Frank Holle im Interview „Noch bin ich interessant“

Ihm sei weder langweilig noch sei er amtsmüde. Im Interview erläutert Tarmstedts Samtgemeindebürgermeister Frank Holle, warum er nach Stuhr wechseln will.
03.01.2019, 08:43
Lesedauer: 5 Min
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Von Johannes Heeg

Herr Holle, Sie zieht es nach Stuhr. Ist Ihnen nach fast 14 Jahren der Bürgermeister-Job in Tarmstedt zu langweilig geworden?

Frank Holle: Über Langeweile kann ich mich hier wirklich nicht beschweren. Nein, der Hintergrund meines angestrebten Wechsels ist der: Ich bin jetzt 50 Jahre alt und an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich gerne etwas anderes machen möchte. Jetzt habe ich auch noch die Kraft und Energie, etwas zu bewegen. Noch bin ich interessant für andere Arbeitgeber.

Amtsmüde in Tarmstedt?

Wenn ich amtsmüde wäre, würde ich mich nicht in einer Gemeinde bewerben, die dreimal so viele Einwohner hat wie die Samtgemeinde Tarmstedt. Die Gemeinde Stuhr beschäftigt 650 Mitarbeiter. Allein im Rathaus gibt es so viele Mitarbeiter wie die Samtgemeinde insgesamt hat, so um die 110. Und tatsächlich wiederholt sich im Laufe der Jahre doch einiges, und mich reizt einfach eine neue Aufgabe. Ich möchte meinen Abgang selbst bestimmen, um eben nicht amtsmüde zu werden.

Ihr Gehalt steigt entsprechend. Von jetzt 7377 Euro im Monat auf künftig rund 8800 Euro.

Ja, das ist kein Geheimnis, weil es überall nachzulesen ist. Im Moment bin ich auf Besoldungsstufe B2, das hängt von der Einwohnerzahl ab. Stuhr hat 34 000 Einwohner, das bedeutet Stufe B5. Mit der Verantwortung wächst auch das Schmerzensgeld.

Zu Stuhr gehört Brinkum mit Ikea und dem Ochtum-Park. Die Gemeinde schwimmt im Geld?

Das nicht gerade. Aber alleine die Gewerbesteuer bringt rund 30 Millionen Euro im Jahr ein. Zum Vergleich: Der gesamte Haushalt unserer Samtgemeinde umfasst 13 Millionen Euro.

Sie setzen sich also ins gemachte Nest?

Aus meiner Sicht ist die Gemeinde Stuhr tatsächlich gut aufgestellt, hat aber eine große Baustelle: Es gibt keine Gewerbeflächen mehr, die vielen Anfragen können nicht bedient werden. Wenn die Gemeinde ihr Niveau halten will, muss sie neue Flächen ausweisen, damit neue Unternehmen nachkommen können.

Am Dienstag vor Weihnachten sind Sie von der Stuhrer CDU nominiert worden, am 26. Mai 2019 soll die Bürgermeisterwahl stattfinden, gemeinsam mit der Landrats- und der Europawahl. Wann wäre Ihr erster Arbeitstag in Stuhr?

Sollte ich gewählt werden, wovon ich optimistischerweise ausgehe, würde ich am 14. Februar 2020 meinen Dienst in Stuhr antreten. In Absprache mit meiner Familie ist der weitere Plan so: Ich nehme mir sofort zu Amtsbeginn eine Wohnung in Stuhr. Nach einem bis anderthalb Jahren würden wir das Haus in Ottersberg aufgeben, und meine Frau zieht zu mir nach Stuhr.

Warum gerade Stuhr?

Das hat sich zufällig ergeben, in der CDU gibt es ganz gute Netzwerke. Dass der jetzige Bürgermeister Niels Thomsen nicht mehr antreten will, hatte sich herumgesprochen.

Woher kam der Tipp?

Das ist Berufsgeheimnis. Jedenfalls war mein erster Kontakt zum CDU-Gemeindeverband positiv. Beide Seiten haben gesagt: Das passt.

Der Wahlausgang ist offen. Der jetzige Bürgermeister ist parteilos, es gab Vorgänger mit CDU- und mit SPD-Parteibuch.

In der Tat kann niemand den Wahlausgang vorhersagen. Klar ist nur, dass die CDU im Moment die größte Fraktion im Stuhrer Gemeinderat stellt. Es gibt aber keine Mehrheitsgruppe, die machen dort eine offene, pragmatische Ratsarbeit.

Der Bürgermeister wird direkt vom Volk gewählt. Für die Stuhrer sind Sie derzeit aber der große Unbekannte.

