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Matrosenaufstand 1918
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Revolution aus dem Norden

Martin Wein 03.11.2018 0 Kommentare

Als die Matrosen den Kaiser stürzten: Am 10. November 1918 feiern Zehntausende vor dem Ausflugslokal Elisenlust den Beginn der neuen Zeit.
Als die Matrosen den Kaiser stürzten: Am 10. November 1918 feiern Zehntausende vor dem Ausflugslokal Elisenlust den Beginn der neuen Zeit. (FOTOS: Stadtarchiv Wilhelmshaven)

„Zwei Stunden schon dauerte der Aufmarsch und noch immer kamen neue Bataillone Marineblauer und Feldgrauer aus dem Stadtinneren. Der Oberheizer Kuhnt stellte sich unter brausendem Jubel als der erste Präsident der Republik Oldenburg vor. Unter donnerndem Hurra fiel die riesige Kriegsflagge vom Maste“, notiert der Matrose Richard Stumpf am 10. November 1918 in Wilhelmshaven hektisch in sein Tagebuch.

Dort, wo die Flotte – das Prestigeobjekt Kaiser Wilhlems II. – ihre Basis hat, ist das Kaiserreich an seinen eigenen Widersprüchen auseinander gebrochen. Die Revolution von 1918 ist in dieser Hinsicht ein Treppenwitz der Geschichte. Schließlich hat der Aufbau eben dieser Flotte als Symbol nationalstaatlicher Einigung wesentlich das Entstehen und die politischen Debatten im ersten deutschen Nationalstaat von 1871 geprägt. Die Marine wird über dieses Dilemma in ihrem Selbstverständnis lange nicht hinweg kommen.

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Gründe für den Aufstand gibt es viele. Der Drill, das schlechte Essen, der Standesdünkel der adligen Offiziere – das stört die Matrosen und Heizer der Kaiserlichen Marine. Als Gerüchte über ein letztes Himmelfahrtskommando die Runde machen, reagieren Wut und Todesangst zu einer explosiven Mischung.

Ende September 1918 hat die Oberste Heeresleitung die Unvermeidlichkeit der „endgültigen Niederlage“ eingeräumt. Parlamentarische Reformen erscheinen den Militärs als das einzige Mittel zum Waffenstillstand. Am 3. Oktober bildet Prinz Max von Baden das erste Reichskabinett zusammen mit der SPD. In den Augen der Militärführung kommt das einer Kapitulation gleich. Dazu sind Teile der Marineführung nicht bereit. Am 6. Oktober erwägt der Chef des Stabes der Hochseeflotte, Admiral Adolf von Trotha, es komme „ein letzter Einsatz der Hochseeflotte infrage, da sonst unsere Flotte einem schmerzvollen Ende entgegengeht.“ Bei den Mannschaften läuten die Alarmglocken.

Die Situation spitzt sich zu, als sich die Hochseeflotte nach und nach vor Schillig in der Jademündung versammelt. Arbeiter müssen den hinteren Schornstein der Kreuzerfregatte „Moltke“ rot anstreichen – das Zeichen für Gefechtsbereitschaft. Der Kommandant der „Thüringen“ brüstet sich mit dem Satz: „Wir verfeuern unsere letzten 2000 Schuss und wollen mit wehender Fahne untergehen“. Der Landrätliche Hilfsbeamte im preußischen Wilhelmshaven kolportiert später nach Aurich, es sei von einem großen Schlage gegen England geredet worden, an dem die „Thüringen“ teilnehmen solle; die Offiziere hätten den Befehl erhalten, wenn der Schlag misslinge, die Mannschaft zu erschießen.

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In den ersten Tagen versuchen die Mannschaften unauffällig, ein Himmelfahrtskommando zu vereiteln. Auf den Kriegsschiffen „Seydlitz“, „Derfflinger“, „Von der Tann“, „Moltke“ und „Straßburg“ lösen sie die Feuerlöschvorrichtungen aus und löschen die Feuer unter den Kesseln. Sie bummeln beim Ablegen oder versuchen, die Flutventile zu öffnen, um die Schiffe auf Grund zu setzen. Auf der „Thüringen“ und der „Helgoland“ verweigern die Mannschaften das Lichten der Anker und verbarrikadieren sich im Vorschiff.

Vertrauensmann der Matrosen: Maschinenschlosser Bernhard Kuhnt.
Vertrauensmann der Matrosen: Maschinenschlosser Bernhard Kuhnt. (Stadtarchiv Wilhelmshaven)

Ein Matrose wird die Ereignisse später in einem Brief an seine Eltern festhalten: „Als wir vor einigen Tagen einlaufen wollten, sahen wir, dass vor der Wilhelmshavener Einfahrt die ganze deutsche Flotte vor Anker lag, und wir mussten uns ebenfalls dorthin legen.“ Plötzlich sei von Flottenmanövern in der Deutschen Bucht die Rede gewesen. „Auf den plumpen Blödsinn fiel natürlich keiner herein.“ Schließlich kommt der Chef des ersten Geschwaders an Bord: „Er teilte uns nur mit, dass wir dazu bestimmt seien, hier Ordnung zu schaffen und, falls es die Pflicht erfordern sollte, müssten wir die Waffen gegen die eigenen Kameraden erheben.“ Nach einer Stunde gaben die Aufständischen auf und zeigten durch die Bullaugen die Rot-Kreuz-Flagge.

