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Debatte um Impfgegner
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Warum ein Arzt aus Leer Impfgegnern Praxisverbot erteilt

Nico Schnurr 27.02.2019 9 Kommentare

Natürlich kann der Staat keine Impfungen gegen den Wunsch der Eltern verordnen, dafür genießt die elterliche Erziehung einen zu hohen Stellenwert.
Natürlich kann der Staat keine Impfungen gegen den Wunsch der Eltern verordnen, dafür genießt die elterliche Erziehung einen zu hohen Stellenwert. (Ralf Hirschberger/dpa)

Es ist noch nicht lange her, da kommt eine aufgebrachte Mutter in die Hausarztpraxis von Christoph Seeber in Leer. Sie hat ihr Kind dabei, es ist nicht geimpft und hat Keuchhusten, hoch ansteckend. Hastig erzählt die Mutter etwas am Empfang. Dann geht sie mit dem Kind ins Wartezimmer und setzt sich zwischen die anderen Patienten, Senioren, Eltern mit Säuglingen. Als sie dran sind, bittet die Mutter den Arzt, ihrem Kind Antibiotikum zu verschreiben.

Schon wieder so ein Fall, ein Kind, ungeimpft und krank, sagt Seeber. In dem Arzt brodelt es. Er verschreibt das Antibiotikum, und dann sagt er zu der Frau: „Kommen Sie nie wieder in meine Praxis.“ Die Mutter starrt Seeber an. Sie sagt: „Ich habe gedacht, Sie sind da offener.“ Offen ist die ostfriesische Praxis nun aber nicht mehr für alle Patienten. Impfgegner sollen ab sofort draußen bleiben.

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Anruf beim Arzt. Wie meint er das mit dem Praxisverbot? Christoph Seeber, 52 Jahre alt, berichtet von dem Keuchhusten-Fall. Dann schiebt er hinterher, ungeimpfte Patienten dürften weiterhin zu ihm kommen, das schon, natürlich. Nur solche, die sich gegen jede ­Impfung weigern, wie die aufgebrachte Mutter, „zu denen kann ich das Patientenverhältnis nicht mehr aufrechterhalten“.

Wenn 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, können sich einzelne Erkrankungen nicht verbreiten. Man nennt das Herdenimmunität. Die Impfgegner profitierten vom Schutz der Mehrheit und würden ihn gleichzeitig untergraben, sagt Seeber. „Ich komme mit diesem unmöglichen Egoismus nicht zurecht. Das ertrage ich nicht mehr.“ Es sind die Sätze eines Entnervten. Seeber klingt wie einer, der es lange probiert und nun aufgegeben hat. Manchmal schlägt seine Resignation ins Verbitterte um. Dann sagt er Sätze in den Hörer wie: „Die Impfgegner sind Schmarotzer, asoziale Trittbrettfahrer.“ Irritierte Nachfrage: Hat er, der Hausarzt, das gerade wirklich gesagt? Schon richtig gehört, er meine das auch genauso. „Irgendwann habe ich die Hoffnung verloren“, sagt Seeber. „Es macht keinen Sinn, mit Leuten zu diskutieren, die auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.“

Arzt Christoph Seeber.
Arzt Christoph Seeber. (Seeber)

Die Impfkritik sei so alt wie das Impfen selbst, sagt Cornelia Betsch. Die Psychologin forscht an der Universität Erfurt zu Impfentscheidungen. Betsch erzählt von Kupferstichen, über 200 Jahre alt. Sie zeigten Impfmonster, die Kinder verseuchen. Die Zweifel also sind nicht neu. Und doch sind sie heute Symptom einer Zeit, in der das vermeintlich Selbstverständliche nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft infrage gestellt wird.

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Oldenburg, nicht weit vom Bahnhof. In einem Altbau haben sie Mehrzweckräume mit Stuhlkreisen und Tischreihen vollgestellt. Vor einer Kulisse aus Topfpflanzen und Tafeln kommen hier Selbsthilfegruppen zusammen. Und einmal im Monat treffen sich im Dachgeschoss die „Eltern für Impfaufklärung“, kurz Efi, einer von über hundert impfkritischen Stammtischen in Deutschland. Meist kommen nicht viele, fünf, vielleicht sechs Eltern. An diesem Sonnabend sind sie zu dritt. Akademiker, in bunte Strickschals und Parka gewickelt, darunter ein Beamter, eine Informatikerin. Zur Begrüßung des Reporters lassen sie den Kommentar eines WESER-KURIER-Kollegen über den Tisch wandern. Titel: „Impfgegner sind immun gegen Beweise“. Kommt hier nicht gut an.

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Vier Prozent der Deutschen stehen dem Impfen „eher ablehnend“ gegenüber. Nur zwei Prozent haben eine durchweg negative Haltung dazu, heißt es in der aktuellsten Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2014. Und die Efi-Eltern? Als Impfgegner wollen sie sich nicht verstanden wissen, Impfskeptiker passe da schon eher. „Die Ärzte berichten immer nur, wie toll Impfungen sind“, sagt Jörg-Hendrik Kunze, der Beamte, 44 Jahre alt. Früher kandidierte er mal für die Piratenpartei. Jetzt möchte Kunze mit dem Stammtisch jungen und werdenden Eltern helfen, „auch mal eine andere Seite zum Thema Impfen zu hören“.

