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Tiny-House-Siedlung in Bremen weiter im Gespräch

Cindy Riechau und Lisa Boekhoff 07.10.2019 6 Kommentare

In einem Tiny House, dessen Wohnfläche maximal 28 Quadratmeter beträgt, wird die Leiter zum Hochbett festgeschraubt.
In einem Tiny House, dessen Wohnfläche maximal 28 Quadratmeter beträgt, wird die Leiter zum Hochbett festgeschraubt. (Jens Büttner/dpa)

Europas größte Kleinstwohnungsanlage könnte in Niedersachsen entstehen. Die Vorbereitungen dafür laufen zumindest: In Hannover diskutieren mehrere Hundert Interessierte den Aufbau einer Siedlung aus Minihäusern mit nur rund 25 Quadratmeter Wohnfläche pro Person. Bislang findet man diese so genannten Tiny Houses nur vereinzelt in Deutschland. Hannover reserviert nun für ein riesiges Tiny-House-Projekt am Rande der Stadt 50.000 Quadratmeter Land. Das Projekt Ecovillage könne viel günstigen Wohnraum schaffen, sagte ein Sprecher der Stadt. Im Schnitt sind solche Zwerghäuser 20 bis 25 Quadratmeter groß.

Die Idee für eine Tiny-House-Siedlung in Bremen gibt es schon länger. Doch fehlt weiter eine passende Fläche für das Projekt von Mark Christiansen. Eigentlich war ein Standort für die Häuschen schon gefunden: Im Kleingarten des Vereins Union in Walle wollte die Gruppe ihre Tiny Houses auf einer nicht mehr genutzten Fläche aufstellen. „Der Kleingartenverein sagte uns: Wir brauchen genau euch“, erinnert sich Christiansen an den Zuspruch. Doch das Bundeskleingartengesetz schließt das Wohnen auf der Parzelle aus, und vorerst gibt es keine Ausnahmeregelung für die Idee. „Das ist das Problem. Nur für die Kaisenhäuser gibt es ein Hauswohnrecht“, sagt Klaus Bode, Vorsitzender der Gartenfreunde. Die Kleingärtner bedauern, dass die Pläne für den Moment damit ausgebremst sind und wollen weiter bei der Suche nach einer Fläche helfen: „Es ist tolles Projekt.“

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Großes Interesse an Tiny Houses

Mark Christiansen vermisst den politischen Willen, eine Siedlung als Leuchtturmprojekt anzugehen: „Damit könnte sich Bremen schmücken. Doch es fehlt der Mut.“ Rahmenbedingungen für Tiny Houses gebe es eben noch nicht. Dabei sei das Interesse groß: Eine Gruppe von 100 Menschen warte darauf, dass es endlich losgehe. Der Sprecher des Bremer Bauressorts Jens Tittmann widerspricht der Kritik: „Der politische Wille ist da.“ Doch planungsrechtlich sei das Thema schwierig und habe zudem nicht oberste Priorität. In diesen Zeiten sei es wichtiger, günstigen Wohnraum zu schaffen, Geschosswohnungen sowie Einfamilienhäuser zu bauen.

Ein Tiny-House-Pilot im Kleingarten sei aber weiter im Gespräch, sagt Tittmann. Dieses Experiment müsse aber begleitet werden, um herauszufinden, wie groß und dauerhaft das Interesse an der Wohnform überhaupt ist, ob die Erschließung des Gebiets und Umwandlung in ein Wohngebiet Sinn macht. „Wir können nicht wie Hannover einfach eine große Fläche ausweisen“, weist Tittmann auf die rare Fläche in der Stadt hin. In der Behörde sei in der Vergangenheit auch diskutiert worden, ob Tiny Houses auf der ehemaligen Rennbahn entstehen können. Diese Ideen haben sich jedoch mit dem Volksentscheid gegen eine Wohnbebauung erledigt.

