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Thedinghauser wollen weitere Flüchtlinge aufnehmen

Marc Hagedorn 18.01.2019 4 Kommentare

Die Sprache ist das A und O, hier lernen Samuel Zeray und Dawit Teklesion (rechts) Deutsch mit Hiltrud Jürgensen.
Die Sprache ist das A und O, hier lernen Samuel Zeray und Dawit Teklesion (rechts) Deutsch mit Hiltrud Jürgensen. (Vasil Dinev)

Dass Frank Joshua Yapi an diesem nasskalten Vormittag bei Petra Kaupa im Wohnzimmer sitzt, hinter ihm ein geschmückter Weihnachtsbaum, vor ihm eine Schale mit Gebäck und Süßigkeiten, ist ein kleines Wunder. Yapi könnte längst tot sein. So wie sein Vater, den Militärs 2011 nach der Wahl in seiner Heimat Elfenbeinküste umgebracht haben. Oder Yapi hätte bei seiner Flucht ums Leben kommen können, die fünf Jahre dauerte und ihn zu Fuß über Burkina Faso und Niger nach Libyen führte. Von dort setzte er in einem vollbesetzten Schlauchboot übers Mittelmeer nach Italien über.

Drei Monate später, im Oktober 2015, war er in Deutschland. In Thedinghausen traf er Petra Kaupa. Sie sah ihn einen Tag nach seiner Ankunft im Ort auf der Bordsteinkante sitzen, „total verzweifelt“, wie sie sagt. Spätestens in diesem Moment hatte auch der Letzte im Ort gemerkt, dass die Weltpolitik bei ihnen in der niedersächsischen Provinz angekommen war. Kaupa kümmert sich seitdem als Flüchtlingsbegleiterin um den 32-Jährigen.

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Die Flüchtlingsarbeit in Thedinghausen gilt als vorbildlich. Die Initiative „Ankommen in Thedinghausen“ hat erst Ende September 2018 wieder von sich reden gemacht. Der Rat der Samtgemeinde verabschiedete als bis dahin kleinste Gemeinde in Deutschland einstimmig einen Antrag der Initiative: Thedinghausen erklärt sich darin bereit, freiwillig 20 gerettete Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufzunehmen. Bis dahin hatten das Städte wie Köln oder Berlin getan. Das Vorgehen muss jetzt zwar noch mit dem Landkreis Verden abgestimmt und dann ans Innenministerium gegeben werden, aber das Angebot ist bemerkenswert: Warum traut sich eine kleine Gemeinde wie Thedinghausen das zu? Freiwillig und in Zeiten, in denen die AfD an Aufmerksamkeit für ihre Parolen gewinnt und Angela Merkels „Wir schaffen das“ in bestimmten Kreisen längst infrage gestellt wird. 

Zu Besuch in Thedinghausen, knapp 25 Kilometer südöstlich von Bremen. Rund 7500 Menschen leben hier draußen und noch einmal so viele in Riede, Emtinghausen und Blender, die zusammen die Samtgemeinde bilden. In Thedinghausen gibt es ein paar Supermärkte, ein Fitness- und ein Tattoo-Studio, eine Spielhalle, einen Italiener, einen Kebap-Imbiss und noch ein bisschen mehr. Was es in Orten dieser Größenordnung eben so gibt. Zu Hochzeiten, also in den Jahren 2015 und 2016, lebten hier 400 Geflüchtete, die meisten aus Syrien, dem Irak,  Afghanistan und von der Elfenbeinküste, jetzt sind es noch rund 150. Die anderen sind weitergezogen, viele nach Achim und Verden.

AfD ohne Stimme

Harald Hesse, ein Grüner, ist der Samtgemeinde-Bürgermeister. Hesse könnte jetzt voller Stolz davon reden, was für ein erhabenes Gefühl es ist, erster Bürger einer Gemeinde zu sein, die so viel Mitmenschlichkeit walten lässt wie seine. Hesse, diplomierter Verwaltungswirt und später 20 Jahre lang Förderschullehrer, verzichtet aber auf Pathos, er sagt stattdessen unaufgeregt zum Antrag, der über alle Parteigrenzen hinweg verabschiedet wurde: „Er ist ein Signal. Er zeigt eine bestimmte Haltung“, nämlich weltoffen und hilfsbereit zu sein.

