael Freitag-Parey auf dem Gelände der NS-Gedenkstätte Sandbostel. (Dieter Sell)

Hannover/Sandbostel. Das ehemalige Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Stalag XB Sandbostel ist heute ein Gedenk-, Erinnerungs- und Lernort. Neuerdings kann sich das im Landkreis Rotenburg gelegene Lager auch Friedensort nennen.

Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers fördert die Arbeit der Gedenkstätte und fünf weiterer Friedensorte. Sie alle „machen Bildungsarbeit für unterschiedliche Altersgruppen und übernehmen für Kirchenkreise und Sprengel stellvertretende Aufgaben im Rahmen der Friedensarbeit“, heißt es in der landeskirchlichen Mitteilung zur erfreulichen Botschaft: Die ausgewählten Friedensorte werden mit insgesamt 580 000 Euro gefördert.

Die Förderung aus dem Fonds Friedenswege werde erstmals ausgeschüttet, teilt die Landeskirche mit. Der Fonds wiederum war auf Beschluss des Kirchenparlaments im vergangenen Jahr eingerichtet worden, um „langfristig angelegte Friedensarbeit“ zu fördern. Eine Beschreibung, die auf die Sandbosteler Gedenkstätte wie zugeschnitten passt: Michael Freitag-Parey ist dort seit 2014 als Friedenspädagoge damit beschäftigt, kirchliche Gruppen und Schulklassen zu betreuen, die sich mit dem historischen Ort auseinandersetzen wollen.

Hinzu kommt die Betreuung der jährlich wechselnden internationalen Jugend-Workcamps und „Peace-Trains“, die Jugendliche mit Zeitzeugen und deren Nachfahren in Kontakt bringen. 2017 hatte die Reise nach Großbritannien zu Familien früherer Soldaten und Ärzte geführt, die bei der Befreiung Sandbostels dabei gewesen waren: Britische Soldaten stießen dort im April 1945 auf etwa 14 000 Kriegsgefangene und 7000 Konzentrationslager-Häftlinge. Die Inhaftierten kamen aus der Sowjetunion, Frankreich, Italien, und Belgien. Im kommenden Jahr soll der „Friedenszug“, der aus drei Kleinbussen besteht, in die Normandie und in die Bretagne fahren.

Stelle ist gesichert – vorerst

Noch wird Michael Freitag-Pareys Stelle gemeinsam finanziert vom Kirchenkreis Bremervörde-Zeven und der Landeskirche. „Ende Februar 2019 läuft das Modell aus“, sagt der Friedenspädagoge. Mit der Förderung aus dem Friedenswege-Fonds könne diese Arbeit – seine Stelle – zwei weitere Jahre finanziert werden. Das verschaffe der Institution den nötigen Aufschub, die Finanzierung ab März 2021 zu klären. „Ziel ist es, die Stelle zu verstetigen. Es wäre schade um das, was dort inzwischen gewachsen und zum Teil geerntet ist.“ Damit sind „friedenspädagogische Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene“ gemeint – zu denen beispielsweise Antirassismus-Workshops zählen: „An diesem historischen Ort gab es ja auch Ungleichbehandlungen, beispielsweise den alltäglichen latenten Rassismus gegen sowjetische Kriegsgefangene“, weiß Diakon Freitag-Parey.

Im Gespräch über diesen historischen Ort könnten die Jugendlichen schnell einen Bezug herstellen zur Gegenwart, sagt der Friedenspädagoge und meint Beispiele wie die italienische Flüchtlingspolitik, den politischen Rechtsruck in Polen, die Situation in der Türkei. „Erwachsene denken eher: Das darf sich nicht wiederholen. Die Frage, die sich an diesem  Ort stellt, ist: Was wäre unsere Aufgabe, um das zu verhindern? Wie können wir in unserem Umfeld, in unseren Milieus, Dinge verändern?“

Schon früher hat er Grundschulklassen besucht. In diesem Jahr hat Michael Freitag-Parey zum ersten Mal eine vierte Klasse eingeladen und den Kindern – und ihren Eltern – Lagerküche, Unterkunftsbaracke und Latrinenraum gezeigt – nicht allerdings die Ausstellung. „Man vertut sich, wenn man das Thema an der Grundschule vorbeiführt“, sagt er. „Die Kinder waren so wissbegierig. Krieg und Frieden ist etwas, das sie elektrisiert. Es ist eine Chance, ihnen vieles zu vermitteln, ehe sie sonst in der fünften Klasse ohne Vorwarnung mit Inhalten des Zweiten Welt-
krieges konfrontiert werden und vielleicht verstört sind.“ In diesem Alter bekämen fragende Kinder zu Hause oft zu  hören: Das erkläre
ich dir später. „Aber sie bekommen sowieso etwas davon mit, und dabei hilft ein Rahmen, in den sie ihre Puzzleteile einordnen können.“

Weitere geförderte Friedensorte sind die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld, ein Stadtteil von Norden, der Uelzener Verein Woltersburger Mühle und die Jugendbildungsstätte Anne-Frank-Haus des CVJM-Landesverbandes Hannover. Das Antikriegshaus Sievershausen des Vereins Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und über Friedensarbeit Sievershausen gehört ebenso dazu wie der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt, der sich mit einem Weltcafé als „Bildungs- und Aktionsort“ für „zukunftsfähiges Wirtschaften, öko-faire Beschaffung und globales Lernen für einen gerechten Frieden“ einsetzen will.

„Kirche des gerechten Friedens“ lautet auch der Titel eines ökumenischen, „friedensethischen Prozesses“, an dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), viele Landeskirchen, die katholische Kirche und weitere Kirchen mitarbeiten. Mit den Friedensorten macht sich auch die Landeskirche Hannovers zum Teil der Bewegung, will sie „Schritte zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ in ihren Gemeinden verstärkt ins Bewusstsein rücken. Bei den Haushaltsplanungen für die Jahre 2019 und 2020, teilt die Landeskirche mit, werde sich erweisen, ob weiterhin Geld für den Fonds Friedenswege bereitgestellt werde.


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
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