Worpsweder Künstlerhäuser X: Vogelers Schwiegersohn Walter Müller errichtete den markanten Bau 1922

Nur die Fayence erinnert an "Kaffeemühle"

Worpswede. Nur die älteren Generationen kennen sie noch - die kleine Kaffeemühle. Hausfrauenhände drehten oben an der Kurbel; in dem hölzernen Gehäuse knirschten die Kaffeebohnen beim Mahlvorgang. Heute werden Kaffeemühlen auf Flohmärkten angeboten - nostalgische Relikte einer Zeit, als die Elektrifizierung den Alltag noch nicht in dem Maße bestimmte wie wir es heute kennen. In Worpswede gab es einst ein Künstlerhaus, das die Form einer Kaffeemühle besaß. Es war das erste Wohn- und Atelierhaus von Walter Müller, dem Schwiegersohn Heinrich Vogelers. Das eigenwillige Haus entstand um 1922 im Schluh auf dem Grundstück von Martha Vogeler.
04.06.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Gudrun Scabell

Worpswede. Nur die älteren Generationen kennen sie noch - die kleine Kaffeemühle. Hausfrauenhände drehten oben an der Kurbel; in dem hölzernen Gehäuse knirschten die Kaffeebohnen beim Mahlvorgang. Heute werden Kaffeemühlen auf Flohmärkten angeboten - nostalgische Relikte einer Zeit, als die Elektrifizierung den Alltag noch nicht in dem Maße bestimmte wie wir es heute kennen. In Worpswede gab es einst ein Künstlerhaus, das die Form einer Kaffeemühle besaß. Es war das erste Wohn- und Atelierhaus von Walter Müller, dem Schwiegersohn Heinrich Vogelers. Das eigenwillige Haus entstand um 1922 im Schluh auf dem Grundstück von Martha Vogeler.

Die ehemalige Muse des Jugendstilkünstlers Heinrich Vogeler hatte 1920 den Barkenhoff verlassen, um eine neue Bleibe für sich und die drei Töchter auf den von ihr im Jahre 1919 erworbenen neun Morgen Ödland zu schaffen. Dabei half ihr der 1901 in Bremen geborene Walter Müller, der wie viele andere junge Leute auf den Barkenhoff gezogen war, um beim Aufbau der Arbeitskommune mitzuhelfen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war der Barkenhoff ein Magnet für politisch links orientierte Idealisten, Kommunisten und Sozialisten, und für junge Menschen geworden, die nach gesellschaftlichen Alternativen und Utopien suchten.

Dort, in der Phase von Umbruch und Neuorientierung, lernte der junge Bremer Walter Müller nicht nur den politisch engagierten Heinrich Vogeler, sondern auch dessen Familie kennen. Und das nicht ohne Folgen, denn zu Bettina, der zweitgeborenen Tochter der Vogelers, entspann sich eine zarte Liebe. Als Martha und die Töchter sich vom Barkenhoff trennten, wechselte auch Walter Müller mit in den Schluh. Das gute Verhältnis zu Heinrich Vogeler wurde dadurch nicht getrübt. Die gemeinsame künstlerische Ausgestaltung des Café Heidehofs 1921 ist dafür ein beredtes Zeugnis.

Im Jahre 1922 heirateten die Gobelinweberin Bettina Vogeler und Walter Müller, der sich anschickte, ein vielseitiger Künstler zu werden. Da beide noch nicht volljährig waren, mussten die Eltern ihre Einwilligung zur Eheschließung geben. Das junge Paar wohnte damals übergangsweise im ehemaligen Haus des Malers und Architekten Carl Weidemeyer, der in Ostendorf um 1910 sein Nurdachhaus auf dem Grundstück des Gartenarchitekten Schwarz errichtet hatte. Es wurde vor etwa zehn Jahren abgerissen.

Hans-Georg Müller, der 1924 geborene Sohn von Bettina und Walter Müller, vermutet, dass sich sein Vater bei der Errichtung der "Kaffeemühle" von den individuellen Bauformen des Weidemeyer-Hauses, wie dem Turmaufbau, für einen eigenen Hausentwurf inspirieren ließ.

