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Von Nordindien ins Emsland
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Papenburger Basilikum-Connection

Martin Wein 21.10.2017 0 Kommentare

Erzeuger Ralf Albers
Im Betrieb von Ralf Albers gedeiht großflächig Basilikum. Nirgendwo in Deutschland wird davon so viel wie in Papenburg produziert. (Martin Wein)

In den Gewächshäusern von Ralf Albers riecht das Emsland auf einmal nach Antipasti. In langen Reihen recken zarte Basilikum-Pflänzchen ihre grünen Blättchen den wenigen Sonnenstrahlen und dem Licht künstlicher Lampen entgegen. Für die suptropisch-tropische Pflanze, die ihre natürlichen Wurzeln aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo in Nordindien hatte, ist Norddeutschland wahrlich kein guter Standort. Sie braucht warme Böden und mindestens zwölf Grad Außentemperatur. Trotzdem wächst nirgendwo in Deutschland so viel Basilikum wie in Papenburg – der ungekrönten Kräuterhauptstadt der Republik. 63 Millionen Basilikum-Pflanzen im Jahr werden hier in Plastiktöpfen herangezogen und dann binnen 24 Stunden an den Einzelhandel von Flensburg bis Füssen und nach Osteuropa geliefert. Dazu kommen Petersilie, Schnittlauch und Minze, aber auch Ausgefallenes wie Waldmeister, Beifuß oder Zitronenmelisse.

Keine Befestigten Straßen in der Moorkolonie

Verantwortlich dafür ist die Papenburger Gartenbauzentrale, eine Genossenschaft von 130 Gartenbauern. Insider sprechen scherzhaft von der Basilikum-Connection. „Wir liefern heute 80 Prozent aller frischen Küchenkräuter in Deutschland“, erklärt Vertriebsleiter Andreas Brinker auf dem Firmengelände der Genossenschaft. In den drei riesigen Versandhallen des Unternehmens laden 180 Mitarbeiter die Ware mit Gabelstaplern über 60 Rampen auf täglich 150 bis 200 Sattelzüge. In der Produktion in den Betrieben, schätzt Brinker, arbeiten mindestens 2000 Menschen, in der Sommersaison eher 2500.

In Papenburg waren sie schon immer erfinderisch darin, aus ihrem ziemlich randständigen Standort mit viel Platz doch noch Gewinn zu schlagen. Die Meyer-Werft, die aus einer der vielen kleinen Hauswerften zur Herstellung von Torfkähnen hervorging, ist das beste Beispiel dafür. Aber auch der Gartenbau ist in der 35 000-Einwohner-Stadt längst ein wichtiges Standbein. Begonnen hat alles in Folge der Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag von 1929. Auf ihrem Höhepunkt fanden sich 16 Gärtner im Jahr 1931 zusammen, um gemeinsam besser am Markt bestehen zu können.

zeigt Vertriebsleiter Andreas Brinker mit Papenburger Gurken
Vertriebsleiter Andreas Brinker mit Papenburger Gurken. (Martin Wein, Bonn)

„Das war ein schwieriges Geschäft damals“, erklärt Brinker. Es gab in der einstigen Moorkolonie praktisch keine befestigten Straßen und lediglich eine handbetriebene Fähre über die Ems. Mit Geldern aus dem Emslandplan zur Erschließung des bis dahin wirtschaftlich sehr rückständigen Gebietes wurden dann 1958 Gärtnersiedlungen errichtet und Gärtner aus ganz Deutschland angeworben. In der Spitze hatte die Genossenschaft damals 180 Mitglieder.

Trend zur mediterranen Küche

Die zweite Kollektivierungswelle in der DDR lockte bis zum Mauerbau noch einmal viele Fachleute vor allem aus dem Dresdner Raum in den Nordwesten. Sie brachten hier unbekannte Kulturen wie Schnittlauch oder Radieschen mit nach Papenburg. „Beide Zuflüsse von ,frischem Blut‘ haben der Gartenbauzentrale sehr gutgetan und machten sie flexibel für die Erfordernisse des Marktes“, findet Brinker noch heute.

Der Markt will ständig bearbeitet werden. Bis in die 1980er-Jahre wuchsen unter dem Glas der Papenburger – so wie heute noch in Wiesmoor oder Emsbüren – vor allem Zierpflanzen und Schnittblumen. Dann griffen die Papenburger den frischen Trend zur mediterranen Küche mit vielen Kräutern auf und schufen sich ein neues Standbein mit Kräutern. Inzwischen sind sie auch im Gemüseanbau tätig. In Gewächshäusern und Freiland ziehen sie inzwischen 40 Millionen Gurken und sechs Sorten Tomaten. 2018 soll unter anderem Paprika hinzukommen. Auch die vergessen geglaubten Trendgemüse Rote Bete, Möhren und Steckrüben sind im Angebot. Gespritzt wird dabei nicht. „Wir produzieren de facto fast ausschließlich Bioware“, betont Brinker. Allerdings sei der Markt dafür noch zu klein. Viele Pflanzen werden nicht als Bio etikettiert, auch wenn sie die Standards erfüllen.

Einen Dämpfer erfahren die Hersteller aus dem Emsland inzwischen durch den Trend zu regionalen Waren. Als regional bezeichnen Handelsketten alles, was aus demselben Bundesland stammt. Der große Absatzmarkt in Nordrhein-Westfalen ist damit für Regional-Produkte tabu, auch wenn die Entfernung dorthin oftmals kürzer ist als von dortigen Erzeugern zum Kunden. Weitere Standorte außerhalb der Region plant die Genossenschaft dennoch nicht: „Ein Großteil unseres Selbstbildes besteht darin, dass wir Ware ausschließlich hier im Umland von Papenburg produzieren. Der Kunde weiß, wo sie herkommt und nach welchen Maßstäben sie gezüchtet und geliefert wird“, sagt Brinker.

Mit einer weiteren Differenzierung des Angebots sollen sich die Lkw dennoch auch in Zukunft füllen. Sogar Lakritzkraut und die Bestandteile für Frankfurter Grüne Soße wuchern mittlerweile bei Ralf Albers und seinen Kollegen von der Papenburger Basilikum-Connection.


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Leserkommentare
admiral_brommy am 19.10.2019 13:20
Durchaus nicht.



Bildungserfolg hängt immer von diversen Faktoren ab. Daher ist es Aufgabe der Politik, diese Faktoren so ...
suziwolf am 19.10.2019 13:17
@Siegfried ...

Sie machen aber jetzt die Idee der BI zum
regelrechten Mischmasch.

• Produktion von Aluminium ...
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