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Berufsfischer fordern Schutzmaßnahmen für die Schlüsselart – Hamburger Senat will weiter ausbaggern
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Netze der Elbfischer bleiben leer

Björn Vasel 16.03.2019 0 Kommentare

Stintbestand in der Elbe dramatisch zurück gegangen
Die Stintfischer auf der Elbe beklagen einen Rückgang der Bestände. (Axel Heimken, dpa)

Die Delikatesse droht aus der Elbe zu verschwinden. Die Berufsfischer fordern die Politik zum Handeln auf. Doch der Senat will die Bagger nicht stoppen, sondern erst einmal Wissenschaftler beauftragen.

„Früher habe ich 300 Kilogramm Stint am Tag gefangen, in den letzten Tagen waren es lediglich noch zehn Kilo – verteilt auf 150 Reusen“, sagt Elbfischer Lothar Buckow aus Jork-Wisch. In der nächsten Woche sei für ihn die Stint-Saison zu Ende, die Reusen kämen raus. „So ein schlechtes Jahr habe ich als Fischer in den vergangenen 50 Jahren nicht erlebt“, ergänzt der Hamenfischer Walter Zeeck aus Geversdorf. Es fehlten komplette Jahrgänge. Innerhalb von fünf Jahren sei die Stint-Population in der Unterelbe zusammengebrochen. „Für den Stint sehe ich schwarz“, warnte der Biologe Veit Hennig vom Institut für Zoologie an der Universität Hamburg bereits Ende 2018 im „Tageblatt“.

Er teilt die Auffassung der Fischer, dass das Ökosystem der Tideelbe gefährdet sei. Denn der Schwarm- und Wanderfisch sei die Leib- und Magenspeise vieler Arten. Für ihn ist es bereits „fünf nach zwölf“. So habe sich die einstmals größte Flussseeschwalbenbrutkolonie im Wattenmeer im Neufelder Vorland in Schleswig-Holstein praktisch aufgelöst, einst setzte dort ein Viertel des deutschen Bestandes seinen Nachwuchs in die Welt, 2014 brüteten dort noch 2500 Paare, zuletzt waren es 250 bis 350. Ihre Ernährung besteht zu 98,2 Prozent aus Stint. Die Crux: Durch das Sterben bekämen (Jung-)Vögel deutlich zu wenig schnabelgerechte Jungfische.

Damit nicht genug: Inmitten der Flussseeschwalbenkolonie brüte auch die vom Aussterben bedrohte Lachseeschwalbe. Diese gastgebende Art diene ihnen, so Henning, als Feindabwehr.

Doch nicht nur die Schwalben machen einen großen Bogen um die Elbe, auch Schweinswale und Zwergmöwe sagen Tschüss. Die Population sei 2014/2015 – zeitgleich zu größeren Baggerungen in Hafen und Fahrrinne – schlagartig zusammengebrochen. Mit dem Stint breche laut Veit Hennig eine „Schlüsselart“ zusammen. In der Ökologie gibt es dafür den Begriff des Tipping Points, ein Punkt, an dem ein Ökosystem schlagartig kippt. Henning verweist gebetsmühlenartig auf das Aussterben des Stints vor der Küste von San Francisco. „Das ganze Ökosystem ist in Gefahr, es droht ein weitgehend toter Fluss“, sagt Claus Zeeck.

Für die Elbfischer ist klar, dass die Trübung durch die ständige Unterhaltungsbaggerei und die Schlickverklappung bei Neßsand sowie der höhere Tidenhub, die höhere Salinität und die Sauerstofflöcher in fast jedem Sommer die Hauptursache des Zusammenbruchs sind.

Durch die zu starke Trübung erstickten die Eier. Die Stintlarven könnten die Planktonnahrung nicht mehr sehen, die Baby-Stinte verhungerten laut Buckow jämmerlich in ihrer „Kinderstube“ zwischen Mühlenberger Loch und Hahnöfer Nebenelbe. Der Fortpflanzungserfolg ist gefährdet, von Januar bis März ziehen sie zum Laichen die Elbe hinauf. Baggermengen hätten sich versechsfacht.

Die vier Elbfischerfamilien Zeeck, Grube, Buckow und Jensen haben ein Acht-Punkte-Papier verfasst. Das Verklappen des Hafenschlicks vor Neßsand müsse „sofort aufhören, damit die Stint-Brut nicht weiter getötet wird“, mahnt Elbfischer Lothar Buckow aus Jork. Außerdem müsse das Baggern mit dem Wasserinjektionsverfahren sofort eingestellt werden, es wirbele zu viel Sediment auf. In der Laich- und Aufwuchszeit müssten die Saugbagger ihre Arbeit „erheblich einschränken“. Mit ihrem Sauger saugen sie Eier, Larven und Fische an. Notwendig sei, dass unabhängige Biologen auf diesen Schiffen mitfahren und den Beifang, sprich die Zahl lebender und toter Fische, an Bord der Hopperbagger dokumentierten. Die große Zahl der Möwen zeige, dass viele (tote) Fische zurück in den Fluss gepumpt würden. Des Weiteren müssten dringend neue Flachwasserzonen als Kinderstuben geschaffen werden – und eine Aufschlickung verhindert werden. Im Sommer müssten die Baggerarbeiten früher – bereits bei sechs Milligramm pro Liter – eingestellt werden, und nicht erst, wenn das Sauerstoffloch schon da ist.

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) „hat die Natur verraten, er tut nichts“, sagt Buckow. Dabei hätten Bund und Hamburg den Fischern bei der Elbvertiefung von 1998 vertraglich ihre Unterstützung zugesagt – und die umweltschonende Technik der Fischerei und die Bedeutung der Betriebe als „Wächter der Wassergüte“ gelobt. Nun wolle der Senat offenbar die Fischer loswerden, auch wegen ihrer Kritik an der Kanalisierung des Flusses. Zeeck: „Es ist fünf vor zwölf, die Politik muss sich jetzt schützend vor die Elbe und die Fischer stellen.“ Sie seien kooperationsbereit.

Die Umweltbehörde glaube nicht, dass „der Rückgang etwas mit den Baggeraktivitäten der Hamburg Port Authority zu tun hat“, sagt Sprecher Björn Marzahn. Er bestreite nicht, dass es vermehrt Hinweise dafür gebe, dass der Stintbestand abgenommen habe. Es existierten allerdings keine ausreichend gesicherten Daten zur Bestandsdichte und -entwicklung und zu möglichen Ursachen. Aktuell seien die Trübungswerte gering. Marzahn: „Aus unserer Sicht besteht derzeit kein unmittelbarer Handlungsdruck, die Baggeraktivitäten einzuschränken.“ Um offene Fragen zu klären, seien im Zuge der im November 2018 gestarteten Initiative Elbfische nun Wissenschaftler beauftragt worden, Ursachen zu ermitteln und entsprechende Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen zu erarbeiten.


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Leserkommentare
Hardy1658 am 23.10.2019 19:37
Super!
flutlicht am 23.10.2019 19:29
Wäre ja ein löblicher Fortschritt. Nur zu!
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