Einstiges Beluga-Vorzeigeprojekt wird weitergeführt Offshore-Nachwuchs trainiert künftig in Elsfleth

Elsfleth. Die Beluga-Krise hat viele in ihren Sog gezogen. Auch die Beluga Offshore Training Academy stand vor dem Aus. Das hat sich inzwischen geändert. In dem Trainingszentrum in Elsfleth hat jetzt die Sicherheitsausbildung von Seeleuten begonnen.
01.09.2011, 21:49
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Georg Jauken

Elsfleth. Die Beluga-Krise zog viele in ihren Sog. Mit der Reederei drohte auch ein Vorzeigeprojekt in der Wesermarsch unterzugehen, das es ohne Niels Stolberg und sein Unternehmen so nicht geben würde: Die Beluga Offshore Training Academy stand vor dem Aus, bevor es überhaupt losgegangen war. Ihre Zukunft war lange Zeit völlig unklar. Das hat sich inzwischen geändert. Im maritimen Trainingszentrum hat die Sicherheitsausbildung von Seeleuten begonnen.

Im Sicherheits- und Trainingszentrum in Elsfleth üben inzwischen seemännische Auszubildende, wie man sich aus einem notgewasserten Hubschrauber befreit. Sie werden später jene Fachleute sein, die Reedereien und Windindustrie für Logistik und Installation der Offshore-Windparks brauchen. Es ist eine typische Rettungsübung nicht nur für den Einsatz an Offshore-Anlagen vor der Nordseeküste.

In der nagelneuen Halle samt ihrem Schwimmbecken ist es heiß und dampfig. Das Wasser ist 25 Grad warm. Die Schiffsmechaniker, die sich aus einem gewässerten Helikopter befreien sollen, tragen jene Spezialbekleidung, die sie auch beim Flug vom Festland auf Ölbohrplattformen oder Windkraftanlagen tragen würden. Die orangefarbenen Anzüge haben eine Kammer, die Luft für vier Atemzüge enthält. Alle schaffen es schnell genug aus der Hubschrauber-Attrappe ins Freie zu gelangen und in die Rettungsinsel zu klettern.

Im Anschluss wird unter realistischeren Bedingungen trainiert. Die sieben Millionen Euro teure Ausstattung des Trainingszentrums macht es möglich. Es müssen nur einige Schalter betätigt werden und schon simuliert die Anlage das ohrenbetäubende Geräusch knatternder Hubschrauberrotoren. Mit einem Mal ist es dunkel und regnerisch, der Wind pfeift durch die Halle, im Becken peitschen Wellen.

700.000 Euro vom Landkreis

„Wenn das Wasser fünf Grad kalt ist, hat man drei Minuten Überlebenszeit“, weiß Projektkoordinatorin Anja Ahlers, die am Beckenrand steht. Sie hat die Rettungsübungen selbst schon absolviert und weiß: „Der Adrenalinspiegel ist hoch.“ Für die Schiffsmechaniker, die gerade dabei sind, die Übung unter den erschwerten Bedingungen zu wiederholen, ist das Überlebenstraining ein Prüfungsfach. Am Ende schaffen es alle in die Rettungsinsel. „Das ist anstrengend“, sagt die Auszubildende Gabriele Krause, als sie den Beckenrand erreicht hat und der Lärm auf Knopfdruck endet. „Aber es macht richtig Spaß.“ Marc-Hendrik Krüger denkt an die fünf Grad, die das Wasser im Ernstfall kalt sein könnte. Dass er unter solchen Bedingungen noch Spaß an der Sache hätte, glaubt er nicht.

Mit dem Spaß war das auch im Braker Kreishaus so eine Sache, als sich im Frühjahr die Beluga-Krise abzeichnete. Noch als die ersten Firmen der Beluga-Gruppe wie Dominosteine zusammenzubrechen drohten, machte man sich Mut, die Offshore Training Academy werde schon nicht betroffen sein. Zu attraktiv war die Idee, die Berufsbildenden Schulen (BBS) für die Schiffsmechaniker-Ausbildung in Elsfleth auszubauen.

Investieren in das maritime Rettungszentrum und den weltweit ersten Simulator, mit dem angehende Schiffsmechaniker das Beladen von Schiffen unter Schwerlast üben können, wollten andere, und hinter der Maritimen Campus Versorgungs-GmbH & Co. KG (MCV), die das Gebäude an der Hunte errichtete, steckte Niels Stolberg selbst und nicht die insolvente Reederei. Das Geld für Einrichtung und Ausstattung kam aus dem Konjunkturpaket II. Der Landkreis selbst musste nur 700.000 Euro beisteuern. Ohne Stolberg, Bund und Land hätte sich der Kreis das Projekt niemals leisten können. In der BBS ging die Hoffnung um, zusammen mit der Industrie- und Handelskammer ein neues Berufsbild des Offshore-Technikers zu erstellen. Die bundesweite Ausbildung sollte in Elsfleth erfolgen.

