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Bürgerinitiative No Moor Gas
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Gasindustrie unter Beobachtung

André Fesser 23.03.2019 1 Kommentar

Rundgang an einer Anlage der Deutschen Erdöl AG bei Grasdorf: die Mitglieder der Bürgerinitiative No Moor Gas, Meike Artmann (links) und Anja Büssenschütt.
Rundgang an einer Anlage der Deutschen Erdöl AG bei Grasdorf: die Mitglieder der Bürgerinitiative No Moor Gas, Meike Artmann (links) und Anja Büssenschütt. (André Fesser)

Fernglas, Mütze, Messgerät, dazu feste Schuhe und eine dicke Jacke – Andreas Rathjens hat alles dabei, was er braucht. Wie so oft ist der Umweltschützer an einer der Erdgasanlagen im Landkreis Verden unterwegs. Rathjens macht seine Platzrunde, draußen am Zaun.

An diesem Tag ist er nicht allein. Mit dabei sind ein paar Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) No Moor Gas, die ebenfalls mal schauen wollen, was sich auf den Anlagen der Deutschen Erdöl AG (Dea) bei Völkersen tut. Vor Monaten hatte sich die BI aus Bürgern vor allem aus Ottersberg und Grasberg gebildet, nachdem bekannt geworden war, dass die Dea ihre Erdgasförderaktivitäten in der Region noch ausweiten möchte. Seitdem haben die Aktivisten fast täglich mit diesem Thema zu tun. Auch Besuche an den Förderanlagen der Dea sind für sie zur Regel geworden.

Die Bürger wollen den Gasförderern auf die Finger schauen, auch wenn das durch die Maschendrahtzäune rund um die Anlagen erschwert wird. Zugleich organisieren sie Touren, um Interessierten zu zeigen, wie es vor Ort aussieht und von ihren Beobachtungen zu berichten. An diesem Sonntag steigt die nächste Gastour. In einem Bus fahren die Teilnehmer dann von Anlage zu Anlage und drücken sich an den Einfriedungen herum. So wie Rathjens und die anderen es schon an diesem Tag machen.

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Für den 66-Jährigen ist es ein Heimspiel. Für Meike Artmann erst recht. Die Kommunalpolitikerin sitzt für die Grünen im Gemeinderat in Lilienthal und ist eine der treibenden Kräfte der Bürgerinitiative. Aufgewachsen aber ist sie dort, wo die Dea schon seit Jahrzehnten das Gas aus der Erde holt. Dort hinten habe ihre Familie gelebt, erzählt sie bei der Anfahrt und deutet mit dem Finger aus dem Fenster. Ein Stück weiter, an dem kleinen Wasserlauf zwischen Acker und Waldstück, habe sie als Kind gespielt. Diesen Wasserlauf wird Artmann nicht vergessen, sagt sie. Gleich in der Nähe befindet sich eine Erdgasanlage. Als sie mal mit ihren Freunden am Wasser gestanden habe, seien Arbeiter zu ihnen gelaufen und hätten die Kinder verjagt: Nicht ins Wasser, hätten sie gerufen, es sei giftig! Hört man Artmann zu, wirkt es, als sei dies ein Schlüsselmoment gewesen, der ihre Einstellung zum Gas geprägt hat.

„Habt ihr gefackelt?“

Auch Andreas Rathjens hat so einen Moment. Vor Jahren erkrankte er an Krebs. In der Klinik in Hamburg traf er auf lauter Menschen, denen es ähnlich ging. Einige kamen wie er aus dem Raum Rotenburg, wo das Gas gefördert wird – ein Zufall? Heute wartet Rathjens mit den anderen vor dem Tor einer Dea-Anlage in Grasdorf. Am Tor steht ein Arbeiter und raucht. Rathjens quatscht ihn an: „Habt ihr gefackelt?“ Der Arbeiter murmelt irgendwas – er wisse auch nicht – und dreht sich weg. Die Antwort kann sich Rathjens denken. Und er kann sie sehen. Auf einem Lastwagen liegt ein Fackelrohr, bereit zum Transport. Es ist voller Ruß. Ein Unding, schimpft Rathjens, es müsste vor Ort gereinigt werden.

Es sind auch solche Dinge, mit denen die BI-Angehörigen der Gasindustrie nachweisen wollen, dass sie nicht sauber arbeitet. Die Gasförderung habe so viele Aspekte, über die es sich zu reden lohnt, sagt Jörn Schumm, der bei No Moor Gas die Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Und es sei eben viel mehr passiert, als  Dea-Vorstand Dirk Warzecha kürzlich gegenüber unserer Redaktion eingeräumt habe. Es gebe die großen Fragen – zu den Erdbeben, die die Region erschüttert haben, zur Verpressung des belasteten Lagerstättenwassers in die Erde, zum Trinkwasserschutz oder zur Häufung von Krebsfällen im Raum Rotenburg. Es gebe aber eben auch die kleinen Dinge, die auf und an den Förderanlagen geschehen.

"Wir wollen den Verzicht auf die Förderung"

Beim Rundgang um die Anlagen bleiben Rathjens und die anderen alle paar Meter stehen, um sich zu empören: Bei Holtebüttel stehen Fässer mit vermutlich giftigem Inhalt aus Sicht des Umweltschützers nicht dort, wo sie stehen sollten. In Grasdorf läuft Oberflächenwasser von der Arbeitsfläche der Anlage in die freie Natur. Immer wieder der Vorwurf, dass die Anlage gegen die Ausbreitung von Schadstoffen in die Umgebung nicht abgeschirmt ist. Und schließlich dieser Gestank. Bei Grasdorf stehen die Besucher plötzlich in einem Luftstrom, der in der Nase beißt. Rathjens hat ein Messgerät dabei, das einen Wert anzeigt. Was der Wert besagt, bleibt unklar.

Die Dea hat gemerkt, dass sie in Sachen Gasförderung die Deutungshoheit verloren hat und in der Region plötzlich nicht mehr wohl gelitten ist. Man wolle mehr kommunizieren und die eigene Arbeit erklären, hatte die Unternehmensspitze kürzlich angekündigt. Was das bedeutet, erleben die Gasgegner auch bei ihrer Rundfahrt. An allen drei Dea-Standorten, die sie an diesem Tag abfahren, stehen plötzlich Verantwortliche am Zaun. Sie lächeln freundlich, wollen aber auch wissen, warum die Gäste gekommen sind und welche Fragen sie haben. Ein kurzer Schnack, man kennt, vor allem aber: man belauert einander. Dann trennt man sich wieder und winkt noch mal: Bis zum nächsten Mal!

So wird es weitergehen, auch wenn die Rundfahrt für diesen Tag vorüber ist. „Die Dea will den Dialog, wir aber wollen den Verzicht auf die Förderung“, sagt Jörn Schumm. Da gebe es keinen Kompromiss.


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