Reaktion auf Mitgliederschwund

Not macht Kirchen erfinderisch

Weil die Zahl der Besucher seit Jahren zurückgeht, denken die Kirchengemeinden mehr als je zuvor über neue Gottesdienstformen nach. In Oldenburg hat das zuletzt für einigen Wirbel gesorgt.
23.02.2020, 08:34
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Not macht Kirchen erfinderisch
Von Marc Hagedorn
Not macht Kirchen erfinderisch

Um wieder mehr Menschen in Götteshäuser – hier die Maria-Magdalena Kirche zu Thedinghausen – zu locken, lassen sich die Gemeinden einiges einfallen.

Björn Hake

Gottesdienste für Zweifelnde. Segnungsfeiern für Fahrrad- und Motorradfahrer. Kulturgottesdienste mit Künstlern. Die beiden großen Kirchen in Deutschland suchen seit einigen Jahren nach neuen Wegen, um den Besucherschwund zu stoppen. Während besondere Gottesdienstformen tatsächlich meist sehr gut besucht sind, nimmt die Zahl der Gottesdienstbesucher an Sonntagen weiterhin ab.

Die Evangelische Kirche Deutschland hatte ihren Gemeinden im vergangenen Jahr ausdrücklich empfohlen, „engagierter und ergebnisoffener“ über die Zukunft des Sonntagsgottesdienstes zu diskutieren. In Oldenburg hat die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Ohmstede dies getan und beschlossen, den klassischen Sonntagsgottesdienst an einer ihrer drei Predigtstellen durch eine Abendandacht zu ersetzen, die sich vor allem an Menschen zwischen 20 und 40 richten soll. „Das ist eine Gruppe, die wir mit unserem bisherigen Angebot nicht erreicht haben“, sagt Christoph Fasse, geschäftsführender Pastor der Gemeinde Ohmstede.

Dass Anfang April zum letzten Mal an einem Sonntag um 11 Uhr ein Gottesdienst in der Versöhnungskirche im Oldenburger Stadtteil Donnerschwee stattfinden soll, hat für großes Aufsehen gesorgt. Die zentrale Frage lautete: Ist das der Anfang vom Ende für den klassischen Sonntagsgottesdienst? Pastor Fasse verneint das vehement: „Wir Kirchengemeinden in Deutschland liegen nicht im Sterben. Im Gegenteil: Wir sind kraftvoll, aber nur wenn wir bereit sind, Dinge zu verändern.“

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Die evangelische und die katholische Kirche verlieren in Deutschland durch Austritte und Sterbefälle seit Jahren Tausende Mitglieder. Die sogenannte Freiburger Studie sagt der evangelischen Kirche bis 2060 eine Halbierung ihrer Mitgliederzahl auf 10,5 Millionen voraus. Zur Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) gehören laut aktueller Statistik heute rund 185 000 Menschen. Vor zwölf Jahren waren es noch über 235 000 gewesen.

Zwar sollen die Gottesdienstzahlen in Bremen laut BEK relativ stabil sein. Für die Landeskirche Hannover, zu der viele Gemeinden im Bremer Umland gehören, gilt dies dagegen nicht. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist innerhalb von zehn Jahren um ein Viertel zurückgegangen. Auch die Gesamtzahl aller Gottesdienste ist in diesem Zeitraum gesunken, von 82.836 auf 69.579. Die Evangelische Kirchengemeinde Lilienthal zum Beispiel verzichtet seit Herbst an jedem zweiten Sonntag auf den Gottesdienst in der Klosterkirche. Es gehe darum, Kräfte zu bündeln, heißt es. Der katholischen Kirche geht es nicht besser. Im Bistum Osnabrück, zu dem Bremen gehört, ist die Zahl der Gottesdienstbesucher rückläufig, innerhalb von zehn Jahren ist sie von 84.000 auf rund 57.000 gefallen. Die Zahl der Gottesdienste am Wochenende hat sich von 505 auf 446 reduziert.

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Als „Fan von Sonntagsgottesdiensten“ bezeichnet sich Pastor Bernd Kuschnerus. Er ist Schriftführer der BEK und sagt: „Sonntagsgottesdienste sind das Herz der Gemeinde“. Wichtig ist ihm, dass Gottesdienste verlässlich stattfinden und möglichst niedrigschwellig sind. „Man soll gerade als Neuling keine Angst davor haben müssen, Fehler zu machen“, sagt er. Die Evangelische Kirchengemeinde Lilienthal geht einen Schritt in diese Richtung. In ihren Gesangsbüchern liegen seit einiger Zeit Faltblätter, die eine Art Gebrauchsanleitung für den Gottesdienst sind.

„Ich finde es spannend, wenn Gemeinden etwas Neues ausprobieren“, sagt Kuschnerus. In Bremen tue sich seit einigen Jahren sehr viel, fast jede Gemeinde gehe neue Wege. In Vegesack etwa gibt es zu Pfingsten einen Tiergottesdienst. Im Park am Focke-Museum feiern jedes Jahr die Mitglieder aus mehreren Gemeinden einen ökumenischen Freiluftgottesdienst. In der Stephanikirche finden regelmäßig Kulturgottesdienste statt. Sogenannte Thomasmessen, unter anderem im St.-Petri-Dom, richten sich an „Fragende, Suchende und Zweifelnde“, wie es heißt.

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In der BEK ist die Zahl der Kirchengemeinden mit 61 stabil. „Wir setzen mehr auf Kooperation als auf Fusion“, sagt Kuschnerus. Klar ist aber, dass der Gebäudebestand in der BEK schrumpfen muss, um ein Drittel, so sieht es der Beschluss des Kirchentags vor. Dabei gehe es, so Kuschnerus, um Gemeinderäume und andere Immobilien und erst zuletzt um Gotteshäuser.

„An Kirchen hängen die Menschen“, sagt Kuschnerus. Die letzte Kirchenschließung in Bremen ist knapp fünf Jahre her. Damals verabschiedete sich die Trinitatisgemeinde von ihrem Gemeindezentrum Ellener Brok in Osterholz.

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