Dann traf die Zahlungsunfähigkeit auch MCV und die Beluga-Tochter BOTA, die das Sicherheitszentrum betreiben solle. „Irgendwann wurde nicht mehr weitergebaut“, berichtet Hans Kemmeries, Kämmerer des Landkreises. Die Bauunternehmen fürchteten um die Zahlung offener Rechnungen. In Kreis und Land waren sich allerdings alle einig, das Projekt nicht scheitern zu lassen. „Wir haben Glück gehabt, der Bau war weitgehend fertig“, sagt Kemmeries. Also wurde weitergebaut.

Angst, dass das Millionen-Projekt zum Flop hätte werden können, hatte Kemmeries nach eigenen Angaben nicht. Der Optimismus war gerechtfertigt. Als endlich ein Zwangsverwalter für die Bewirtschaftung des Gebäudes bestellt war, wurde der Kreis zu dessen Mieter. „Seit Juli ist Bewegung drin“, sagt Kemmeries. Inzwischen sind bereits Sicherheits- und Notfalltrainings mit 80 Teilnehmern durchgeführt werden. Wie von Anfang an geplant, wird das Zentrum auch an Reeder und Wind-Branche vermietet, wenn die BBS es nicht nutzt.

Bis zum November seien die Zeiten in der Schwimmhalle, die die BBS nicht benötigt, weitgehend ausgebucht, sagt Projektkoordinatorin Anja Ahlers. Besonders beliebt sei der eintägige Helikopter-Pflichtkurs. Das ist gut für sie und den Kreis. „Natürlich wollen wir die Betriebskosten wieder reinkriegen“, sagt Ahlers, zumindest teilweise.

Kransimulator ab 2012

Um das auf Dauer sicherzustellen, strebt das Sicherheits- und Trainingszentrum eine Zertifizierung nach den OPITO-Vorgaben an. Das ist ein internationaler Standard für die Sicherheit auf Öl- und Gasplattformen. Noch im Herbst soll es so weit sein. Damit sieht Anja Ahlers einen attraktiven Anreiz für internationale Kundschaft geschaffen.

Bislang hat die ungewollte Regieübernahme im Trainingszentrum den Landkreis laut Hans Kemmeries nur wenige Zehntausend Euro an Miete und Personalkosten zusätzlich zu den ohnehin eingeplanten Betriebsausgaben gekostet. Das könnte sich bald ändern. Der Kreis hofft, das für rund fünf Millionen Euro errichtete Gebäude schon bald aus der Insolvenzmasse erwerben zu können. Der Kreditrahmen für den hochverschuldeten Landkreis muss dafür erweitert werden. Ab 2012 soll der Betrieb dann so laufen, wie ursprünglich geplant. Weil das Personal für den Hubschrauber-Transfer von Menschen und Fracht zu den Offshore-Plattformen ein Sicherheitstraining benötigt, wird eine gute Auslastung erwartet.

2012 sollen auch die beiden Kräne des 4,5-Millionen-Kransimulators mit Daten gefüttert sein, um das Beladen von Schiffen unter Schwerlast üben können, ohne dass Besatzungen und die Millionen teuren Windkraftanlagen gefährdet werden oder ein Schiff Gefahr läuft zu kentern. Die Daten kommen von einem Installationsschiff, das Hochtief im kommenden Jahr in Dienst stellen will. Als es in Auftrag gegeben wurde, war Beluga noch an dem Projekt beteiligt. Das Training mit Containern, Rohren, Leuchttonnen, Turbinen und selbst ganzen Autofähren am Kransimulator in Elsfleth hat bereits begonnen. Denn neben den Schiffsmechanikern werden Schiffbauer und Hafenlogistiker ausgebildet.

In der Schwimmhalle läuft die nächste Übung. Die Schiffsmechaniker rutschen durch einen Netz-Schlauch, wie er auf Schiffen und Plattformen üblich ist, auf eine Rettungsinsel. Danach lassen sie sich von ihrer künstlichen Insel in einen Hubschrauber hochziehen. Anschließend versuchen die angehenden Spezialisten, bei sturmgepeitschter See von einem Schlauchboot aus die Leiter zu einer Plattform zu erklimmen. Mit schwerer See umzugehen, haben die Azubis längst gelernt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+