Anno 1922 begann Walter Müller im Schluh mit der Errichtung der Urzelle seines ersten Wohn- und Atelierhauses, eines Gebäudes mit nahezu quadratischem Grundriss und von einem umlaufenden Pultdach bedeckt, über dem sich ein Obergeschoss mit Zeltdach erhob. Diesen turmartigen Bau nannten die Worpsweder später "Kaffeemühle" - seiner Form wegen. Nicht die Familie erfand diese bildliche Umschreibung, sondern Außenstehende, die aus dem Gebäude die "Kaffeemühle" machten.

Der Bau des Wohn- und Atelierhauses des jungvermählten Paares erfolgte aus finanziellen Gründen etappenweise. So wurde Stück für Stück angebaut. 1924 war das Haus in seiner Gänze fertig. An die "Kaffeemühle" fügte sich in Richtung Westen ein längliches Gebäude an. Dieses wurde noch einmal von einem Querbau unterbrochen - dem Kinderspielzimmer für Hans-Georg und seine um zwei Jahre ältere Schwester Marthe Bettina. Später wurde an dieses Zimmer eine Garage angefügt.

Die "Kaffeemühle" beherbergte im unteren Teil zwei Schlafzimmer und das Atelier von Walter Müller. Oben im Turm war ein weiterer Schlafraum mit eingebauten Schränken untergebracht, von dem aus man in Richtung Norden einen kleinen Balkon betreten konnte. Im Längsbau gab es eine Küche, einen Schuppen für Heizmaterial, eine Toilette und eine Werkstatt.

Von der "Kaffeemühle" aus erreichte man den Längsbau über ein Zimmer, das in der Familie nur Nische genannt wurde. An einer seiner Wände befand sich ein Schmuckelement - ein Fayence-Relief des Künstlers Luca della Robbia, der im Florenz des 15. Jahrhunderts gewirkt hatte.

Wenn es die "Kaffeemühle" und deren Anbau in der alten Gestalt auch nicht mehr gibt, so hat doch das große, medaillonartige Relief des Florentiner Meisters die Baumaßnahmen Mitte der 1960er Jahre unbeschadet überstanden. Das alte Haus musste damals einem Neubau weichen, da es marode geworden war. Die Wand mit dem Relief, das eine weißglasierte Madonna mit dem Jesuskind auf blauem Grund zeigt, flankiert von zwei Engeln und eingerahmt von einem farbig gefassten Kranz aus Früchten, ist als innenarchitektonisches Element der einstigen "Kaffeemühle" erhalten geblieben. Und das am originalen Standort.

Es war Heinrich Vogeler, der die Della Robbia-Fayence seinerzeit von einer Italienreise mitbrachte. Sie sei eine Kopie, wie sie für Touristen gefertigt wurde, sagt Hans-Georg Müller. Ihren ursprünglichen Platz hatte sie im Haus "Zwei Linden", dem ehemaligen Gästehaus des Barkenhoffs, das an der Ostendorfer Straße gelegen war.

Vermutlich ist die Fayence durch den Umzug von Martha Vogeler in den Schluh gelangt und irgendwann in die Hände von Bettina und Walter Müller; womöglich war das Kunstwerk auch ein Hochzeitsgeschenk für das junge Paar. Aber das bleibt Spekulation.

Walter Müller, der als junger Mann in Bremen eine Lehre als Dekorationsmaler absolviert und Kurse an der dortigen Kunstgewerbeschule belegt hatte, entwickelte sich in Worpswede zu einem universalen Künstler. Neben der Malerei wirkte er vor allem in den unterschiedlichsten Bereichen der angewandten Kunst sowie in der Architektur. Sein erster Entwurf diesbezüglich entstand für den eigenen Bedarf - die bereits ausführlich beschriebene "Kaffeemühle" mit Anbau.

