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Gelagerter Korn
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Was vom Hype um Korn geblieben ist

Marc Hagedorn 01.02.2019 0 Kommentare

Sieht aus wie Cognac, Whisky oder Weinbrand, ist aber Korn, fassgelagert, hier in der Brennerei Heydt in Haselünne.
Sieht aus wie Cognac, Whisky oder Weinbrand, ist aber Korn, fassgelagert, hier in der Brennerei Heydt in Haselünne. (Timo Lutz/Heydt)

Gabriele Andretta staunte nicht schlecht, als ihr die Gastgeber ausgerechnet dieses kleine Geschenk in die Hand drückten. Andretta ist Präsidentin des Niedersächsischen Landtages und war zu Jahresbeginn mit einer kleinen Delegation in Edinburgh, es ging um die Aufnahme von partnerschaftlichen Beziehungen zum schottischen Parlament. Dort überreichte man ihr eine Miniaturflasche „Finest Malt Scotch Whisky“, exklusiv abgefüllt für das schottische Parlament, käuflich zu erwerben im angrenzenden Parlamentsshop. Andretta hat das so sehr beeindruckt, dass sie zum Neujahrsempfang, zurück in Hannover, prompt vorschlug, dass der Niedersächsische Landtag doch künftig einen eigenen Landtags-Korn einführen könne.

Niedersachsen ist Korn-Land, das würde also passen. In Haselünne im Emsland sitzen große und traditionsreiche Brennereien wie Berentzen und Heydt, im südniedersächsischen Nörten-Hardenberg wird der Hardenberg-Korn gebrannt und bis zur Mackenstedter Kornbrennerei in Stuhr-Groß Mackenstedt ist es von Bremen aus nur ein Katzensprung.

Per Schiff bis Afrika

In Oldenburg beglückt der Betreiber von OLs Brauhaus seine Gäste seit ein paar Monaten mit einer eigenen Korn-Karte. 13 Schnäpse stehen bei OLs zur Auswahl, jeder wird in der Karte auf sechs, sieben Zeilen gewürdigt. Über den „Hochseekorn“ der Hamburger Brennerei Hanseatic Spirits heißt es beispielsweise: „Aus kräftigem norddeutschen Getreide gebrannt, ruht unser Korn zunächst einige Jahre in Whiskeyfässern aus schwerem Eichenholz, bevor er seine lange, alles verändernde Seereise antritt… An Bord eines großen Frachtschiffes verlässt er den Hamburger Hafen. Es geht in Richtung Süden, durch das Mittelmeer und den Suez-Kanal, an Afrika vorbei bis in den Fernen Osten.“ Dieser Auszug genügt, um zu verstehen, was Sache ist: Hier wird ein Getränk in Szene gesetzt und soll Genuss zelebriert werden.

Denn darum geht es beim Geschäft mit dem Hochprozentigen: dem Korn ein neues Image zu verpassen. Weniger Herrengedeck, also Pils und Korn, und weniger U-Boot, also Korn-Pinneken, die im Bierglas versenkt werden, um sich möglichst schnell abzuschießen. Stattdessen mehr Stil, Exklusivität und Individualität. Vor zwei Jahren hätte man meinen können, dass der Siegeszug des Korn nicht mehr zu stoppen sein würde. Die „Zeit“ widmete ihm ein Stück („Korn – endlich cool“), der „Spiegel“ prophezeite „Edelschnaps verdrängt Wodka und Whisky“, und der „Stern“ erklärte „Warum Doppelkorn der bessere Wodka ist“. Was ist daraus geworden?

Wodka liegt ganz vorn

Thorsten Kaiser, Chef von OLs Brauhaus, sagt, dass seine Gäste sehr angetan sind vom umfangreichen Angebot. „Korn läuft gut, besser als erwartet.“ OLs ist eigentlich eine Bierkneipe, aber was gehörte – zumindest früher – zum gepflegten Pils? Genau, ein Kurzer. Zuletzt war das Geschäft mit dem Korn in Deutschland aber kein leichtes mehr. Rund 50 Millionen Flaschen gehen jährlich übers Kassenlaufband und die Theke, vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Acht Liter Korn trank der Deutsche 1980 im Schnitt, nach den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2017 sind es heute noch 5,4 Liter.

