Hausbesuch: Blue Weaver verbringt eine Hälfte des Jahres in Spanien und die andere in Worpswede Nur ein Zuhause ist ihm eines zu wenig

Einen eindeutigen Begriff von Heimat hat Blue Weaver nicht. Der Ex-Bee Gee stammt aus Cardiff in Wales, jahrzehntelang war London der Bezugspunkt für ihn. Abgesehen von frühen Jugendtagen hatte er meist zwei Wohnsitze, einen davon mal in Miami oder bis heute in Spanien. Seit 2009 lebt er – auch – in Worpswede.
22.09.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Einen eindeutigen Begriff von Heimat hat Blue Weaver nicht. Der Ex-Bee Gee stammt aus Cardiff in Wales, jahrzehntelang war London der Bezugspunkt für ihn. Abgesehen von frühen Jugendtagen hatte er meist zwei Wohnsitze, einen davon mal in Miami oder bis heute in Spanien. Seit 2009 lebt er – auch – in Worpswede.

Worpswede. "Form follows function" – das Credo zweckdienlichen Designs könnte als Motto über dem Hauseingang stehen. Blue Weaver und seine Frau Sigrid wohnen, wenn sie in Worpswede sind, schlicht und schnörkellos. Die moderne Doppelhaushälfte mitten im Dorf war ursprünglich eher als Ferienwohnung gedacht gewesen. Der Engländer und die Deutsche hatten sich in Spanien kennengelernt, wo sie beide ihren Lebensmittelpunkt hatten, und 2008 in Gibraltar geheiratet.

Sigrid stammt aus Fischerhude, lebte lange in Mooringen und wollte wieder ein zweites Zuhause in ihrer Heimat haben. Mittlerweile verbringt das Paar in etwa gleich viel Zeit im Künstlerdorf und in ihrem ungleich größeren Domizil in den Bergen bei Malaga.

Für Blue Weaver keine ungewöhnliche Konstellation, seit den frühen 70er-Jahren hat der Musiker mehr als ein Zuhause. "Home is where your heart is" sagen die Engländer, und zerrissen hat sich Weaver nie gefühlt. Eher flexibel, aber auch das sei ambivalent, denn ein Haus bedeute immer auch Verantwortung. Man müsse sich kümmern oder jemanden haben, der nach dem Rechten schaut, wenn man gerade nicht da sei. Vielleicht zieht das Paar irgendwann ganz nach Worpswede, ein zweites, größeres Haus hat es hier schon gekauft, aber erstmal vermietet.

Wenige Bilder und Erinnerungsstücke finden sich bei Weavers im Wohnbereich, der gleichzeitig auch Übungsraum und Tonstudio ist. Über dem Keyboard und dem Computer, der mittlerweile zimmergroße Pulte und Aufnahmegeräte ersetzt, hängt das, wovon jeder Musiker träumt: goldene Schallplatten. Sie stammen aus den 70er Jahren als Blue Keyboarder der Bee Gees war. An Millionenerfolgen wie "Saturday night fever" war 65-Jährige beteiligt und wurde dafür geehrt. Zu der Zeit pendelte er zwischen London und Florida. Wie die Gibb-Brüder auch hatte jeder der Bandmitglieder ein Haus in Miami, wo die Aufnahmen stattfanden. Die Familie lebte in London, zum Arbeiten oder in den Urlaub ging es in die USA. "Aber eigentlich habe ich das Jahrzehnt fast ausschließlich in Hotels verbracht", sagt Weaver – und im bandeigenen Jet.

Die Bee Gees aber waren nicht die erste Station auf einer langen musikalischen Reise, die um 1967 mit der Band Amen Corner begann. Noch im heimischen Cardiff gegründet, war für die junge Band schnell klar: Wer Erfolg haben will, der muss nach London gehen. Mit der Musik änderte sich die Wohnsituation. Zunächst lebten sie im "Mansion", dem billigsten Hotel in Brixton, das sich finden ließ. Das Viertel, in dem vorwiegend Jamaikaner und Iren lebten, war rau und heftig, die Vier-Bett-Zimmer ließen wenig Raum für Privatsphäre, und nebenan probten Ten Years After lautstark und ausdauernd.

