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Niedersächsische Bauern kämpfen um ihren Acker

Nico Schnurr 23.07.2019 0 Kommentare

Johann Lütjen (rechts) und sein Sohn Chrismut bewirtschaften im Teufelsmoor die Äcker einer Genossenschaft.
Johann Lütjen (rechts) und sein Sohn Chrismut bewirtschaften im Teufelsmoor die Äcker einer Genossenschaft. (Bernd Kramer)

Der Widerstand wächst auf sechs Hektar Moorland. Vielleicht 200 Meter, aus dem Haus, über den Hof. Eine schmale Straße entlang, die einzige in Verlüßmoor, vorbei an Landhäusern, Backstein, Fachwerk. Dann steht Johann Lütjen vor einer der Wiesen, mit der sie im Teufelsmoor die Zukunft der Biobauern sichern wollen. Sechs Hektar, ein Anfang im Kampf ums Ackerland.

Lütjen, 63 Jahre alt, ergraute Haare, Karohemd, stößt die Holzpforte auf. Sein Blick gleitet über das Land, streift Gräben und knorrige Birken. Lütjen bückt sich und fährt über die Halme. Er deutet auf ein Kleeblatt und sagt: „Wir wirtschaften hier nicht gegen die Natur, sondern mit ihr.“ Als hätte er sie bestellt, fliegt eine Hummel vorbei. Weiter hinten scheuern sich Ochsen an einem Eichenstamm. Elf Rinder teilen sich hier sechs Hektar. Wenig Tiere, viel Platz, Weidehaltung. Das geht, weil Lütjen die Wiese nicht gehört. Könnte er sich nicht leisten. Nicht mehr.

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Die Bodenpreise sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Seit der Finanzkrise haben sie sich in Deutschland im Durchschnitt um 142 Prozent erhöht. Noch dramatischer ist der Preisanstieg in Niedersachsen. Ein Hektar Ackerland kostete hier 2007 durchschnittlich noch 13 500 Euro. Zehn Jahre später waren es schon 33 500 Euro. Die Biobauern trifft diese Entwicklung besonders. Sie sind auf große Flächen angewiesen, die sie über einen langen Zeitraum bewirtschaften können.

Nur was, wenn Kaufen zu teuer und Pachten zu unsicher wird? An einem Tag im Jahr 2015 erfährt Johann Lütjen, dass ein paar Häuser weiter der nächste Hof aufgibt. Wieder einer weniger in Verlüßmoor. Die Kinder wollen nicht übernehmen, das Land soll verkauft werden. Die Wiese, sechs Hektar groß, liegt nicht weit von Lütjens Haus. Er hat Interesse. Der Betrieb muss wachsen, nicht nur seine, auch die Familien der beiden Söhne leben davon. Lütjen überlegt, das Land zu kaufen. Doch keine Chance, viel zu teuer. Und nun? Lütjen erfährt von Kulturland, einer Genossenschaft, die Boden kauft. Für Landwirte, die sich kein Land leisten können. Die nicht abhängig sein wollen von den steigenden Preisen und immer kürzeren Pachtverträgen.

Im Wendland setzt sich Titus Bahner in seinen Wagen. Es geht Richtung Teufelsmoor, Hof Lütjen, 40 Autominuten von Bremen entfernt. Bahner hat die Genossenschaft gegründet und sitzt im Vorstand. Er berichtet den Bauern von Versicherungsunternehmen, Brillenherstellern und Steckdosenfirmen. Alle investieren sie in Boden. Ein Drittel aller Ackerflächen, die zwischen 2008 bis 2012 in Niedersachsen verkauft worden sind, ging an Nichtlandwirte.

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Das Teufelsmoor ist nicht Cloppenburg oder Vechta, wo Ackerland so viel kostet wie fast nirgendwo sonst in der Republik. Johann Lütjen fühlt sich trotzdem verstanden. Auch in Verlüßmoor, diesem winzigen Dorf, wo die Böden feuchter sind und die Ernte weniger ertragreich ausfällt, werden die Pachtzeiträume immer kürzer. Bis irgendwann Immobilienfirmen übernehmen und nach Käufern suchen.