Ende der 1920er Jahre folgten dann die Entwürfe für die Wohnhäuser des befreundeten Schriftstellers Manfred Hausmann und des Gartenarchitekten Max Karl Schwarz. Mit Letzterem war Müller übereingekommen, einen Garten statt eines Honorars zu erhalten. So zierte nach geraumer Zeit ein "sehr eindrucksvoller Prunkgarten" das Areal um die "Kaffeemühle", erinnert sich Hans-Georg Müller. Ebenso fertigte Walter Müller Entwürfe - auch großformatige - für die Gobelinweberei seine Ehefrau Bettina, die diese am Hochwebstuhl umsetzte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trennte sich Walter Müller von seiner Familie und dem Schluh und baute am Südhang des Weyerberges ein zweites Wohn- und Atelierhaus. Die "Kaffeemühle" mit Anbau wurde in den 1950er Jahren und Anfang der 1960er Jahre das Zuhause von Marthe Bettina Schmidt und ihren beiden Söhnen Markus und Frank. Aber Walter Müller kehrte nach zirka zwanzig Jahren wieder zurück an den Fuß des Weyerberges - mit Vorstellungen für den Umbau der mittlerweile in die Jahre gekommenen "Kaffeemühle".

Konkreter wurden diese Pläne allerdings erst während eines Italienurlaubs. Markus Schmidt erinnert sich, dass sein Großvater Walter Müller, 1967 aus Italien zurückkehrend, noch am Bahnhof sagte: "Ich habe einen Plan. Morgen geht's los." Er hatte alles, einschließlich der Maße im Kopf. "Und diese stimmten", bemerkte Markus Schmidt nicht ohne Anerkennung. "Alles passte." Die Pläne für den Umbau sahen vor, Teile des alten Hauses mit einzubeziehen. Was dann auch geschah. Einige Mauern des sachlich wirkenden Neubaus stammen vom alten Haus, vor allem die im Keller und in der ersten Etage. Und natürlich die Innenwand mit der Fayence.

Im Jahre 1968 waren der Neubau mit einer Wohneinheit, die Marthe Bettina Schmidt und ihre beiden Söhne bezogen, sowie ein Atelier und ein Büroraum für Walter Müller fertig gestellt. Die alte "Kaffeemühle" mit ihrem Anbau war somit Geschichte geworden. Nichts erinnerte mehr an sie - außer dem Florentiner Madonnen-Medaillon und einigen Fotos. Doch wenn man mit den Nachfahren von Bettina und Walter Müller spricht, werden die Erinnerungen wach, nicht nur bei ihrem Sohn Hans-Georg Müller und dessen Neffe Markus Schmidt.

Auch Berit Müller, Tochter von Hans-Georg Müller, erinnert sich an ihre Kindheit und an die beiden Cousins Markus und Frank Schmidt, mit denen sie damals auf dem Gelände der "Kaffeemühle" spielte. Da gab es auf dem kleinen Innenhof des Hauses einen großen Sandhaufen, der eigens für die Kinder bestellt wurde. Aus dem weißen Hügel heraus entstanden kleine Landschaften mit Spielzeug darin verteilt.

Berit Müller sieht noch ihre Tante Marthe Bettina vor sich, die den Garten liebevoll pflegte. Und sie erinnert sich an die Florentiner Fayence, die in der "Kaffeemühle" ihren Platz hatte. Einerseits sei das typisch für ein Künstlerhaus, sagt sie. Andererseits sei es "eine unerwartete Kostbarkeit".

Heute leben im Neubau aus den 1960er Jahren Frank Schmidt und seine Frau. Und mittendrin im lichtdurchfluteten Haus steht die Wand mit dem Fayence-Relief - immer noch an ihrem ursprünglichen Platz. Im Haus nebenan, das zu Anfang der 1980er Jahre nach einem Entwurf von Hans-Georg Müller gebaut wurde, wohnt Markus Schmidt mit seiner Familie. Wenn auch nicht das Haus, so ist den Brüdern doch der Ort ihrer Kindheit geblieben.

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