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Oldenburger Tedx-Konferenz
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Gegen das Vergessen

Nico Schnurr 15.05.2019 0 Kommentare

Die Oldenburgerin Katharina ­Müller-Spirawski ­besucht Erna de Vries, eine der 29 Holocaust-Überlebenden, deren ­Geschichte der ­Verein Heimatsucher bereits weiterträgt.
Die Oldenburgerin Katharina ­Müller-Spirawski ­besucht Erna de Vries, eine der 29 Holocaust-Überlebenden, deren ­Geschichte der ­Verein Heimatsucher bereits weiterträgt. (HEIMATSUCHER)

Wenn Siegmund Pluznik von seiner Flucht vor den Nazis erzählt hat, ging es früher oder später immer um Tennis. Er berichtete dann von einer Zeit im Sommer 1944, als er zusammen mit einer Gruppe junger Männer Ungarn durchquerte, weg von der Arbeit, zu der sie über Monate auf einer Donauinsel im Süden von Budapest gezwungen wurden.

Auf ihrem Weg fanden sie einen Sack weißer Kleidung. Jacken, kurze Hosen, Socken: alles weiß. So, dachten sie, laufen doch nur Tennisspieler rum. Also zogen sie die Sachen an und gaben sich als Nachwuchs-Nationalmannschaft aus. Kurz vor Rumänien klauten sie ein Auto, eine Tennisauswahl würde ja kaum zu Fuß über die Grenze gehen. Sie schafften es bis nach Istanbul. Der Tennistrick funktionierte. Er half Siegmund Pluznik zu überleben.​

Katharina Müller-Spirawski mag diese Geschichte. Sie passt zu Pluznik, der trotz allem Leid in seinem Leben ein lustiger Mann war. Als Zeitzeuge des Holocaust hat er die Tennis-Geschichte an vielen deutschen Schulen erzählt, immer wieder. Bis zu seinem Tod vor drei Jahren. Seitdem erzählt sie Müller-Spirawski. Die Oldenburgerin ist Vorsitzende des Vereins Heimatsucher.

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Sie will die Geschichten der Zeitzeugen lebendig halten, auch nachdem sie verstorben sind. Wie Erinnerung funktioniert, wenn die, die sich erinnern, immer weniger werden, wird Müller-Spirawski am Donnerstag erklären. In Oldenburg, bei der ersten Tedx-Konferenz. Müller-Spirawski wird dann auf einer kahlen Bühne stehen. Der Raum wird abgedunkelt sein, im Hintergrund werden rote Buchstaben leuchten. Die Kulisse wird dafür sorgen, dass die Zuhörer kurz glauben könnten, sie wären bei einer Predigt oder auf einem Popkonzert, das gleich beginnt.

Und dann wird Müller-Spirawski erzählen, 18 Minuten lang. Später wird ein Video ihres Auftritts auf Youtube zu finden sein. Das alles lässt sich so genau sagen, weil die Vorträge immer dem gleichen Muster folgen. Egal, ob nun Katharina Müller-Spirawski im Halbdunkel steht, Aktivistin Greta Thunberg vom Klimawandel erzählt oder Koch Jamie Oliver von Fettleibigkeit berichtet. Egal, ob die Vorträge in Kalifornien stattfinden, wo die Ted-Konferenz 1984 gegründet wurde, oder nun auch in Niedersachsen: Am Ablauf ändert sich nichts.

Die berühmteste Vortragsreihe der Welt will natürlich alles sein außer: eine Vortragsreihe. Die Ted-Konferenz, deren Ableger außerhalb der USA Tedx heißen, versteht sich als Ideenfestival. Es gibt kein Pult und kein Powerpoint-Gewitter. Nur gedimmtes Licht auf die Redner, die keine Vorträge halten, sondern Geschichten erzählen sollen. In Oldenburg werden sie am Donnerstag von solidarischer Landwirtschaft handeln, vom Kampf gegen Leukämie, von Autoradios mit Touch-Display. Und davon, wie Erinnerung lebendig bleibt.

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Katharina Müller-Spirawski wird erzählen, dass die Zeit knapp wird. Dass schon bald keine Überlebenden mehr vom Holocaust berichten können. Dass sie will, dass ihre Geschichten nicht verloren gehen. Sie wird über die Vereinsarbeit sprechen. 29 Zeitzeugen haben sie bislang getroffen, sechs weitere sollen bald folgen. Jedes Jahr erreicht der Verein 2500 Schüler mit den Geschichten. Vor allem aber wird Müller-Spirawski auf der Tedx-Bühne berichten, wie das für sie war, den Zeitzeugen zu begegnen.

Sie war noch eine Lehramtsstudentin, als Müller-Spirawski Erna de Vries dabei zuhörte, wie sie einer Grundschulklasse von Auschwitz erzählte. „Ich habe mich damals gefragt: Wie schafft man es, Auschwitz zu erklären, ohne dass die Kinder gar nicht mehr aufhören zu weinen?“ Müller-Spirawski beeindruckte, wie einfühlsam de Vries zu den Kindern sprach.

Bald darauf saß sie in de Vries‘ Wohnzimmer und hörte einer damals fast 90-Jährigen zu, die sagte: „Meine Geschichte darf nicht sterben.“ Da war Müller-Spirawski klar, dass es Menschen braucht, die Zeitzeugen besuchen, ihnen zuhören, alles dokumentieren und ihre Erinnerungen weitertragen. Siegmund Pluznik hatte sie in einem Dokumentarfilm gesehen. „Ich dachte: Was für ein übermäßig fröhlicher Typ, den muss ich unbedingt treffen.“ Müller-Spirawski fuhr nach Frankfurt, wo Pluznik in einem Altenheim lebte. Sie unterhielten sich stundenlang, freundeten sich an.

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Pluznik rief in der Zeit darauf wöchentlich bei Müller-Spirawski an und erkundigte sich, wie ihr Studium lief. Später hielt sie eine Rede auf seiner Beerdigung. Und nun wird Katharina Müller-Spirawski am Donnerstag auf einer abgedunkelten Bühne in Oldenburg stehen, vor rot leuchtenden Buchstaben, und sie wird von einem Mann erzählen, der sich einst als Tennisspieler tarnte, um zu überleben.

Zur Sache

Ein Ideenfestival expandiert

Die Ted-Konferenz hat erstmals 1984 in Monterey (Kalifornien) stattgefunden. Sie wurde vom Architekten Richard Saul Wurman ins Leben gerufen, der Technologie-Entwickler mit Designern und anderen Vordenkern zusammenbringen wollte. Anfangs war die Konferenz eine geschlossene Gesellschaft.

Man konnte sich nicht anmelden, man wurde eingeladen, um einen vierstelligen Eintrittspreis zu zahlen. Erst der Verleger Chris Anderson machte das Elitetreffen zum Massenmedium. Im Jahr 2001 kaufte seine nicht-kommerzielle Sapling-Stiftung die Ted für 14 Millionen Dollar. Fünf Jahre später gingen die ersten Videos online. Seitdem hat sich die Ted zu so etwas wie einer virtuellen Konferenz entwickelt. Inzwischen wird ein Großteil der Vorträge kostenlos in Netz gestellt, man findet die Videos auf Youtube und der Ted-Homepage.

Sie wurden insgesamt mehr als drei Milliarden Mal abgerufen. In den 18-minü- tigen Vorträgen auf der Ted-Konferenz werden innovative Ideen und Gedanken präsentiert, inzwischen zu fast allen Themen. Seit 2009 finden auch weltweit unabhängig organisierte Konferenzen statt. Die lokalen Ableger nennen sich Tedx.


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