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Keine echte Schulleitung
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Keiner will nach Schüttorf

Martin Wein 05.05.2019 0 Kommentare

Frank Stöber steht an der Spitze des niedersächsischen Schulleiterverbandes. Mehr Zeit und bessere Bezahlung sind für ihn im Kampf gegen die ­unbesetzten ­Leitungspositionen unerlässlich.
Frank Stöber steht an der Spitze des niedersächsischen Schulleiterverbandes. Mehr Zeit und bessere Bezahlung sind für ihn im Kampf gegen die ­unbesetzten ­Leitungspositionen unerlässlich. (Hollemann/DPA)

Die 20 Mädchen und Jungen, die in diesem Sommer die katholische Grundschule in Schüttorf in Richtung Gymnasium, Real- oder Hauptschule verlassen, haben in ihrer ganzen Schulzeit keine echte Schulleiterin oder einen Schulleiter erlebt. Auch den Jahrgängen vor ihnen ging es nicht besser. Die kleine Schule in der Grafschaft Bentheim mit 67 Schülern und sieben Lehrkräften wird seit mehr als acht Jahren nur kommissarisch geleitet. Zunächst übernahm eine ältere Kollegin die Aufgabe als die bisherige Leiterin erkrankte. Sie dachte an eine kurze Vakanz. Kurz vor der Pensionierung mochte sie sich daher nicht mehr für den Posten qualifizieren und der geforderten Prüfung unterziehen. Doch das Provisorium bestand letztlich fünfeinhalb Jahre. Seit 2016 teilen sich zwei Lehrerinnen die Aufgabe ebenfalls kommissarisch. Eine offizielle Leitung in Halbzeit sieht das Schulgesetz schließlich nicht vor.

Nun ist es nicht so, dass das zuständige Landesschulamt in Lüneburg keinen Ersatz gesucht hätte. Ganze 27 Mal wurde die vakante Stelle bislang im Schulverwaltungsblatt ausgeschrieben, allerdings auch nur dort, berichtet Behördensprecherin Bianca Schöneich auf Anfrage. Doch unter Niedersachsens rund 82 000 Lehrkräften ohne Führungsaufgaben ist niemand bereit, in Schütttorf Verantwortung zu übernehmen. Die bislang einzige Bewerberin zog nach der letzten Ausschreibung aus persönlichen Gründen zurück.

Schüttorf ist kein Einzelfall: In Friesoythe sucht die katholische Grundschule Hohefeld seit Sommer 2011. Hier gab es 23 Ausschreibungen. Auf 300 Stellenausschreibungen an 57 Schulen im Land ging keine einzige Bewerbung ein, berichtet die Landesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im Landtag. Würden nicht etliche Schulen aufgegeben, weshalb eine Ausschreibung in einigen Fällen seit 2010 unterblieb, fiele die Bilanz noch deutlich schlechter aus. Insgesamt waren im März 185 von rund 3000 allgemein- und berufsbildenden Schulen ohne Leitung – überwiegend Grundschulen im ländlichen Bereich. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Vakanzen lediglich um neun verringert. Auch 200 Stellvertreter-Posten sind aktuell offen.

Diverse unbesetzte Stellen gibt es auch im Bremer Umland. Die Grundschulen in den ­Syker Stadtteilen Heiligenfelde und Barrien werden ebenso kommissarisch geleitet wie drei Grundschulen in Delmenhorst. Das gilt auch für das Ritterhuder Gymnasium. Dort ist die Leitungsstelle seit einem Jahr unbesetzt, nachdem die bisherige Direktorin gegen den Wunsch der Schulbehörde vorzeitig in den Ruhestand ging.