Für die sechs Waliser war es kostengünstiger, gemeinsam zu wohnen, und sie fanden ein bezahlbares Haus in einem Stadtteil, für den so etwas wie eine Wohngemeinsacht – vorsichtig britisch ausgedrückt – ein wenig ungewöhnlich war. Noch ungewöhnlicher für die gut betuchten Nachbarn im noblen Harrow On The Hill im Nordwesten der Metropole war allerdings, als sich erste Erfolge einstellten und Fans, vor allem weibliche und recht junge, schon mal ihre Zelte vor der Haustür der neuen Popstars aufschlugen. Stress gab es deswegen nicht, man löste das Problem ganz wie Gentlemen: Ein älterer Herr, der die bisherige Ruhe vermisste, fragte höflich an, ob die sechs Jungs bereit wären umzuziehen, wenn er etwas Passendes für sie fände. Er fand, und es ging für Amen Corner weiter raus in einen Vorort.

"Am Ende hat man alles doppelt"

Schon damals bevorzugte Blue Weaver klare, aufgeräumte Räume, was nicht für alle Bandmitglieder galt. Gerade hat die englische Plattenfirma Cherry Red das erste Amen Corner-Album "Round" wiederveröffentlicht. Darauf ist ihr Hit "Bend me, shape me" zu hören und im Booklet sind die sechs WG-Zimmer und ihre Bewohner zu sehen. Weavers Raum sei der ordentlichste und sauberste gewesen, trotzdem heimelig, so das Resümee im Begleittext. 1971 trennte sich die Band, und der Keyboarder spielte in den folgenden Jahren bei Mott the Hoople, Roger Chapmans Streetwalkers und ersetzte bei den Strawbs niemand Geringeren als Rick Wakeman, der gerade zu Yes gewechselt war.

In diesen Jahren kaufte sich Blue Weaver sein erstes eigenes Haus, ebenfalls im Norden der Millionenstadt. Wie er es finanzierte, weiß er selber nicht mehr so ganz genau, denn die Einnahmen sprudelten noch nicht übermäßig. Das sollte sich erst ändern, als er 1975 bei den Bee Gees einstieg und bis 1980 mit der Band von einem Millionenerfolg zum nächsten eilte. London blieb immer Bezugspunkt, hier lebten seine erste Frau und die Kinder, gleichzeitig hatte Weaver ein Studio in seinem Haus eingerichtet. Er arbeitete fortan an verschiedenen Projekten, unter anderem zusammen mit den jungen Pet Shop Boys, und ersetzte um 1986 den amerikanischen Zweitwohnsitz durch einen spanischen.

Die Kinder wurden erwachsen, und als im Jahr 2001 seine Frau verstarb, verlor London langsam seine Bedeutung als Lebensmittelpunkt. "Mein Leben begann von Neuem", sagt Weaver. Er verbrachte mehr und mehr Zeit in Spanien, traf seine heutige Frau und kam immer häufiger mit ihr nach Deutschland. "Damals haben wir dort gelebt und waren in Worpswede zu Besuch, heute ist es umgekehrt", sagt er. In Worpswede hat er neue Freunde gefunden, Musiker kennengelernt wie Steve Westaway, Brian Parrish oder Stefan Stoppok, mit denen er regelmäßig spielt. Dass er heute mit einem Tablet-Computer ein ganzes 48-Spur-Studio ersetzten kann, kommt ihn dabei entgegen. Eine Technologie, mit der man Aufnahmen als virtuelle Daten, von einem zum anderen Ort hin und her bewegen kann, ist wie gemacht für jemanden, dem nur ein Wohnort immer mindestens einer zu wenig ist.

"Am Anfang denkt man immer, man käme mit ganz wenigen Dingen aus", beschreibt Blue Weaver seine nicht immer erfolgreichen Versuche der reduzierten Wohnumfeld-Gestaltung, "aber am Ende hat man doch wieder alles doppelt."

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