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Oldenburger Klinikchef Tenzer in der Kritik

Nico Schnurr 11.06.2019 0 Kommentare

Oldenburger Klinikchef Dirk Tenzer
Der Oldenburger Klinikchef Dirk Tenzer. (Assanimoghaddam/DPA)

Im Fall Högel gerät Dirk Tenzer massiv unter Druck. Der Vorstandsvorsitzende der Klinikums Oldenburg hat nun in einem vierseitigen Schreiben auf die Kritik von Sebastian Bührmann reagiert. Der Richter hatte in seinem Urteil nicht nur begründet, warum das Oldenburger Landgericht den ehemaligen Pfleger Niels Högel für 85 Morde an Patienten verurteilt. Bührmann sagte auch, dass Tenzer die Aufklärung der Mordserie erschwert habe. Der Klinikchef habe „sensible Informationen“ zurückgehalten.

Tenzer weist den Vorwurf, er habe vertuscht, nun zurück. Er sei „fassungslos“, heißt es im Schreiben. Die Anschuldigungen hätten ihn „zutiefst erschüttert“. Sie seien „einfach grotesk“, „abwegig und absurd“. Die Vorwürfe des Richters seien geeignet, „das Ansehen meiner Person in der Öffentlichkeit zu beschädigen und meiner beruflichen Position zu schaden“. Dem WESER-KURIER sagt Tenzer: „Das Klinikum Oldenburg ist nicht mehr das gleiche wie vor 18 Jahren. Wir werden weiterhin unseren Weg der Aufklärung gehen.“

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Die Oldenburger CDU bezweifelt, dass Tenzer der Richtige dafür ist. Ihr Vorsitzender Christoph Baak fordert gegenüber dem WESER-KURIER den Rücktritt des Klinikchefs. „Herr Tenzer ist nicht mehr tragbar. Mit ihm kann es keinen Neustart geben“, sagt Baak. „Dieser Mann ist charakterlich nicht für diese Position geeignet. Das zeigt auch die Art, in der er jetzt den Richter angreift. Es gilt nun, Schaden von Oldenburg und der Klinik abzuwenden.“

Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) will die Vorwürfe nun prüfen. Die Stadt ist Träger des Klinikums, Krogmann sitzt im Verwaltungsrat. Gegenüber dem WESER-KURIER verweist der Oberbürgermeister auf eine Sitzung des Verwaltungsrats, die in der kommenden Woche stattfinden soll. „Es steht ein schwerwiegender Vorwurf im Raum“, sagt Krogmann. „Wir werden uns nun intensiv damit auseinandersetzen, ob wirklich in dem Maße aufgeklärt worden ist, wie wir es verlangt haben.“

Ermittler in eigener Sache

Welche Rolle spielt Dirk Tenzer im Fall Högel? Als Zeuge trat er selbstbewusst in der Weser-Ems-Halle auf. Tenzer sprach ruhig, in überlegten Sätzen, wie einer, der mit sich im Reinen ist. Ein Mann mit der Attitüde eines Aufklärers. Schon damals, Ende Januar, schien der Richter die Rolle des Klinikchefs anders zu sehen. Bei der Urteilsverkündung nannte Bührmann dann drei Punkte, die das Bild von Tenzer, dem lückenlosen Aufklärer, erschütterten.

Als Tenzer im Januar 2013 im Klinikum anfing, leugnete Högel noch, in Oldenburg getötet zu haben. Vor Gericht sagte Tenzer, er habe erst im September 2014 aus dem WESER-KURIER erfahren, dass Högel auch auf der Oldenburger Intensivstation gemordet haben könnte. In den Monaten darauf wurde er zum Ermittler in eigener Sache. Tenzer befragte seine Mitarbeiter zum Fall, Anwälte waren dabei und schrieben mit. Einige Angestellte erzählten ihrem Chef mehr als den Ermittlern, doch Tenzer behielt die Protokolle für sich. Erst, als ihn die Staatsanwaltschaft 2018 dazu aufforderte, gab er die Aufzeichnungen raus.

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Tenzer schreibt, er habe die Papiere nicht aus eigenen Stücken freigeben können. Es handele sich um „schützenswerte interne Unterlagen, die genau wie Patientendaten nicht unaufgefordert und ohne Rechtsgrundlage herausgegeben werden dürfen“. Er habe auch gedacht, die Protokolle seien nicht besonders bedeutend. Schließlich hätten die Ermittler der Soko mit 160 Zeugen gesprochen, er nur mit 30 Mitarbeitern.

Ähnlich argumentiert Tenzer auch bei einer Strichliste. Sie stammt aus dem Jahr 2001 und zählt zu bedeutendsten Beweismitteln im Fall Högel. Auf dem Blatt hat der damalige Stationsleiter notiert, wer im Dienst war, als jemand auf der Intensivstation gestorben ist. Jeder Tote ein Strich. Högel hat mit großem Abstand die meisten. Darunter steht ein handschriftlicher Kommentar: Auf keinen Fall reiche die Beweislage aus, um die Staatsanwaltschaft zu informieren.

Große Gedächtnislücken vor Gericht

Tenzer bekam diese Liste im September 2014 überreicht. Er legte sie beiseite. Das Blatt blieb beim Klinikum. Zwei Jahre später ordnete die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung an und stieß auf das Dokument. Tenzer schreibt, er habe der Liste damals „nicht die Relevanz beigemessen, wie ich es heute tun würde“. Die Mitarbeiter des Oldenburger Klinikums zeigten als Zeugen große Gedächtnislücken vor Gericht. Die Aussagen glichen einander, selbst die Wortwahl ähnelte sich. Fast alle Mitarbeiter wurden von einem Anwalt in den Saal begleitet, den das Klinikum bezahlt hat. Verboten ist das nicht, betonte Bührmann schon im Januar, als Tenzer vor ihm als Zeuge saß.

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Damals sagte der Richter aber auch: „Es kann ein Eindruck entstehen, nach dem Motto: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ In seiner Urteilsverkündung wiederholte er den Verdacht. Tenzer nennt die Maulkorb-Vorwürfe „haltlos“. Er habe die Aussagen seiner Angestellten nicht beeinflusst. Den Mitarbeitern habe er einen Anwalt anbieten müssen, allein schon wegen seiner „arbeitgeberischen Fürsorgepflicht“.

Dem WESER-KURIER liegt ein internes Schreiben vor, das Tenzer nach dem Urteil an die Mitarbeiter des Klinikums geschickt hat. Man plane, eine Gedenkstätte auf dem Gelände für Högels Opfer einzurichten, heißt es darin. Auch dass die Aufarbeitung des Falls weitergehen werde. Ob das mit ihm als Klinikleiter passieren wird, werden die nächsten Wochen zeigen.


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