Das Vorbild der Männer der „Thüringen“ und „Helgoland“ findet andernorts rasch Bewunderer. Als ein Teil von ihnen nach Bremen gebracht werden soll, solidarisieren sich die Wachmannschaften und lassen sie frei. Das gleiche wiederholt sich drei Tage später, als 600 Gefangene aus den überfüllten Wilhelmshavener Gefängnissen nach Lichtenhorst verlegt werden sollen. Auf dem Bremer Hauptbahnhof entkommen sie ihren Bewachern und schließen sich einem Demonstrationszug an. Fortan machen Matrosen und Arbeiter gemeinsame Sache.

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Noch vor der Revolution in Berlin entgleitet dem Großherzog in Oldenburg die Staatsgewalt. Die politische Lage vollkommen verkennend bittet er am 5. November 1918 zur regulären offiziellen Landtagseröffnung um 17 Uhr auf das Oldenburger Schloss, anstatt sich selbst in den Landtag zu bemühen. In seiner Thronrede kündigt er eine „politische Neuordnung“ an. Der Volksvertretung solle „ein ständiger Einfluss auf die Führung der Staatsgeschäfte gesetzlich gesichert“ werden. Diesem kleinlichen Angebot widersprechen alle Landtagsfraktionen unter Führung des Sozialdemokraten Paul Hug und Theodor Tantzen-Heerings von den Freiheitlichen vehement. Sie wollen die parlamentarische Demokratie und eine dem Parlament verantwortliche Regierung. Der Landtag kann sie nur nachträglich beschließen. Als er am 11. November zusammenkommt, hat der Großherzog bereits abgedankt.

Thronrede mit Unverständnis aufgenommen

In der Öffentlichkeit wird die Thronrede mit Unverständnis aufgenommen. Das zurückhaltende Entgegenkommen schürt noch die Umsturzstimmung. Ähnlich ergeht es der Flottenleitung. Sie verharmlost das Ausmaß der Unruhen. Die Berliner Regierung telegrafiert am Abend des 5. November den Inhalt eines Flugblatts, das noch in der Nacht gedruckt und in Wilhelmshaven verteilt wird. Darauf heißt es: „Niemand denkt daran, das Leben von Volksgenossen, Familienvätern, zwecklos aufs Spiel zu setzen. Die Regierung hat schon am 5. Oktober den Gegnern den Abschluss eines Waffenstillstandes vorgeschlagen, um Blutvergießen zu vermeiden.“

Viele Mittel stehen der Regierung in den Festungsstädten Wilhelmshaven und Rüstringen nicht zur Verfügung. Das Kriegsministerium beordert am 4. November 1000 Infanteristen mit 15 Maschinengewehren in die Jadestädte. Das Reichsmarineamt weist die Reichswerft an, der Nordseestation 42 weitere Maschinengewehre zur Verfügung zu stellen. Am Dienstag, 5. November, um 19.18 Uhr informiert das X. Armeecorps die Nordseestation, dass in Oldenburg zwei Kompanien mit jeweils 150 Mann sowie in Munsterlager zwei weitere Ausbildungskompanien auf Abruf bereitstehen. In Aurich wird eine Abteilung mit acht Maschinengewehren in Marsch gesetzt, die in Sande übernachten soll. Der Leiter der Operation, Major Rabe von Pappenheim, möchte noch am selben Tag in Oldenburg ankommen.

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Doch um mit Schiller zu sprechen: Auf die „Pappenheimer“ ist im Kompetenzgewirr von Armee und Marine kein Verlass. Da kann die Seekriegsleitung um 18.30 Uhr noch so entschlossen nach Wilhelmshaven kabeln: „Jeder Widerstand ist zu brechen, die Rädelsführer sind aufs Strengste zu bestrafen.“ Die Maßnahmen rollen wenige Stunden zu spät an.

Führte die Abdankung des Großherzogs mit herbei: Der Landtagsabgeordnete Paul Hug.
Führte die Abdankung des Großherzogs mit herbei: Der Landtagsabgeordnete Paul Hug. (Stadtarchiv Wilhelmshaven)

Die trügerische Ruhe nach dem vermeintlichen Sieg gegen die Besatzung der „Thüringen“ am 31. Oktober hat die Flottenleitung zu lange zögern lassen. Binnen Stunden verliert sie ihre Machtmittel. Noch in den Morgenstunden des 6. November macht auf den Wilhelmshavener Schiffen der Aufruf zu einer Großdemonstration die Runde. Dass die Kommandantur vor öffentlichen und Marinegebäuden bewaffnete Wachen aufstellt, hält die Demonstranten nicht auf. Sie marschieren durch die Stadt, befreien Gefangene aus dem Militärgefängnis im Fort Schaar, besetzen die See-Bataillons-Kaserne und die Torpedo-Division und sammeln sich vor dem Stationsgebäude.