Wodka ist in Deutschland die beliebteste Spirituose, Whisky geht auch immer gut, Gin war der Aufsteiger der letzten Jahre. Rum sowie Bitter-, Halb- und Kräuterliköre halten sich stabil am Markt, Weinbrand dagegen hat schwer zu kämpfen genau wie der klassische Klare. Aber dagegen setzen die Unternehmen seit einiger Zeit ihren fassgelagerten Korn. „Er ist ein Nischenprodukt“, sagt Hendrik Heydt, Chef der gleichnamigen Kornbrennerei, „aber in dieser Nische gibt es ein signifikantes Umsatzwachstum, und für die Zukunft habe ich noch viel Fantasie.“

Ein Kurzer für 4,30 Euro

Beim Publikum, das bereit ist, für Genuss etwas mehr Geld auszugeben, verfängt offenbar das Konzept, das hinter gelagertem Korn steckt. Firmen wie Heydt, aber auch Start-ups wie Güldenhaus aus Bremen oder Nork, das Bremer und Hamburger Wasser verwendet, bedienen eine Sehnsucht nach Handgemachtem und Bodenständigem. Mal sind die Flaschen durchnummeriert, mal von Hand abgefüllt. Der Craft-Bier-Boom und der Triumphzug des Gin haben es vorgemacht. Ein kluges Marketing und geschicktes Storytelling, wie es heute neudeutsch heißt, sind auch beim Lagerkorn die halbe Miete. „Unsere Gäste verstehen, dass es ein hochwertiges Produkt ist“, sagt OLs-Chef Kaiser. Zwischen 2,90 und 4,30 Euro kostet ein Korn bei OLs.

In Sherry-, Cognac- oder Whiskyfässern wird der Korn bei Heydt mehrere Jahre gelagert, dann erst hat er den passenden Geschmack.
In Sherry-, Cognac- oder Whiskyfässern wird der Korn bei Heydt mehrere Jahre gelagert, dann erst hat er den passenden Geschmack. (Heydt)

Für Heydts gelagerten Korn, der bis zu acht Jahre in Cognac-, Whisky- oder Sherryfässern reift, muss der Kunde für eine 0,5-Liter-Flasche zwischen 18 und 45 Euro ausgeben. Das ist Welten entfernt vom Klaren, der an Tankstellen oder Supermärkten rausgegeben wird. Aber es scheint zu funktionieren. „Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir Korn für 45 Euro die Flasche verkaufen, hätte ich ihm den Vogel gezeigt“, sagt Heydt.

Sogar 350 Euro kostet der Bordeaux Finish von Sasse. Die Feinbrennerei im münsterländischen Schöppingen gilt als Pionier in Sachen Lagerkorn. Sasse hat die „Korn-Revolution“ ausgerufen. Im „World-Spirits Guide“, vergleichbar mit dem Guide Michelin, wird sie als „World-Class Distillery“ geführt. „Wir nehmen uns etwas, was heutzutage selten ist: Zeit“, sagt Firmenchef Rüdiger Sasse. Das ist auch der Grund, weshalb die Absatzmenge nicht von heute auf morgen in die Höhe schießen kann. Aber die Richtung scheint zu stimmen. „Mein Eindruck“, sagt Kaiser, „so wie Korn bei uns nachgefragt wird, hält sich dieser Trend länger.“  

Ganz neu: Kaffee und Korn

Die Branche bleibt trotzdem in Bewegung, immer auf der Suche nach der nächsten Zugnummer. Bei Berentzen in Haselünne arbeiten sie an einem neuen gelagerten Korn, und bei Güldenhaus in der Bremer Neustadt „am Cross-Over von Kaffee und Korn“, wie Geschäftsführer Hauke Eimann verrät. Bremen sei Kaffee-Stadt, sagt er, „da ist viel Potenzial für die Zukunft.“  

Für den niedersächsischen Landtags-Korn gilt das nicht. „Der Vorschlag war nicht wirklich ernst gemeint“, sagt die Landtagspräsidentin. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt vor zu großem Alkoholgenuss, und ihre Landtagsverwaltung, sagt Andretta, betreibe ein aktives Gesundheitsmanagement. „Und da ist es nur schwer vermittelbar, wenn ich Mitarbeiter auf die Reise schicke, um niedersächsische Kornsorten durchzuprobieren.“ Aber unmöglich scheint beim Klaren ansonsten nichts zu sein.


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Leserkommentare
suziwolf am 22.10.2019 13:04
@brakadabra ...

„👍“ ... Ich hab‘ jetzt‘n „Hummer“ ...
...................................🚘.............

Auf‘m ...
FloM am 22.10.2019 13:01
@gorgon:
Himmelnochmal, jahrzehntelang billige Lebensmittel konsumieren und sich dann über die Folgen der Herstellung aufregen.
Welche ...
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