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Psychiater über den Fall Högel
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„Unser System macht es Tätern wie Niels Högel zu leicht“

Nico Schnurr 19.11.2018 0 Kommentare

Eine geringere Zahl von Krankenhäusern, gerade in Städten, könnte den Personalmangel deutlich lindern, sagt Karl H. Beine.
Eine geringere Zahl von Krankenhäusern, gerade in Städten, könnte den Personalmangel deutlich lindern, sagt Karl H. Beine. (Bockwoldt/dpa)

Herr Beine, seit 25 Jahren beschäftigen Sie sich mit Patiententötungen. Ist Ihnen schon einmal ein Fall begegnet, der sich mit der Mordserie von Niels Högel vergleichen lässt?

Karl H. Beine: Der Fall Högel ist in Europa einzigartig. In den Vereinigten Staaten hat es aber einen vergleichbaren Fall gegeben. Dort stand der Krankenpfleger Charles Cullen im dringenden Verdacht, über 16 Jahre hinweg knapp hundert Menschen an verschiedenen Kliniken in zwei US-Bundestaaten getötet zu haben. Wenn es einen Referenzfall zu Niels Högel gibt, dann ist es dieser.

Wo liegen die Parallelen zwischen Cullen und Högel?

Die Fälle ähneln sich in der Vielzahl der Opfer und im Verhalten der Verantwortlichen in den Kliniken. Als man in den amerikanischen Krankenhäusern feststellte, dass sich Cullen verdächtig verhielt, versuchte man, ihn loszuwerden. Er wurde weggelobt, fand neue Anstellungen und tötete dort weiter.

Auch dem Oldenburger Klinikum wird vorgeworfen, Högel ein gutes Zeugnis ausgestellt zu haben, als längst klar war, dass etwas nicht stimmt.

Dieses Wegloben ist international kein seltenes Phänomen an Krankenhäusern.

Sie erkennen da ein Muster?

Zunächst mal halten es Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, für unvorstellbar, dass ein Kollege, mit dem sie Menschen gerettet haben, Patienten tötet. Deswegen dauert es, bis aus Ungereimtheiten ein Verdacht wird. Es dauert, bis Kollegen über diesen Verdacht sprechen. Und es dauert, bis der Verdacht in der Hierarchie nach oben wandert, zu den Vorgesetzten. Oft versickern die Beobachtungen der Mitarbeiter in Meldeketten und bleiben ohne Konsequenz. Aufmerksame Kollegen werden nicht gehört oder sogar gedeckelt, und immer wieder tauchen die Vorgesetzten ab.

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Wie meinen Sie das?

Bei vielen Mordserien an Kliniken haben sich die Verantwortlichen lieber weggeduckt als aufzuklären. Sie wollten nicht wahrhaben, dass jemand in ihrem Krankenhaus mordet. Und ihnen war bewusst, dass es einen riesigen Imageschaden bedeuten würde, wenn so ein Mordverdacht angezeigt wird.

Das haben die Fälle Cullen und Högel gemeinsam?

Ja, und es gibt noch weitere Parallelen. Beide Fälle haben das Vertrauen in das Gesundheitssystem ihres Landes nachhaltig erschüttert. Und in beiden Fällen waren Schadensersatzklagen in erheblicher Größenordnung die Folge.

Geht es hier um Einzelfälle?

Ich kann an dieser Stelle nicht zur Beruhigung beitragen. Die Antwort, Taten wie die von Niels Högel oder Charles Cullen seien monströse Einzelfälle, kommt von den Verantwortlichen immer reflexartig. Aber das ist unbewiesen, wir wissen es nicht. An kaum einem Ort sind vorsätzliche Tötungen so schwer zu erkennen wie im Krankenhaus.

An der Berliner Charité tötete eine Krankenschwester fünf Menschen, ein Krankenpfleger im Allgäu sogar 28 Menschen. Das spricht nicht unbedingt für die Einzelfall-These.

Im Juni 2018 wurden drei ehemalige Altenpfleger für zwei Morde in einem Seniorenheim Rheinland-Pfalz verurteilt. Und in München wird derzeit die Anklage gegen einen Hilfspfleger vorbereitet, der sechs pflegebedürftige Menschen umgebracht haben soll. Weltweit sind bislang 47 Mordserien bekannt, bei denen Patienten getötet wurden, sieben davon spielten sich in deutschen Krankenhäusern ab. Wir wissen nicht, wie groß die Dunkelziffer ist. Es sind aber Zweifel angebracht, dass es sich wirklich um Einzelfälle handelt.

Was treibt die Täter?