Um 13.19 Uhr telegrafiert die Seekriegsleitung nach Wilhelmshaven: „SKL hat im Einvernehmen mit Regierung befohlen, dass Widerstand mit allen Machtmitteln zu brechen ist.“ Obwohl um dieselbe Zeit die 80 Soldaten aus Aurich in Wilhelmshaven ankommen, leistet der Stationschef dem Befehl nicht mehr Folge. Gegen die Menge der Demonstranten können die wenigen Truppen ohne ein Blutbad nichts ausrichten.

Ein ganzer Katalog mit Forderungen

In den Mittagsstunden verhandelt der Stationschef mit einer fünfköpfigen Abordnung der Matrosen. Die bringen einen ganzen Katalog an Forderungen mit. Sie verlangen die Wahl von Vertrauenskommissionen in allen Einheiten, die Aufhebung des Grußzwanges außerhalb des Dienstes, die Freilassung aus politischen Gründen inhaftierter Marineangehöriger, den Rückzug der angerückten Armeetruppen, freien Zugang für alle Reichstagsabgeordneten zur Festung Wilhelmshaven, gleiche Verpflegung für Offiziere und Mannschaften sowie die Aufhebung der Zensur.

Abgesehen von der letzten belegen die Forderungen sehr eindringlich, dass es den Soldaten in dieser Phase der Revolution in Wilhelmshaven noch nicht um politische Veränderungen geht. Die kommunalen und staatlichen Verwaltungsinstanzen interessieren sie nicht. Bis auf Details stimmt der Stationschef den Forderungen der Abordnung zu. Bei einer Massenversammlung auf dem Torpedo-Exerzierplatz wählen sie die Matrosen Vertreter für den Arbeiterrat – nach Kiel und Hamburg den dritten in Deutschland.

Bis 17 Uhr wählen auch auf den Schiffen und in den Kasernen die Matrosen und Heizer ihre Vertrauensleute. Sie bilden aus ihrer Mitte den sogenannten „21er-Rat“ als ausführendes Organ. Den Vorsitz übernimmt der gelernte Maschinenschlosser Bernhard Kuhnt. 1876 in Leipzig geboren hatte er sich ab 1906 als Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Kiel für eine Führungsposition unter den Revolutionären qualifiziert. Als Obermatrose hat er von 1914 bis 1918 Kriegsdienst in Wilhelmshaven geleistet. Mit der Konstitution des 21er-Rats übernehmen die Mannschaften vom Stationskommando die Macht über die Festungsstädte.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November erklärt sich der 21er-Rat, angeregt durch die Flucht des Kaisers in die Niederlande, zum revolutionären Führungsgremium im Staat Oldenburg. Am 10. November verkündet Kuhnt die Beschlüsse: „Große Umwälzungen haben sich in den letzten Tagen vollzogen.“ Der 21er-Ausschuss habe noch in der Nacht einstimmig beschlossen, die Nordseestation und alle umliegenden Inseln und Marineteile sowie das dazugehörige Oldenburger Land zur sozialistischen Republik zu erklären.

Es sind allerdings nicht die Ratsmitglieder, sondern die mehrheitssozialistische Landtagsabgeordneten Paul Hug und Julius Meyer, die am 11. November ultimativ die Abdankung von Großherzog Friedrich August bewirken. Mit Parteigenossen bilden sie das Landesdirektorium, das noch am selben Tag vom Landtag als oberste Regierungsinstanz des Freistaats Oldenburg bestätigt wird. Oberheizer Kuhnt wird Präsident.

Zur Sache

Festakt in Kiel

An historischer Stätte hat die Stadt Kiel am Sonnabend des Matrosenaufstands vor 100 Jahren gedacht. „Die Matrosen beschritten den Weg in eine freiheitliche, demokratische und entmilitarisierte Gesellschaft – auch wenn der Einsatz nicht in Gänze erfolgreich war“, sagte Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). Die Veranstaltung fand im Kieler Gewerkschaftshaus statt, dem heutigen Legienhof. Dort trafen sich Anfang November 1918 revolutionäre Matrosen und Arbeiter, die von Krieg und kaiserlicher Obrigkeit genug hatten. Ihr Aufbegehren war eine Initialzündung für eine revolutionäre Bewegung, die am 9. November zur Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und zur Ausrufung der ersten deutschen Republik führte.


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Leserkommentare
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
aguahorst am 20.10.2019 16:55
In der Nähe von Wilhelmshaven baut man neue Kavernen, um damit Geld zu verdienen. In Bremen will man sie verfüllen und stilllegen.....was passiert ...
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