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Erschreckende Szenen bei Tiertransporten
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Grausames Geschäft mit kranken Kühen

Karsten Wisser 13.04.2019 3 Kommentare
Kranke Rinder werden qualvoll vom Transporter gezerrt.
Kranke Rinder werden qualvoll vom Transporter gezerrt. (SOKO Tierschutz)

Ein Einzelfall oder Tierquälerei mit System? Grausame Szenen hat die Soko Tierschutz beim Aufladen und Transport von Rindern dokumentiert. Vom betroffenen Schlachtbetrieb aus Düdenbüttel, von Landwirten und aus dem zuständigen Veterinäramt gibt es jetzt Reaktionen.

Die Bilder sind erschütternd. Offensichtlich kranke Rinder werden mit einer Seilwinde auf einen Anhänger gezogen. Die Tiere werden getreten und mit Mistforken bearbeitet. Die Aufnahmen sind teilweise so schlimm, dass sie im Internet nur mit einem Warnhinweis gezeigt werden. Die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz hat zwei von vier Transporter des Schlachthofs in Düdenbüttel vom 7. März bis zum 1. April beobachtet, dabei schlimme Szenen auf Bauernhöfen in der Region dokumentiert und zahlreiche Strafanzeigen gegen den Schlachthof, 20 Landwirte und das Veterinäramt Stade erstattet. Die Aufnahmen waren am Dienstagabend erstmals in der TV-Sendung „plusminus“ zu sehen.

Die Soko Tierschutz erhebt neben dem Vorwurf der Tierquälerei an Halter, Transporteure und den Betrieb massive Vorwürfe gegen das beim Landkreis Stade beheimatete Veterinäramt. „Besonders das Versagen der Leitung des Veterinäramtes wiegt schwer. Die amtlichen Tierärzte haben systematisch weggeschaut und so nicht nur entsetzliche Tierquälerei, sondern auch eine massive Gefährdung der Verbraucher verursacht“, sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Die Amtschefin habe nicht einmal während der von Soko Tierschutz ausgelösten Kontrolle verhindert, dass viele Tonnen Fleisch in die Hamburger Region und in die Niederlande transportiert worden seien. Ein Großabnehmer im niederländischen Enschede bezog nach Aussage der Soko Tierschutz regelmäßig Fleisch aus Düdenbüttel und verteilte es in der EU. „Es wurde zu Döner, Spareribs, Burgern und Köttbullar verarbeitet“, so die Soko.

Da die Mitarbeiter der Kreisverwaltung in den laufenden Ermittlungen betroffen sind, ist die zuständige Stelle mit Aussagen zum konkreten Fall zurückhaltend. Die Aufnahmen lassen wenig Zweifel daran, dass in dem Schlachthof systematisch kranke und schwer verletzte Tiere geschlachtet worden sind. Das Video-Material ist in vielen Fällen so eindeutig, dass Landrat Michael Roesberg und Kreis-Dezernentin Nicole Streitz davon ausgehen, dass Transport- und Schlachtaktionen illegal erfolgt sind.

Landrat bestätigt Teil der Vorwürfe

„Nach unseren Erkenntnissen stimmt ein Teil der Vorwürfe. Insoweit ist es nicht hinnehmbar, und am Ende haben Gerichte zu entscheiden, ob sich jemand strafbar gemacht hat. Wir stecken zusammen mit der Staatsanwaltschaft in umfangreichen Ermittlungen und wollen alles lückenlos aufklären. Der Betrieb verhält sich kooperativ“, sagt Landrat Roesberg. Die Priorität sei das Tierwohl gewesen, so Dezernentin Streitz.

Die Rückholung des Fleisches sei am folgenden Tag vorsorglich veranlasst worden. Von dem noch auf dem Betrieb am fraglichen 3. April vorhandenen Fleisch sei nichts in den Handel gekommen. Was auf den Bildern zu sehen ist, lässt sich auch nicht durch das legale Instrument der Notschlachtung erklären. „Kranke oder verletzte Tiere dürfen nicht transportiert werden. Die Halter müssen einen Tierarzt holen, der entweder Maßnahmen zur Heilung oder eine tiergerechte Tötung zu veranlassen hat“, sagt Tierärztin Sibylle Witthöft vom Kreisveterinäramt. Dieses hat nach Sichtung von 93 Gigabyte Filmmaterial auch Strafanzeige gegen die Tierhalter und die Mitarbeiter des Schlachtbetriebs gestellt und das gesamte Material der Staatsanwaltschaft Aurich übergeben. Völlig verstörte Rinder wurden bei vollem Bewusstsein von Schlachthof-Mitarbeitern mit Seilwinden in die Tiertransporter geschleift. Inzwischen gab es auch eine Hausdurchsuchung der Polizei in Düdenbüttel.

Versteckte Kameras im Schlachthof zeigen einen amtlichen Tierarzt, der sich nach Interpretation der Soko Tierschutz beim Anblick von illegalen Transporten schnell umdreht und verschwindet. Die amtlichen Tierärzte sind nebenberuflich für das Veterinäramt tätig und arbeiten als normale Tierärzte. „Sie sind ein Schwachpunkt im System, weil sie von den Betrieben finanziell abhängig sind“, sagt Friedrich Mülln. Diese beiden in Düdenbüttel tätigen Tierärzte werden vom Veterinäramt bezahlt, nicht vom Betrieb.

Nach Aussage des Stader Rechtsanwaltes Heinz-Jürgen Klüsener hat der Betrieb 15 Mitarbeiter und führt am Tag rund 50 Schlachtungen durch. „Die große Masse findet ohne Beanstandungen statt“, so der Rechtsanwalt. Probleme gebe es nur bei den von Landwirten am Hof abgeholten Tieren. „Auch die Betreiber waren entsetzt, als sie die Bilder gesehen haben“, sagt Heinz-Jürgen Klüsener. Sie seien aber auch entsetzt darüber, wie offen die Tierschützer zum Anbringen von versteckten Kameras Hausfriedensbruch begingen. Der Betrieb habe angeboten, bis nach Ostern keine Schlachtungen mehr durchzuführen: „Der Betrieb wird von der Familie in der vierten Generation geführt.“ Tatsächlich bestätigten Landwirte aus der Region, es sei bekannt gewesen, dass in Düdenbüttel auch leicht angeschlagene Tiere, die größere Schachthöfe ablehnen, angenommen würden.

Das Ausmaß der Tierquälerei hat aber auch bei vielen Landwirten große Betroffenheit ausgelöst. Die versteckten Kameras an den Tiertransportern der Firma zeigen zum ersten Mal, wie Bauern kranke Kühe grausam und vermutlich illegal entsorgen.

Eine besonders schlimme Szene zeigt ein Hanfseil, das während des minutenlangen Verladens mit der Seilwinde in das Auge des panischen Rindes schneidet. „Ich bin geschockt“, sagt Kreislandwirt Johann Knabbe. „Wer so etwas macht, ist für mich kein Berufskollege mehr“, sagt der oberste Vertreter der Landwirte im Kreis.


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Leserkommentare
admiral_brommy am 15.10.2019 20:58
Was ist mit dem Kampf gegen Links und linke Hetze?

Gleiches Recht für alle.
lamento am 15.10.2019 20:56
Tja, und ein Großteil der AfD Wähler ist schon längst dem Jugendalter entwachsen
... für Populismus aber mindestens genauso ...
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