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Amt will 53-Jähriger Budget streichen
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Rollstuhlfahrerin kämpft um Teilhabe

Silke Looden 06.10.2017 1 Kommentar

Susanne Steffgen
Susanne Steffgen wird rund um die Uhr von Agnieszka Dubik betreut. (INGO MOELLERS)

Susanne Steffgen sitzt im Rollstuhl. Die 53-Jährige aus Ganderkesee braucht 24 Stunden am Tag Hilfe. Das bestätigen ihre Ärzte. Bislang zahlt das Sozialamt Oldenburg der schwerkranken Frau ein persönliches Pflege-Budget, das sie selbst verwalten kann. „Damit kann ich ein selbstbestimmtes Leben führen“, erklärt sie. Jetzt aber will das Amt das Budget streichen und stattdessen Sachleistungen für die Pflege der Schwerkranken in Auftrag geben. Susanne Steffgen will diese Fremdbestimmung nicht akzeptieren und klagt dagegen vor dem ­Sozialgericht.

Eine seltene Nervenerkrankung zwingt Susanne Steffgen in den Rollstuhl. Ihre ­kleine Wohnung im Wohnpark am Fuchsberg ist behindertengerecht: Ein Fahrstuhl führt hinauf in den zweiten Stock. Die Türen sind extra breit. Rund um die Uhr braucht sie Unterstützung. Ganz gleich, ob sie ins Bad muss oder etwas essen will. „Ohne die Hilfe von Agnieszka geht gar nichts“, sagt Susanne Steffgen. Agnieszka Dubik kommt aus Polen. Die Pflegekraft schneidet das Brot für ihre Patientin in mundgerechte Stücke, damit sie es trotz der Lähmung in der Speiseröhre schlucken kann. Wenn die Lähmung zu stark ist, gibt es Sondenkost. Die Patientin bezahlt ihre Pflegekraft vom persönlichen Budget.

Immer in der Nähe

Agnieszka Dubik ist immer in der Nähe. Die 34-Jährige wohnt im selben Wohnpark, in derselben Etage. Die Kosten dafür bestreitet Susanne Steffgen – ebenfalls vom persönlichen Budget. „So ist sie immer erreichbar, hat aber auch ihre Privatsphäre“, erklärt die 53-Jährige. Die beiden gehen zusammen zum Arzt, zur Therapie, zum Einkaufen, machen Spaziergänge und Ausflüge. „Das alles wäre mit einem Pflegedienst nicht möglich“, erklärt Susanne Steffgen. Sechs Stunden Pflege am Tag wolle ihr das Sozialamt zugestehen. „Was, wenn die sechs Stunden vorbei sind? Ich kann nicht einmal allein zur Toilette gehen.“ Verzweiflung flackert in ihren Augen auf.

In einem Eilverfahren hat das Sozialgericht nun entschieden, dass das Sozialamt der Rollstuhlfahrerin das persönliche Budget noch bis Ende Oktober zahlen muss, bis über den Fall entschieden ist. Die Ungewissheit macht Susanne Steffgen zu schaffen. „Das Rechtsstreit kostet Kraft, die ich eigentlich nicht habe“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Agnieszka überprüft den Schlauch für die Sauerstoffzufuhr. Das Luftholen fällt der Kranken hörbar schwer– genauso wie jede Bewegung eine Anstrengung bedeutet. „Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Gewicht am Arm und müssen ihn heben“, beschreibt sie, wie sich die Nervenerkrankung anfühlt.

Das Oldenburger Sozialamt indes will sich zu dem laufenden Verfahren vor dem Sozialgericht nicht offiziell äußern. Hinter vorgehaltener Hand ist allerdings zu erfahren, dass man der Betroffenen die Verwaltung des persönlichen Budgets nicht zutraut. „Ich habe davon zum Beispiel ein Wlan-Radio gekauft, damit Agnieszka polnische Sender hören kann. Das wurde vom Amt nicht anerkannt“, erklärt die Betroffene den Streit über die Verwendung des Budgets. Außerdem habe sie der Pflegekraft ein Fahrrad gekauft, „damit ich ihr mit dem elektrischen Rollstuhl nicht davonfahre“. Die Einlassung zeugt von einem Rest Humor. Tatsächlich kann die Pflegekraft die Einkäufe mit dem Rad schneller erledigen und ist entsprechend früher zurück.

„Das eigene Budget bedeutet Freiheit“

Susanne Steffgen kann die Einwände des Sozialamtes nicht verstehen. Das persönliche Budget sei doch nur halb so teuer wie die Sachleistungen, die das Sozialamt stattdessen für einen Pflegedienst übernehmen wolle. „Außerdem gibt es keinen Pflegedienst in Ganderkesee, der die notwendigen Kapazitäten zum Mindestlohn anbietet“, weiß Susanne Steffgen. Für sie sind die Forderungen des Sozialamtes schlicht unrealistisch. Sie hofft, dass sie ihr Recht auf Teilhabe doch noch durchsetzen kann. „Es ist schon schwer genug, mit der Krankheit zu leben.“

„Meine größte Angst ist, dass ich wieder ins Heim muss“, erzählt sie. Dort hatte sie nach einem längeren Krankenhausaufenthalt schon einmal gegen ihren Willen bleiben müssen. Auch damals gab es Streit mit dem Sozialamt – wegen der Kostenübernahme für die Pflege zu Hause. „Dann ist ­meine Freundin eingesprungen. Statt zwei Wochen ist sie zwei Monate geblieben, aber das ist auf Dauer keine Lösung“, betont Susanne Steffgen. Ihr geht es nicht nur um ihr eigenes Recht auf Teilhabe. „Ich kämpfe auch für andere Behinderte. Viele wissen gar nicht, dass es das persönliche Budget gibt“, sagt die 53-Jährige, die sich auch als Ratsfrau für die Linke im Gemeinderat engagiert, und betont: „Das eigene Budget bedeutet Freiheit.“ Früher habe sie lange warten müssen, bis das Amt ihr eine Reise zu ihrer Mutter nach Speyer genehmigt habe. Heute könne sie die Reise selbst organisieren und vom Budget bezahlen. Auch bei den Reisen ist Agnieszka Dubik dabei. Und wenn die Polin selbst einmal Urlaub braucht, schickt der polnische Pflegedienst eine Vertretung nach Deutschland.


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Leserkommentare
IhrenNamen am 21.10.2019 11:00
Wirrer Kommentar... kurz zusammengefasst, Konventionelle Landwirte sind also " rückwärtsgewand", die Städter "aufgeklärt" glauben zwar das Kühe Lila ...
adagiobarber am 21.10.2019 10:54
unser bundesaussenminister scheint sich nicht zu trauen, ...

den zerstörungszug der türkischen armee als das zu bezeichnen, was es ist: ...
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