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Heimatbesuch mit Carsten Sieling
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Zurück zu den Wurzeln

Jörn Dirk Zweibrock 17.03.2018 1 Kommentar

Heute Kindergarten, früher Schule: In Linsburg hat Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (59) damals die Schulbank gedrückt.
Heute Kindergarten, früher Schule: In Linsburg hat Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (59) damals die Schulbank gedrückt. (Dustin Weiss)

Die einen kommen aus Bremen, die anderen aus umzu. Aber ist Linsburg eigentlich noch umzu? Eher nicht, denn der Südteil des Landkreises Nienburg tendiert im Gegensatz zum Hoyaer Land schon in Richtung Landeshauptstadt. „Wir sind doch drei Jahre lang zusammen mit der Bahn nach Hannover gefahren“, erzählt eine alte Bekannte, als sie den Bremer Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) beim Heimatbesuch in Linsburg erstmal tüchtig in den Arm nimmt.

Sowieso herzt und drückt der gebürtige Niedersachse dort in bester Henning-Scherf-Manier fast alles und jeden. Mit 20 Jahren, also vor fast vier Jahrzehnten, hat Sieling das Dorf seiner Kindheit und Jugend verlassen, ist zum Studium nach Hamburg aufgebrochen. Vieles hat sich seitdem in der 900-Seelen-Gemeinde verändert. Die ehemalige Gaststätte Lindenhof zum Beispiel hat sich inzwischen in einen schmucken Dorfladen samt Café und Dorfgemeinschaftshaus (DGH) verwandelt.

Mit viel Herzblut und umso mehr Arbeit haben sich die hemdsärmeligen Linsburger dort eine neue Mitte geschaffen. „In Linsburg mischen sich seit jeher Ideen und Zusammenhalt“, sagt der berühmteste Sohn des Ortes, als er bei der Einweihung des Dorfgemeinschaftshauses ein Grußwort spricht. Klar habe er auch einen Anteil am neuen Dorfladen gezeichnet. Sielings Blick wandert durch den Saal. „Hier hängen so viele Erinnerungen dran. Da hinten habe ich doch früher einmal auf der Bühne gestanden.“

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Fünf Kneipen und zwei Lebensmittelgeschäfte gab es früher noch im Dorf. Sieling weiß, dass es einer aktiven Gemeinschaft wie dem Linsburger Dorfladen-Verein um den rührigen Vorsitzenden Jürgen Leseberg bedarf, um das Ausbluten des ländlichen Raums, das Veröden ganzer Dörfer zu verhindern. Er freut sich, dass die Linsburger jetzt nicht mehr extra zum Einkaufen nach Nienburg fahren müssen, die Dinge des täglichen Bedarfs im neuen Dorfladen erhalten. Sieling verspricht, dass er jetzt öfter zum Einkaufen nach Linsburg kommt.

Der Präsident des Bremer Senats zieht eine Parallele zwischen Linsburg und dem Bremer Stadtteil Blumenthal, wo der traditionelle Einzelhandel in den vergangenen Jahren weggebrochen sei. „Wir sind gerade dabei, ihn zu revitalisieren. So ein Laden wie in Linsburg würde auch dort gut passen“, findet der SPD-Politiker. Obwohl, genau genommen, ist der 59-Jährige ja ein Meinkingsburger. Aber Meinkingsburg gehört ja nun einmal genauso zu Linsburg wie Blumenthal zu Bremen.

Bei Wind und Wetter zu Fuß zur Schule

Aufgewachsen ist Carsten Sieling auf einem Bauernhof. „Mein Vater hat bei Volkswagen gearbeitet und Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben. Meine Mutter hatte hier im Dorf die Poststelle“, erzählt der Bürgermeister von seinen niedersächsischen Wurzeln. Hausaufgaben habe er als Kind komischerweise nie aufgehabt. „Ich wollte nachmittags immer schnell zu meinen Kumpels auf den Fußballplatz.“

Beim Rundgang durch sein Heimatdorf bleibt Sieling an seiner alten Grundschule stehen, die heute einen Kindergarten beherbergt. Während die Bremische Bürgerschaft gerade beitragsfreie Kitas ab August 2019 beschlossen hat, gab es früher überhaupt keinen Kindergarten in Linsburg. „Meine Kita waren meine Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits“, erzählt Sieling lachend und blickt durch die Fenster des Linsburger Kindergartengebäudes.