Die Patientenmörder wollen nicht andere Menschen von ihrem Leid erlösen, sondern sich selbst. Von dem Leid, das sie täglich umgibt, das in ihnen wohnt. Sie sind in besonderer Weise unfähig, schwerst kranke, sterbende Menschen zu begleiten und das Leid der Todkranken zu lindern. Diese hohe Kunst des Beistands beherrschen die Täter alle nicht.

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Warum?

Sie ertragen es nicht, dass sie ihr eigenes Leiden, ihre Befindlichkeitsstörungen, nicht ansprechen können. So kommt es dazu, dass sich eine Abwärtsspirale in Gang setzt, bei der fremdes Leiden das eigene verschlimmert und das eigene Leiden wiederum das fremde verschlimmert.

Worin unterscheiden sich die Täter?

Die größte Gruppe der Patientenmörder tötet direkt mit den Mitteln der Medizin. Niels Högel gehört zum kleineren Teil, der selbstgemachte Notfälle auf den Stationen auslöst, und sich anschließend über das Lob für die Rettungsaktion stabilisiert.

Lässt sich nicht schon bei der Einstellung erkennen, ob jemand zu so einer Tat fähig wäre?

Mit Gewissheit lässt sich sowas nicht feststellen, aber die Kliniken sollten schon darauf achten, wie gefestigt Bewerber wirken und welche Motive sie haben, den Beruf zu ergreifen. Das ändert nichts daran, dass Kollegen und Krankenhausführung ständig achtsam sein und einen Kollegen sofort ansprechen müssen, wenn er sich verändert. Fast alle Täter sagen, dass sie niemand im Klinikum auf den Verdacht angesprochen hat.

Das hat auch Niels Högel beim Prozessbeginn bekräftigt. Was erwarten Sie sich von dem Verfahren?

Ich erwarte, dass die Hinterbliebenen Aufklärung und Gewissheit bekommen, soweit das möglich ist. Der Rechtsstaat hat die Pflicht, diesen Prozess zu führen, selbst wenn es keine höhere Strafe für Niels Högel gibt. Das Verfahren ist vollkommen unverzichtbar, besonders für die Rechtssicherheit in diesem Land.

Noch spannender aber könnten die hierauf folgenden Prozesse werden, bei denen es um die Verantwortung der Klinikmitarbeiter gehen wird.

Erstmals werden dann Menschen in Deutschland strafrechtlich belangt, die im Umfeld eines Patientenmörders Verantwortung getragen haben. Das ist ein wichtiger Schritt, allerdings werden wohl auch mit diesen Verfahren die strukturellen Organisationsverschulden noch nicht in den Blick geraten.

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Sie meinen die Politik?

Ja, ich bin überzeugt davon, dass sich die Politik und die Selbstverwaltung bislang nicht hinreichend für die Entwicklung in den Krankenhäusern verantwortlich fühlen.

Wofür sollte sie sich verantwortlich fühlen?

In den meisten Kliniken herrschen heute Hetze und Hektik. Die Politik und die Selbstverwaltung haben es zugelassen, dass das Pflegepersonal drastisch reduziert wurde und die Patientenzahlen gleichzeitig stark gestiegen sind. Sie haben den Bediensteten immer und immer mehr Bürokratie zugemutet. Die Systemverantwortlichen tragen eine Mitschuld daran, dass die meisten Pflegekräfte und Ärzte ihren Beruf heute nicht so ausüben können, wie sie es möchten: Mit Zeit für Patienten, nicht permanent gestresst.

Trägt die Politik damit auch eine Mitschuld an Patientenmorden?

Dass Patientenmörder wie Niels Högel oft über einen langen Zeitraum so viele Menschen töten können, hat auch mit dem Personalmangel in Krankenhäusern zu tun. Damit, dass Pfleger und Ärzte ihre Arbeit im Schweinsgalopp erledigen müssen und nicht nach links und rechts schauen können. Die Verantwortlichen haben dieses System über Jahrzehnte gefördert.

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Hinweis
Wir bitten um Entschuldigung

Der Text, der an dieser Stelle stand, entsprach nicht den hohen journalistischen Anforderungen, die ...

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Wo müssten sie ansetzen?

In keinem anderen europäischen Land gibt es so wenig Pfleger pro Krankenhausbett wie in Deutschland. Eine geringere Anzahl von Krankenhäusern, besonders in den Städten, und ein Wegfall der strikten Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung würden die Pflegequalität verbessern und den Personalmangel deutlich lindern.

Eine Garantie, dass Patientenmorde nicht mehr vorkommen, ist aber auch das vermutlich nicht?

Natürlich gibt es keine Garantie. Aber unser aktuelles Gesundheitssystem macht es Tätern wie Niels Högel allzu leicht.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Zur Person

Karl H. Beine ist Professor an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Hammer St.-Marien-Hospital. Er hat mehrere Bücher zum Thema Patiententötungen veröffentlicht.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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