Wenn Frank Yapi bei Petra Kaupa auf dem Hof zu Besuch ist, dann macht er sich gern nützlich, hier beim Sortieren des Feuerholzes.
Wenn Frank Yapi bei Petra Kaupa auf dem Hof zu Besuch ist, dann macht er sich gern nützlich, hier beim Sortieren des Feuerholzes. (Vasil Dinev)

Rechte Politik hat in Thedinghausen keine Stimme. Bei den Gemeindewahlen 2016 trat die AfD nicht mit einem Kandidaten an, ein Jahr später bei der Landtagswahl holte die AfD in der Samtgemeinde landkreisweit ihr schwächstes Ergebnis. Vielleicht ist das ein Ergebnis der Integrationsarbeit, die die Flüchtlingsinitiative seit Ende 2014 leistet. Vielleicht trauen sich die Rechten hier nicht, den Mund aufzumachen, weil sie so eindeutig in der Minderheit wären. Es könnte damit zusammenhängen. Hesse jedenfalls vergisst bei keiner Gelegenheit, den „überwältigenden Einsatz“ der vielen ehrenamtlichen Helfer zu würdigen. Als überall im Land die Rede von der „Flüchtlingswelle“ war, war die einzige Welle, die Hesse in Thedinghausen spürte, „die Welle der Hilfsbereitschaft“, wie er sagt. „Die Menschen machen das hier mit einer Mischung aus Gelassenheit und Zuwendung.“

Cathrin Schley, Dieter Mensen und Petra Hille-Dallmeyer gehören zu diesen gelassenen und zugewandten Menschen, sie nennen sich selbst das „Kern-Orga-Team“ der Flüchtlingsinitiative und sitzen jetzt im Haus auf der Wurth. Wer verstehen will, wie und warum die Flüchtlingsarbeit in Thedinghausen so gut funktioniert, der muss nur mal an einem Montagnachmittag einen Fuß in das reetgedeckte Fachwerkhaus, eine ehemalige Trauerhalle, unweit des Rathauses setzen. Es ist ein Ort der Begegnung zwischen Einheimischen und Geflüchteten.

Kraft und Nerven

In einer Ecke warten die Männer vom Repair-Café auf Aufträge, die handwerklich versierten Thedinghauser reparieren alles, was man ihnen bringt und sich noch reparieren lässt. Bei Carla Koersen können Geflüchtete Kleidungsstücke flicken und nähen lassen. Flüchtlingskinder sind zum Hausaufgaben machen gekommen, mehrere Erwachsene zum Kaffeetrinken und reden. Es gibt Länder- und Kinoabende im Haus auf der Wurth, und es wird regelmäßig gekocht, arabisch, persisch, afrikanisch.  

Man kann das Wirken der vielen Helfer als Erfolgsgeschichte erzählen, sie haben Geflüchteten Wohnungen besorgt, sie in Jobs vermittelt und ihnen die deutsche Sprache beigebracht. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Arbeit Kraft und Nerven kostet, dass es Frusterlebnisse und Enttäuschungen gibt, und dass viele Ungewissheiten im Spiel sind. Es kommen inzwischen etwas weniger aktive Helfer als in den intensiven Jahren 2015 und 2016, und im Sommer läuft auch noch die Projektstelle von Judith Lübke aus. Sie kümmert sich, finanziert unter anderem von der Gemeinde, dem Kirchenkreis und der Diakonie, darum, dass es feste Sprechzeiten im Haus auf der Wurth gibt.

Wenn diese Stelle ersatzlos wegfiele, wäre das ein harter Schlag für die Helfer. „Vertrauen und Verlässlichkeit sind für unsere Arbeit alles entscheidend“, sagt Cathrin Schley, die Pastorin der Gemeinde. Wo ist Judith? Diese Frage sei längst ein geflügeltes Wort unter den Flüchtlingen geworden. Man sammelt nun Spenden, um den Fortbestand der Stelle wenigstens teilfinanzieren zu können. Warum sie trotz der Anstrengungen und Ungewissheiten freiwillig neue Flüchtlinge aufnehmen wollen? „Weil wir das Know-how haben, und weil wir wissen, dass wir es schaffen“, sagt Petra Hille-Dallmeyer.

Hans-Olaf Schröder trägt seinen Teil zum Wir-schaffen-das bei, aber er würde gern noch mehr tun. Mit seinen zwei Brüdern führt er „Baumschulen Schröder“ draußen an der Rieder Straße. Er sitzt im markanten, achteckigen Verwaltungsgebäude der Firma und berichtet davon, wie sich Adama und Abdullrahman, den alle nur „Berti“ nennen, bei ihm so machen. „Super Jungs“, sagt Schröder. Sie erledigen, was anfällt, graben Bäume aus, schneiden Obstbäume, „Berti“ übernimmt sogar den Formschnitt, modelliert Kegel und Kugeln, „ein echtes Naturtalent“, sagt Schröder.