Zunächst einmal: Es ist richtig, ich würde als Bürgermeister und Neu-Stuhrer völlig bei Null anfangen. Ich müsste mir meine Negativeinträge bei Facebook noch erarbeiten. Aber im Ernst: Natürlich gucke ich mir die Verwaltung mit dem geschulten Blick von außen an. Es gibt gewisse Dinge, die sind einfach lebensverlängernd und gesundheitsfördernd für einen Bürgermeister: Das sind eine gut funktionierende Verwaltung und, in meinem Fall, eine gute CDU-Fraktion und ein guter CDU-Gemeindeverband. Alle drei sind gut aufgestellt, ich freue mich auf die Zusammenarbeit.

Wie machen Sie sich beim Wahlvolk bekannt? Sie haben ja noch einen Job in Tarmstedt.

Ich habe die Wochenenden genutzt und bin mit den Parteifreunden über die Weihnachtsmärkte gegangen. Die Fraktionskollegen haben mich an die Hand genommen, ich habe mich vorgestellt, Hände geschüttelt und Kaffee getrunken. Nach Ostern wird sich die Schlagzahl erhöhen, vier Wochen vor der Wahl werde ich Urlaub nehmen, wenn es in die heiße Phase geht.

Ist ein Gegenkandidat in Sicht?

Bisher nicht. Wenn es einen gäbe, müsste sie oder er sich möglichst schnell, also Anfang des Jahres outen.

Falls Sie gewählt würden, wären Sie in Tarmstedt überhaupt noch mit voller Kraft bei der Sache? In Amerika nennt man Präsidenten, deren Nachfolger schon gewählt sind, lame ducks. Lahme Enten.

Lahme Ente, wie soll das gehen? Das funktioniert in der Praxis nicht. Ich habe noch nie eine Sitzung des Samtgemeinderates und des Samtgemeindeausschusses verpasst, und das wird auch so bleiben. Die Stuhrer Kollegen kennen meinen Terminkalender. In Tarmstedt werde ich Vollgas geben, um noch möglichst viel umzusetzen. Nach der Wahl in Stuhr habe ich noch neun Monate Zeit, um den Laden in Tarmstedt geordnet zu übergeben.

Was liegt 2019 an?

Wir müssen die Erweiterung der Grundschule Tarmstedt anschieben, bei Edeka wird im Januar etwas passieren, beim neuen Baugebiet in Tarmstedt müssen wir Preise und Bauabschnitte festlegen, beim Gewerbegebiet geht es voran, beim Kindergarten stehen Entscheidungen über Erweiterung oder Neubau an, im Rathaus müssen Stellen im Bauamt und in der Rentenberatung besetzt werden.

Welche Baustellen werden Sie in Tarmstedt hinterlassen?

Ich wünschte, wir würden die Radwege zwischen Otterstedt und Dipshorn sowie zwischen Otterstedt und Vorwerk verwirklichen können. Aber das liegt nicht in unserer Hand. Die Rückabwicklung des Kalksandsteinwerk-Grundstücks in Tarmstedt, auch bekannt als Wellhausen-Grundstück, kriegen wir hoffentlich hin. Die Sache liegt beim Gericht, wir klagen auf Herausgabe einer Kontonummer.

Sollten Sie in Stuhr nicht gewählt werden, was wäre Ihr Plan B?

Ich bin in Tarmstedt bis Herbst 2021 gewählt, so lange werde ich mein Amt auch ausüben. Da ich definitiv nicht noch einmal in Tarmstedt antreten würde, könnte ich mir Jobs im juristischen Bereich oder in der freien Wirtschaft vorstellen. Meine Frau und ich haben noch gute Kontakte nach Kiel, warum also nicht in Schleswig-Holstein arbeiten und leben?

Was werden Sie in Tarmstedt vermissen?

Auf jeden Fall die Tarmstedter Ausstellung. Da ich bei der Ausstellungs-GmbH als Geschäftsführer ausscheiden werde, bin ich dort künftig als normaler Besucher unterwegs. Ich habe keine einzige Ausstellung versäumt, habe als Jugendlicher, wie das üblich ist, auf dem Parkplatz gearbeitet. Aber ich bin nicht aus der Welt, meine Mutter und mein Bruder leben in Tarmstedt. Ins Weserstadion gehen und Freunde treffen kann ich auch, wenn ich in Stuhr lebe. Was ich noch vermissen werde? Manches merkt man erst, wenn man länger weg ist.

Das Interview führte Johannes Heeg.

Info

Zur Person

Frank Holle (50)

ist am 22. April 1968 in Bremen geboren. Der Tarmstedter hat in Zeven Abitur gemacht, danach eine Lehre zum Versicherungskaufmann absolviert, ehe er bei der Arbeiterwohlfahrt seinen Zivildienst ableistete. Holle hat in Kiel Jura studiert und war danach Fachanwalt für Familienrecht. 2006 wurde der damals parteilose Volljurist ohne Gegenkandidat zum Tarmstedter Samtgemeindebürgermeister gewählt. 2014 hatte er mit Bernd Sievert (SPD) einen Gegenkandidaten, der allerdings unterlag. 2013 trat Holle in die CDU ein. Im Mai tritt er bei der Bürgermeisterwahl in der Gemeinde Stuhr an.

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