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Wie Cuxhavener Bürger ihren Bahnhof vor dem Abriss retten

Nico Schnurr 26.12.2018 0 Kommentare

Der Cuxhavener Bahnhof war marode und stand vor dem Abriss, eine Ruine. Daran erinnert inzwischen fast nichts mehr.
Der Cuxhavener Bahnhof stand vor dem Abriss. (Vasil Dinev)

Wer die Cuxhavener Bahnhofshalle vor einigen Jahren betrat, hätte sich ans Set eines Gruselfilms versetzt fühlen können. Außen rostige Türen, vernagelte Fenster. Tristesse in Backsteinrot, die Fassade voller Grünspan und Graffitis, verschmiert mit der Zeit. Innen nackte Räume, Schutt auf dem Boden. Kabel, die von der Decke hingen.

Der Cuxhavener Bahnhof, oder das, was von ihm übrig geblieben war, das war ein Ort, an dem niemand gerne ankam. Einige Hotels aus der Gegend, die vom Tourismus lebt, holten ihre Gäste deshalb am Bahnhof in Otterndorf ab, 18 Kilometer von Cuxhaven entfernt. Ein Urlaub, dachten die Hoteliers, der an diesem Bahnhof beginnt, ist gleich wieder vorbei.

Inzwischen müssen die Hoteliers keinen Bogen mehr um den Bahnhof machen. Er wurde grundsaniert, für fünf Millionen Euro. Nicht die Deutsche Bahn, die Stadt oder ein Investor haben dafür gesorgt, sondern 600 Bürger, viele Cuxhavener, auch manche, die Cuxhaven nur aus dem Urlaub kennen.

Größter Bürgerbahnof des Landes

Sie haben eine Genossenschaft gegründet, Geld gesammelt, über eine Million Euro Eigenkapital, Fördermittel und Kredite, und ihren Bahnhof gerettet, als schon keiner mehr daran geglaubt hat. Nun, nach gut einem Jahr Umbauzeit, hat er seit einigen Tagen geöffnet: der größte Bürgerbahnhof des Landes. Die Cuxhavener haben ihren Bahnhof nicht nur saniert, sie werden ihn nun auch selbst betreiben.

Es ist schon ein bisschen her, etwa Ende des 19. Jahrhunderts, als auch in kleinen Städten große Bahnhöfe entstanden. Im ganzen Norden war das so: Backstein-Bauten als Tor zur Stadt, als Visitenkarte entlang der damals neuen Schienenstrecken.

Heute genügt eine anderthalbstündige Zugfahrt von Bremen nach Cuxhaven, um eine Ahnung davon zu bekommen, was aus vielen Regionalbahnhöfen geworden ist: An Gleisen kauernde Klötze, bei denen sich die Zeit in die Klinker gefressen hat, zusammengesackt, marode. Bräuchte es Symbolbilder zum Thema Landflucht, man würde sie an diesen verfallenen Provinzbahnhöfen finden. In Cuxhaven setzen sie dem nun etwas entgegen.

„Der Bahnhof war eine Ruine“

Die Fassade leuchtet hellrot. Drinnen, in der Wartehalle des neuen Cuxhavener Bahnhofs, glänzen dunkle Fliesen. Pastellfarbene Wände, an einer hängen Kästen, in denen Strandgut ausgestellt ist, Muscheln, Flipflops. Gegenüber bringen einige Genossen gerade ein Mosaik aus bunten Kacheln an, von Kindern gemalte Urlaubsbilder. Dazu die Bahnhofsklassiker: Buchladen, Reisezentrum der Bahn, Café.

Wo einst eine geschlossene Spielhalle ihren Teil zum morbiden Gesamteindruck beitrug, entsteht nun ein Restaurant mit breiter Fensterfront und hohen Decken. Bald kommt noch die Filiale eines Autovermieters dazu, eine Taxizentrale, das lokale Busunternehmen bezieht einen Raum, auch die Touristeninformation. Ein Bahnhof, so wie man sich ihn nahe der Nordsee vorstellt, hell, einladend. Kaum vorstellbar, dass das Gebäude noch vor ein paar Jahren für den Abriss freigegeben war.