Offener Brief zum Abschied

Seit Herbst letzten Jahres hat zudem das Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck keinen Direktor mehr. Schulleiter Stefan Stamp-Focke hatte sich frustriert nach Lilienthal versetzen lassen. Er habe in den vier Jahren seiner Dienstzeit „unerträglich viele ungerechte Angriffe auf mich als Schulleiter akzeptieren müssen“, die ihn persönlich beschädigen sollten, schrieb Stamp-Focke in einem offenen Brief zum Abschied. Inzwischen ist auch die stellvertretende Schulleiterin langfristig erkrankt. Die Kooperative Gesamtschule Kirchweyhe ist seit Februar auf der Suche nach einem neuen Chef. Schulleiter Martin Baschta verabschiedete sich nach nur zweieinhalb Jahren ins Niedersächsische Landesamt für schulische ­Qualitätsentwicklung. Er werde von dort nun den Blick „von außen auf die Schulen“ richten, erklärte er. Dem Stellvertreter blieben nur zwei Tage, um sich darauf einzustellen. Immerhin gibt es in Kirchweyhe bereits einen Bewerber für den vakanten Posten.

Frank Stöber wundert die unbefriedigende Situation kein bisschen. Der Pädagoge übernimmt seit 2003 Leitungsaufgaben an niedersächsischen Schulen. Derzeit baut er die neue Gesamtschule in Uetze auf und steht im Ehrenamt an der Spitze des Niedersächsischen Schulleiterverbandes. „Ich kann jeden verstehen, der gerade in der Grundschule diesen Job nicht machen möchte“, sagt Stöber. Von den 28 Regelstunden würden Grundschulleitern elf Schulstunden für ihre Verwaltungsaufgaben erlassen. „In dieser Zeit müssen Sie ­Elterngespräche führen, Unterricht der Kollegen besuchen, Korrespondenzen führen und das Schulleben organisieren.“ Da viele Schulen nur stundenweise eine Sekretärin und einen Hausmeister bekommen, gehöre auch der Telefondienst und der Kakao-Verkauf schon mal dazu. Und das bei einer Gehaltsstufe A 13, die auch jeder Gymnasiallehrer ohne Führungsverantwortung bekomme. Rund 400 Euro zusätzlich gibt das Land damit neuerdings seinen Grundschulleitern.

Mehr Zeit und bessere Bezahlung sind für Stöber mithin unerlässlich. Eine Eingruppierung in A 14 und nur noch zehn Stunden Unterrichtspflicht pro Woche würden den Beruf attraktiver machen, glaubt er einvernehmlich mit der FDP-Opposition im Landtag. „Die bisherigen Entlastungen der Schulleiter reichen nicht aus“, glaubt deren bildungspolitischer Fraktionssprecher, Björn Försterling.

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Für den Praktiker Stöber ist es damit allerdings nicht getan. „Diese Misere besteht ja seit Jahren“, sagt er. Abhilfe könnte aus seiner Sicht ein klares Berufsbild für Schulleiter schaffen, das Erwartungen und Verantwortlichkeiten definiert, aber auch begrenzt. „Sonst ist man ja für alles verantwortlich“, beklagt er. Im Ministerium sieht er allerdings wenig Neigung dazu.

Zudem müsse die Behörde verstärkt das Gespräch mit den Kollegien suchen, um vorhandene Potenziale auszuloten. „Da muss man sich schon mal aus der Komfortzone des Amtes wagen“, fordert Stöber. Andererseits sollten auch Schulleiter selbst gezielt geeignete Kandidaten fördern und als Nachfolger oder für andere Schulen aufbauen. „Und wenn es gar nicht klappt, muss man über Schulverbünde nachdenken“, fordert der Pädagoge. Eine Schule ohne funktionierende Leitung könne sich jedenfalls nicht entwickeln. Darum sei eine anhaltende Vakanz nicht akzeptabel.

Am Standort Schüttorf kann die Unbeliebtheit der dortigen katholischen Grundschule übrigens nicht liegen. Die benachbarte Grundschule auf dem Süsteresch bekam 2016 sogar den Deutschen Schulpreis.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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