Ex-Krankenpfleger vor Gericht

Niels Högel gesteht Morde an Patienten

Der größte Mordprozess in der Geschichte der Bundesrepublik hat mit einem Geständnis begonnen: Der Ex-Krankenpfleger Niels Högel räumte ein, für die Morde an Patienten verantwortlich zu sein.
01.11.2018, 09:04
Lesedauer: 3 Min
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Niels Högel gesteht Morde an Patienten
Von Nico Schnurr

Es ist der größte Mordprozess in der Geschichte der Bundesre­publik, und er hat mit einem Geständnis begonnen. Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel räumte am ersten Prozesstag vor dem Landgericht ­Oldenburg ein, für hundert Morde an Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst verantwortlich zu sein. Auf die Frage des Gerichts, ob die gegen ihn erhobenen Vorwürfe größtenteils zuträfen, antwortete der 41-Jährige mit „Ja“.

Bei dem Verfahren, das auch bundesweit die Schlagzeilen dominiert, geht es um die größte Mordserie der Nachkriegsgeschichte. Niels Högel ist bereits 2015 für sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nun wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, weitere hundert Morde im Zeitraum zwischen 2000 bis 2005 begangen zu haben, heimtückisch und aus niederen Beweggründen. Für das neue Verfahren dient der große Festsaal der Weser-Ems-Hallen als Gerichtsort. Es braucht den Platz einer Mehrzweckhalle für diesen Jahrhundertprozess: 126 Angehörige der Toten sind als Nebenkläger zugelassen, dazu 17 Anwälte, die sie vertreten.

Die Dimension der vorgeworfenen Verbrechen wurde am Dienstag mit dem Verlesen der Anklage deutlich. Die Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann trug zu jedem der hundert Patienten den Namen vor, den Geburtstag, das Sterbedatum und die Todesursache. Es dauerte knapp anderthalb Stunden, bis sie alle Frauen und Männer genannt hatte, die Högel getötet haben soll.

Högel : „Es war Imponiergehabe

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Högel mordete, um von Kollegen für seine Fähigkeiten bei der Reanimation bewundert zu werden – „und um seine Langeweile zu bekämpfen“. Högel sagte: „Es war Imponiergehabe.“ Dass viele seiner Opfer die Tortur nicht überlebten, habe er billigend in Kauf genommen, heißt es in der Anklage. Die Ermittler gehen davon aus, dass es weit mehr als hundert Opfer gibt. Doch in vielen Fällen wurden die Toten feuerbestattet, was es unmöglich macht, im Nachhinein noch Spuren von Medikamenten nachzuweisen.

Richter Sebastian Bührmann forderte zu Verhandlungsbeginn zu einer Schweigeminute auf. Die Beteiligten und Zuhörer erhoben sich, auch Niels Högel, den Kopf hielt er gesenkt. Danach nahm sich Bührmann viel Zeit für die Angehörigen. Der Richter entschuldigte sich für die Sprache der Juristen. In den Ohren der Opfer klinge es sicher hart, wenn etwa vom „Tatbestandserfolg“ gesprochen werde und damit der Tod eines Angehörigen gemeint sei.

Bührmann versicherte: „Wir handeln nicht mit Kälte.“ Und er versprach: „Wir werden mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen. Aber die vollständige Wahrheit werden wir nicht erreichen können.“ Denn die hänge vom Täter ab, von Niels Högel. Und von seinem Erinnerungsvermögen.

Der Mörder und die Scham

„Herr Högel“, mahnte Bührmann, „Sie müssen sich wirklich anstrengen und so viel wie möglich aus Ihrer Erinnerung wachrufen.“ ­Högel war bereit auszusagen. Zunächst über seine Person, das behütete Elternhaus in Wilhelmshaven, der Vater Krankenpfleger, die Mutter Rechtsanwaltsgehilfin. Später erzählte er von seiner Zeit auf der Intensivstation des Klinikums Oldenburg, wo er im Juni 1999 anfing. Högel berichtete von hohem Druck und seinem Ehrgeiz, „gute Leistungen zu bringen“.

Er habe in dieser Zeit angefangen, regelmäßig starke Schmerzmittel zu nehmen, um den Stress erträglicher zu machen. Högel sagte: „Was ich mir nicht eingestehen wollte, das war wahrscheinlich, dass eine Intensivstation gar nichts für mich ist.“ Er sprach auch über die Kollegen aus jener Zeit, die, wie er, die Patienten nicht als Menschen gesehen hätten, sondern als Nummern, als Fälle. „Ich hätte eigentlich gar nicht nach Oldenburg gehen dürfen“, sagte er schließlich.

In Oldenburg soll Högel 36 Menschen ermordet haben, 64 in Delmenhorst. Im vorherigen Prozess hatte Högel noch nichts von den Morden in Oldenburg verraten. Wenn er die Morde in Delmenhorst einräume, fragte Bührmann, was halte ihn dann davon ab, die Taten in Oldenburg zu gestehen?

Ein Laptop für Högel

Högel sagte, er habe die Taten aus Scham vor seiner ­Familie verschwiegen, er habe es nicht wahrhaben wollen. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Sie kennen den Spruch, Herr Högel“, sagte Bührmann, und dann fragte er ihn: „Wie viel können wir Ihnen glauben?“ Als später der Anwalt eines Nebenklägers von Högel wissen wollte, ob es Momente gegeben habe, in denen er sich entschlossen hätte, mit dem Töten aufzuhören, fiel die Antwort des Angeklagten kurz aus: „Nein.“

Das Gericht hat Högel einen Laptop mit den Krankenakten der Opfer in die Zelle gestellt. An Krankengeschichten könne er sich besser orientieren als an Namen. In drei Wochen, wenn der Prozess am 21. und 22. November fortgesetzt wird, sollen die Mordfälle im Detail aufgearbeitet werden, einer nach dem anderen. Dann wird das Gericht wieder auf Högels Erinnerung angewiesen sein.

Im Verfahren geht es allein um Högels Schuld. Die Verantwortung der Klinikmitarbeiter soll in späteren Prozessen geklärt werden. Vier Mitarbeiter aus dem Krankenhaus in Delmenhorst sind wegen Totschlags durch Unterlassung angeklagt, gegen das Oldenburger Personal wird noch ermittelt. Bührmann ging darauf ein, als er zu den Angehörigen der Toten sprach. „Diese Verantwortung wird nicht vergessen“, sagte der Richter. „Alles zu seiner Zeit.“

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