An diesem Tag klingt die dann so: „Der Impfgedanke ist zu einem Glauben mutiert, Skandale um Nebenwirkungen werden totgeschwiegen.“ Der Reihe nach werden jetzt Fälle aus dem Bekanntenkreis aufgezählt. Schlaf-Wach-Störung, Hirnschaden, Autismus. Klare Sache, keine Frage, das alles müsse mit ­Impfungen zusammenhängen, mit den Zusätzen in Impfstoffen wie etwa Aluminium. Schließlich kenne sie zwölf Kinder, die nicht geimpft sind, berichtet Yvonne Spieker, 47 Jahre alt, dritter Efi-Elternteil im Raum. „Und ich habe selten so gesunde Kinder gesehen, keine Allergien, kein Autismus.“ So viel Zufall? Unmöglich, glaubt Spieker. Sie hat ein Beispiel mitgebracht, ihren zehnjährigen Sohn, der neben ihr gerade munter auf seinem Handy tippt. „Er ist nicht geimpft und hat nichts, muss nie zum Arzt.“ Der Rest der Runde nickt.

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Natürlich, sagt Forscherin Cornelia Betsch, es gebe ein sehr kleines Risiko, dass Nebenwirkungen bei Impfungen auftreten. Das Risiko, sich nicht zu schützen, sei aber ungleich größer. Vor allem, wenn immer weniger Menschen geimpft seien. Früher hätten fast alle Familien mit Kinderkrankheiten zu tun gehabt. Diphterie habe man damals noch „Würgeengel der Kinder“ genannt. „Das Risiko war allen bewusst.“ Inzwischen sei das anders. „Wir haben heute oft eine Schieflage in der Wahrnehmung“, sagt Betsch. „Das ist menschlich: Wir überschätzen kleine Gefahren und unterschätzen große.“

Als Hausarzt ist Christoph Seeber eine Zweifelsammelstelle. Er hört sich an, was seine Patienten verunsichert, diskutiert mit manchen auch über Bedenken gegen Impfungen. Seeber weiß, wie das ist, wenn die Zweifel so mächtig sind, dass Statistiken keine Chance mehr haben. Manchmal versucht er es dann mit einer Geschichte.

Sie spielt im Jahr 1992, Seeber ist Student, nebenbei arbeitet er in der Pflege, und in Ägypten erkrankt ein deutscher Manager an Poliomyelitis, Kinderlähmung. Sein rechter Arm ist taub, auch der linke Fuß. Der Manager kann noch atmen und schlucken, viel mehr nicht. Später pflegt und füttert Seeber ihn, den bislang letzten deutschen Polio-Fall. Heute erzählt der Leeraner Arzt seinen Patienten davon, weil er es inzwischen nicht mehr für selbstverständlich hält, dass es der letzte Fall bleibt. Die Impfquote sinkt. „Ich betrachte das mit Sorge.“

Seeber sagt, er impfe, weil er überzeugt davon sei. Nicht weil sich viel Geld damit verdienen ließe. Zwischen sieben bis zehn Euro bekomme er pro Impfung. Davon müsse er den Impfstoff bestellen, ihn lagern und kühlen und das alles dokumentieren. „Reich werde ich damit ganz sicher nicht.“

In Oldenburg müssen die Impfskeptiker umziehen. Unterm Dach des Altbaus soll eine Kohltour geplant werden. Also wird nun eine Etage tiefer über die Pharmabranche geschimpft. „Die Industrie will möglichst viele Impfstoffe verkaufen, weil sie um die Nebenwirkungen weiß.“ Irritierte Nachfrage auch hier: Wie ist das gemeint? Schon richtig verstanden, sagt Yvonne Spieker. „Nur ein kranker Patient bringt Geld.“

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Sie hat einen Sticker an ihr Auto geheftet: „Impfst du noch oder denkst du schon?“ Mit dem beklebten Wagen fährt Spieker manchmal zu Demonstrationen. Einmal hat die Satire-Sendung „heute-show“ sie auf einer Kundgebung in Hamburg gefilmt. „Du läufst bei den Spinnern mit?“ Das hätten ihn die Arbeitskollegen häufiger mal gefragt, sagt Jörg-Hendrik Kunze. „Als erwachsener Mann musst du da drüberstehen.“

Zum Schluss bekommt der Reporter noch einen Rat. Sie erwarte keinen aufrichtigen Artikel, sagt die Informatikerin. Die Medien würden ohnehin nur die Lügen der Pharmaindustrie verbreiten. „Aber ich wünsche Ihnen, dass Sie eine aufrichtige Entscheidung treffen, wenn Sie irgendwann Vater werden: Impfen oder nicht? Es gibt nur eine richtige Entscheidung.“ Auch Christoph Seeber könnte so einen Satz gesagt haben. Der Arzt hätte ihn nur ganz anders gemeint.


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