„Der Bahnhof war eine Ruine, im Grunde ein hoffnungsloser Fall“, sagt Axel Schneider. Der Genosse ist der Gebäudemanager des neuen Bahnhofs, sein Büro liegt unterm Dach, in einem Raum, der noch vor ein paar Monaten nicht betretbar war. Auf dem Tisch vor ihm hat Schneider eine Karte des neuen Gebäudes ausgebreitet, neben ihm sitzt Gabriele Grubel, Vorstand des Bürgerbahnhofs.

Die Bürger oder niemand

Die beiden erzählen davon, wie man auf die Idee kommt, einen Bahnhof zu kaufen. Sie hatten keine andere Wahl, völlig alternativlos, sagen sie. Die Bürger oder niemand, das war die Situation in Cuxhaven. „Wer sollte es denn sonst machen?“, fragt Schneider. Er und die anderen Genossen fühlten sich alleine gelassen. Von der Bahn, der Stadt, der Wirtschaft.

Über Jahre hatte sich die Deutsche Bahn nicht um das historische Gebäude gekümmert. Der Bahnhof verfiel, erst schleichend und unbemerkt, dann immer schneller und für jeden sichtbar. „Irgendwann blieb nur noch eine Bruchbude übrig, für die man sich in der Stadt geschämt hat“, sagt Grubel, „aber der Bahn war das egal.“

Etwa 3000 Menschen steigen täglich am Cuxhavener Bahnhof ein und aus, nicht wenig, aber zu wenig für die Deutsche Bahn, um an eine Renovierung der Halle zu denken, sagt Schneider. „Geld ist nur für die Bahnhöfe der Großstädte da, die kleinen Städte bleiben auf der Strecke.“

Das Ultimatum der Bahn

Als die Deutsche Bahn schließlich merkte, wie marode die Cuxhavener Bahnhofshalle geworden war, stellte sie der Stadt ein Ultimatum: fünf Jahre, um einen Käufer für das Gebäude zu finden. Sollte das nicht gelingen, würde man den Bahnhof schließen. „Zaun drum, fertig, aus, Abriss, das war die Aussicht“, sagt Schneider.

Die Stadt, chronisch klamm, konnte sich den Bahnhof selbst nicht leisten, also suchte und fand sie einen Investor. Wie sich bald herausstellte, hatte der aber andere Pläne als die Stadt. Aus der Wartehalle wollte er ein kleines Einkaufszentrum machen, das alte Gebäude sollte weichen für einen neuen Elektrofachmarkt und anderen Fußgängerzonen-Standard. Die Stadt trennte sich vom Investor, und plötzlich wurde die Zeit knapp. Der Abriss rückte näher.

Die Züge wären weiter nach Cuxhaven gefahren, auch wenn die Bahnhofshalle abgerissen worden wäre, das schon. „Aber mehr als ein Ticketautomat und vielleicht noch ein improvisierter Unterstand hätten die Gäste dann nicht empfangen“, sagt Schneider. „Der Gedanke war nicht auszuhalten.“

„Viele haben das nicht ernstgenommen“

Also gründeten 54 Cuxhavener 2013 eine Genossenschaft, um den Bahnhof zu retten. Viele von ihnen hatten sich schon vorher in einer lokalen Bürgerinitiative organisiert, die als Reaktion auf Stuttgart 21 entstanden war. Milliarden für die Großstädte, während die Regionalbahnhöfe verfallen, das wollten sie in Cuxhaven nicht länger hinnehmen. Und nun nahmen sie die Sache selbst in die Hand.

„Viele haben das nicht ernstgenommen“, sagt Schneider. „Für die meisten waren wir anfangs bloß die Spinner vom Bahnhof.“ Das änderte sich, als die Genossenschaft immer weiter wuchs, bis sie irgendwann groß genug war, um den Bahnhof zu kaufen.

Schneider sagt: „Wir hatten erstmal überhaupt keine Ahnung, worauf wir uns da einlassen, aber das Risiko war es wert.“ Inzwischen reisen die Genossen durchs Land und halten Vorträge über ihr Projekt, gerade waren sie in Offenbach am Main. Verwahrloste Bahnhöfe gibt es bundesweit, und in Cuxhaven verstehen sie Bahnhof, sowas spricht sich rum.

Gabriele Grubel sitzt im Vorstandsbüro und wedelt mit einem Brief, der gerade angekommen ist. Ein Cuxhavener Hotelier bedankt sich darin für den neuen Bahnhof. Endlich keine Umwege mehr aus Scham, keine 18 Kilometer nach Otterndorf fahren. Und die Genossenschaft hat ein neues Mitglied.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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