„Selbst unser Moorland taugt für manche als Spekulationsobjekt“, sagt Lütjen. „Das führt auch hier zu Ackerpreisen, die keiner mehr herauswirtschaften kann.“ Bahner bietet dem Bauern eine Alternative an, er stimmt zu. Erst kauft die Genossenschaft eine Fläche in Verlüßmoor, dann folgen weitere, auch für Lütjens Söhne. Inzwischen sind es etwa 30 Hektar, abgeschirmt vom Bodenmarkt, auf dem sich der Kampf um die Äcker zuspitzt. Durch den Bau neuer Straßen und Gewerbegebiete verlieren die niedersächsischen Bauern täglich hektarweise Land. Die verbleibenden Flächen werden teurer. Die europäische Geldpolitik verschärft das Problem. Die niedrigen Zinsen machen Ackerland zum attraktiven Anlageobjekt. Die Bauern konkurrieren nun mit branchenfremden Investoren.

Ein grauer Julimorgen im Teufelsmoor, Hof Lütjen, am Frühstückstisch drei Generationen. Neben Johann Lütjen sitzen Sohn Chrismut, 25, und Friedrich Lütjen, 84 Jahre alt. Er hat aus dem Hof in den 1960er-Jahren einen der ersten Biobetriebe im Norden gemacht. Später hat er das Eigentum der Familie in eine Hofgemeinschaft eingebracht. Die Lütjens bauen weiter Karotten an, Kartoffeln und Rhabarber, sie melken 70 Kühe, aber sie tun das auf einem Hof, der nicht mehr ihnen gehört, sondern einem gemeinnützigen Verein. Eine bewusste Entscheidung. „Kapitalgesellschaften kaufen heute Flächen in Landkreisgröße auf“, sagt Friedrich Lütjen, „eine schlimme Entwicklung. Boden darf keine Ware sein.“

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Die Familie hat viel geworben für die Idee vom Biohof, der Felder bewirtschaftet, die dem Bodenmarkt entzogen sind. Sie haben Hinweise auf Milchtüten gedruckt, Flyer in Bioläden ausgelegt, Infoabende veranstaltet. Und sie haben Unterstützer gefunden, ohne die das Genossenschaftsmodell nicht funktionieren würde.

Einer von ihnen ist Klaus Thies aus der Bremer Neustadt, 72 Jahre alt, ein Kinderarzt in Ruhestand. Seit Jahrzehnten fährt er ins Teufelsmoor, um Milch und Gemüse auf dem Hof Lütjen zu kaufen. Immer wieder hat er die Milch auch seinen Patienten empfohlen. Das allein reicht ihm inzwischen nicht mehr. „Mit dieser Art Landwirtschaft wird man nicht reich, erst recht nicht, wenn die Bodenpreise weiter steigen“, sagt Thies. „Wenn wir Bio wollen, dann müssen wir auch als Verbraucher etwas dafür tun.“ Thies hat etwas getan. Er ist in die Genossenschaft eingetreten, und er hat 5000 Euro gezahlt.

Wenn Johann Lütjen nun nicht weit von seinem Haus auf einer der Wiesen im Moor steht und sein Blick über das Land gleitet, Gräben und Birken streift, dann sieht er einer sicheren Zukunft entgegen. Das, denkt er dann, kann keiner der Familie nehmen, auch kein Investor. Nicht solange die Pachtverträge laufen. Nicht in den nächsten 30 Jahren. Ganz egal, wie verrückt der Bodenmarkt noch spielt.


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Leserkommentare
rondon am 18.10.2019 20:02
Wow ....Lynchjustiz! Zuviel Western gesehen? Hier hat jedenfalls niemand davon gesprochen, aber mal ein wenig "Schärfe" reinbringen geht ja immer.
rondon am 18.10.2019 19:59
Vllt sollte man das Bildungsangebot wieder auf 5 Tage die Woche anheben! Wäre zumindest mal ein Ansatz....
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