Der Unternehmer ist froh, dass er die beiden hat, aber sauer darüber, dass er nicht fest mit ihnen planen kann, denn Adama und Abdullrahman kommen wie so viele Flüchtlinge in Thedinghausen von der Elfenbeinküste, ihnen droht quasi jeden Moment die Abschiebung, denn nur sieben Prozent aller Asylanträge von Menschen, die von der Elfenbeinküste kommen, sind 2017 genehmigt worden.

Es gibt offene Stellen

Schröder kann das nicht verstehen. „Ich hätte Arbeit für sechs, sieben von den Jungs“, sagt Schröder. Er zahlt ordentlich über Mindestlohn, und seine Rechnung ist einfach: Wer bei ihm arbeitet, hat genug Geld für eine Wohnung, seinen Lebensunterhalt und zahlt auch noch in die deutschen Kassen ein. „Und sie nehmen keinem anderen die Arbeit weg“, sagt Schröder, „wenn sie den Job nicht machen, bleibt die Stelle unbesetzt.“ Bei Elektrotechnik Knief an der Syker Straße sind sie da schon etwas weiter. Hashemi Sattar, ein Afghane, 22, hat seinen Bundesfreiwilligendienst im Haus auf der Wurth gemacht und lernt jetzt bei Knief. „Und er macht sich ausgezeichnet“, sagt Prokurist Frank Hunfeld. Bei Knief, sagt Hunfeld, sei man längst „multikulti“, eine Programmiererin kommt aus Spanien, zwei Elektriker aus Polen und Russland.

Es war in Thedinghausen nicht immer einfach im Miteinander der Nationalitäten und der unterschiedlichen Temperamente, Welt- und Wertvorstellungen. Die Kollegen bei „Baumschulen Schröder“ mussten sich erst an die neuen Kollegen aus Afrika gewöhnen, und als 2015 die ersten 50 jungen Männer aus Afrika ins Gebäude an der Schulstraße 5 einzogen, gab es natürlich Ängste. Würde das funktionieren? Zumal gleich nebenan die Lebenshilfe ihre Kindertagesstätte hat. Tatsächlich gab es ab und an Streitereien unter den Flüchtlingen, die Polizei musste ausrücken. Aber unterm Strich und mit der Zeit, sagen sie in Thedinghausen, sei man sehr gut miteinander ausgekommen.

Die Polizeistatistik bestätigt das. „Das Straftatenaufkommen durch die zu uns geflüchteten Menschen hielt sich auch im vergangenen Jahr in einem unauffälligen Rahmen“, sagte der Verdener Inspektionsleiter Uwe Jordan bei der Vorstellung der Kriminalitätszahlen im Frühjahr 2018, „die überwiegende Mehrheit der Geflüchteten tritt nach wie vor polizeilich nicht in Erscheinung.“ Frank Yapi, der zunächst selbst in einer Sammelunterkunft untergebracht war, hat das erlebt: die anfängliche Unsicherheit, die fehlende Privatsphäre, wenn 50, 100 oder sogar 200 Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Heute sind die beiden Sammelunterkünfte in Thedinghausen längst aufgelöst. 

Yapi wohnt jetzt in Bremen und arbeitet als Küchenhilfe im Park Hotel. Petra Kaupa besucht er inzwischen seltener, er hat meist am Wochenende Dienst. Wenn Yapi seine Geschichte bis hierher erzählt, dann werden die Zuhörer meist sehr leise und andächtig. Im Februar 2016 ist er seiner Abschiebung nur durch Zufall entgangen. Er übernachtete bei einem Freund in Bremen, als die Beamten ihn morgens um drei Uhr abholen wollten. Als Petra Kaupa damals davon erfuhr, organisierte sie gleich am nächsten Tag Kirchenasyl für ihn. Aktuell versucht ein Anwalt, die drohende Abschiebung zu verhindern. Wie er mit der Ungewissheit lebt? „Ich nehme es, wie es kommt“, sagt Yapi, „und ich glaube an Gott.“ Oft fragten ihn die Leute, warum er so viel lache, erzählt er. Dann frage er zurück: Soll ich lieber weinen? „Ja“, sagt er, „es sind viele schlimme Dinge passiert, aber ich bin immer noch da.“


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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