Auch Elterntaxis waren Mitte der 1960er-Jahre noch ein Fremdwort. „Ich bin damals bei Wind und Wetter zu Fuß den zwei Kilometer langen Weg zur Schule gegangen. Im Februar 1966 lag der Schnee so hoch“, erinnert sich der 59-Jährige und zeigt dabei auf sein Knie. Zu Fuß zur Arbeit gehe er übrigens heute immer noch. „Auf dem Weg ins Bremer Rathaus habe ich dann gleich mit mindestens drei Bürgern geschnackt.“ „Projekt lebende Litfass-Säule“ nennt Sieling dies augenzwinkernd.

Noch in Kontakt mit der ersten großen Liebe 

Geprägt habe ihn als Schüler vor allen Dingen sein Lehrer Dieter Hoppe. „Der hat später auch eine Jugendgruppe mit uns gegründet.“ Mit Hoppe und seiner alten Clique von damals habe er sich neulich gerade an der Schlachte getroffen, verrät der Bremer Bürgermeister. Obwohl er seinem Heimatort bereits vor nahezu 40 Jahren den Rücken gekehrt hat, pflegt er immer noch gute Kontakte nach Linsburg – soweit es für einen zeitlich stark eingespannten „Ministerpräsidenten“ eben gehe. Auch mit seiner ersten großen Liebe und besten Freundin stehe er noch in Kontakt.

Nach der Bundestagswahl 1976, also mitten in der Ära Helmut Schmidt, ist Sieling damals in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands eingetreten. Er zählt sogar zu den Gründungsmitgliedern der Linsburger SPD. Politisch sozialisiert wurde er aber schon vorher – und zwar über eine Jugendraum-Initiative. „Als 16-Jähriger bin ich gemeinsam mit meinem Kumpel zu einer Gemeinderatssitzung gegangen.  Die Politik hat uns damals sogar 120 Mark für die beiden Jugendräume in der Scheune bewilligt“, erinnert sich der heutige Bremer Bürgermeister.

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Und weiter: „Später haben wir dann Getränke und Bratwürste beim Osterfeuer verkauft und hatten auf den Schlag 1000 Mark in der Kasse. Von da an brauchten wir dann nie wieder einen Antrag zu stellen.“ Luftgewehr geschossen hat Sieling damals im Schützenverein auch, und im Dorf Theater gespielt. Auf einen rot-grünen Zweig wie in Bremen ist die SPD in Linsburg jedoch nie gekommen, verfügt heute gerade einmal über einen Sitz im Gemeinderat. Dafür hält Sielings Familie den Roten die Treue.

„Ich bin gerade für 40 Jahre Mitgliedschaft ausgezeichnet worden“, erzählt sein 88-jähriger Vater Friedrich während des Familientreffens in Linsburg. Der Senior hat den Meinkingsburger Hof inzwischen verlassen, lebt heute bei seiner Tochter Claudia in der Südpfalz. Die ist mittlerweile SPD-Ortsvereinsvorsitzende in Landau. Heimat ist für den Bremer Bürgermeister nach wie vor ein wichtiger Begriff. „Als wir noch im Fesenfeld wohnten, waren meine beiden Söhne neben einer 90-jährigen Dame die einzigen, die noch in der Straße geboren wurden.“

Was sagt der Bremer Bürgermeister Carsten Sieling eigentlich zu seinen schlechten persönlichen Umfragewerten? Schüttelt ein Regierungschef so etwas ab oder kränkt einen so etwas? „Mich spornt das an. Neben vielen Dingen, die sehr gut laufen, hat Bremen wie andere Großstädte auch einen Haufen Probleme. Aber wir arbeiten dran. Genauso wie Berlin. Meinem Kollegen Michael Müller geht es doch mit den Umfragen nicht anders“, erklärt Sieling. Das Bremer Bürgermeisteramt sei eben das schönste der Welt. Obwohl, wenn er sich  anschaut, was Linsburgs Bürgermeister Jürgen Leseberg (Wählergemeinschaft) so alles aus dem einstigen Bauerndorf gemacht hat, bekommt er kurz Zweifel.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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