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Eine winzige Nachbarschaft in den Niederlanden: Auch Hannover plant eine Tiny-House-Siedlung. (imago images / Hollandse Hoogte)

In Hannover sollen auf dem von der Stadt für das Projekt reservierten Gelände am Kronsberg neben einigen frei stehenden Miniaturhäuschen auch mehrgeschossige Gebäude mit kleinen Wohnungen entstehen – so zumindest plant es der Trägerverein Transition Town. Geplant seien 500 Appartements für 800 Menschen, davon 40 Prozent Sozialwohnungen. „Der Freiheitsgedanke wird dichter gepackt“, sagt Thomas Köhler von Transition Town. In der Siedlung soll es zudem Gemeinschaftseinrichtungen wie eine Mensa, eine Bibliothek und eine Kita geben. Außerdem soll das Quartier in der Nähe der früheren Weltausstellung Expo 2000 vollständig klimaneutral und autofrei werden. Ein Sprecher der Stadt Hannover sagt, die Stadtverwaltung stehe innovativen und ressourcenschonenden Wohnmodellen traditionell offen gegenüber. Die Initiatoren müssten der Stadt nun darlegen, ob und wie sie ihr Projekt in der Realität umsetzen können. Auf Initiative des Trägervereins entwickeln derzeit mehr als 100 Interessierte Ideen für die Tiny-House-Siedlung in Hannover.

Tiny Houses sind ökologischer

Die Verkleinerung der eigenen Lebensverhältnisse – das sogenannte Downsizing – und die Verringerung des ökologischen Fußabdrucks sind derzeit viel diskutierte Themen. Tiny Houses, was so viel wie Mini-Häuser bedeutet, scheinen diesen Wunsch zu erfüllen. Eine wachsende Zahl Hersteller steht bereit, bei der Erfüllung dieses Traumes zu helfen. Zu ihnen gehört das Unternehmen Tiny House Wendland. Die Brüder Benjamin und Finn Glowatzki sind seit eineinhalb Jahren auf dem Markt und produzieren in Ludwigslust, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Berlin. Noch sind sie ein kleiner Anbieter, doch sie wollen wachsen. „Bisher haben wir neun Tiny Houses produziert“, sagt Finn Glowatzki. Das Interesse ziehe stark an. Vor allem Ferienvermieter fragten an, zunehmend aber auch Menschen, die dauerhaft in einem Tiny House leben wollten. An Rändern von Großstädten gebe es Pläne für Tiny-House-Dörfer.

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Die Glowatzkis bauen Mini-Häuser zwischen 7,20 und neun Metern Länge und mit 2,55 Metern Breite. Sie sind vorschriftsmäßig wärmegedämmt, auf einen Trailer montiert, nicht schwerer als 3,5 Tonnen und können auch von PS-starken Pkw gezogen werden. Um die 35.000 Euro kostet so ein fertig möbliertes Tiny House. Und dann? Dann beginnen unter Umständen die Probleme. Denn in Deutschland kann man sein Tiny House nicht einfach hinstellen, wo es einem gefällt. Es gibt Campingplätze, auf denen Betreiber und Gemeinde die Anmeldung eines Wohnsitzes zulassen, sagt Beraterin Isabella Bosler. Wer sein Häuschen auf einem anderen Grundstück aufstellen und dauerhaft bewohnen möchte, müsse in jedem Fall einen Bauantrag stellen. Bosler hat sich im bayerischen Schleching auf die Beratung rund um Tiny Houses spezialisiert. Sie weiß: Der geplante Stellplatz muss voll erschlossen sein, mit Wasser- und Abwasserentsorgung, Strom und verkehrsgerechter Anbindung an eine Straße. Es genüge nicht, dass bereits ein Wohngebäude auf dem Grundstück steht – auch dann brauche es eine Genehmigung.

Weil der Trend noch jung ist, sei vieles noch nicht abschließend geregelt. Was wird nach ihrer Einschätzung aus dem aktuellen ­Tiny-House-Hype? „Es besteht auf jeden Fall Bedarf für kleine Wohneinheiten“, sagt Bosler und nennt die Schlagworte Single-Wohnen, hohe Mietpreise und Umweltbewusstsein. Eine Umfrage auf ihrer Webseite mit rund 1200 Teilnehmern habe ergeben, dass viele Menschen naturnah, günstig und ressourcenschonend leben wollen. „Aber Tiny Houses sind nicht wirklich platzsparend“, sagt sie. „Man will ja auch den Raum drum herum haben und dann möglichst am Waldrand.“ Das Baurecht mit seinen vielfältigen Vorschriften und Einschränkungen habe schon seinen Sinn.

++ Dieser Artikel wurde um 20.45 Uhr aktualisiert. ++


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Leserkommentare
Wesersteel am 23.10.2019 10:50
Klimanotstand...................sind den ALLE nur noch ganz viel Bluna ?
WESER-KURIER_Onlineredaktion am 23.10.2019 10:44
Danke für den Hinweis. Das Gelände wurde vor 14 Jahren erworben. Die Fläche ist elf Hektar groß. Wir haben das korrigiert.
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