Interview mit Achims Bürgermeister

„Ohne Bremen geht es nicht“

Achims Bürgermeister Rainer Ditzfeld spricht im Interview über das geplante Gewerbegebiet, Amazon und regionale Kooperation.
31.01.2019, 22:15
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Ohne Bremen geht es nicht“
Von Jürgen Hinrichs

Herr Ditzfeld, Achim wartet seit zwei Jahren auf Amazon. Das ist Bremen auch schon mal so gegangen, auf einer Fläche im Güterverkehrszentrum, bis sich die Ansiedlungspläne schließlich zerschlugen. Droht Ihnen das auch?

Rainer Ditzfeld : Unruhige Nächte habe ich deswegen jedenfalls nicht. Ich gehe zu 99 Prozent davon aus, dass es klappt.

Das eine Prozent …

… können Sie eigentlich streichen. Natürlich gibt es immer mal wieder Gerüchte, aber darauf geben wir nichts. Verlassen Sie sich drauf, wir sind auf der Zielgeraden. Es geht jetzt in den Verhandlungen nur noch um ein paar Kleinigkeiten im Vertragswerk. Im Prinzip sind wir uns mit dem Projektentwickler einig.

Wie ist der genaue Stand?

Der Bauantrag liegt beim Landkreis Verden. Da sind noch ein paar Anforderungen zu erfüllen, beim Brandschutz zum Beispiel. Auf unserer Seite bereiten wir die Entscheidung weiter politisch vor. In Kürze will der Verwaltungsausschuss des Stadtrates den Vertrag mit Amazon abschließend behandeln. Da hat es bisher von den politischen Gremien eine große Zustimmung gegeben.

Lesen Sie auch

Die Fläche, um die es geht, ist 14 000 Quadratmeter groß. Sie hätten sie bei der Nachfrage zurzeit wahrscheinlich schon x-mal anderweitig verkaufen können, mit entsprechenden Erlösen und der Ansiedlung von Firmen, die Gewerbesteuer zahlen und Arbeitsplätze bringen.

Klar, es gibt diesen dringenden Bedarf. Auch Bremen kann ein Lied davon singen. Wir haben es zuletzt geschafft, neue Nutzer für leer stehende Bestandsimmobilien zu gewinnen. Das ist natürlich optimal. Aber egal, wie nervös manch einer nach zwei Jahren Verhandlung jetzt wird – für die freie Fläche haben wir mit Amazon einen festen Abnehmer. Sie dürfen nicht vergessen, beide Seiten, Achim und Amazon, wollen das Logistikzentrum.

Neue Flächen könnte es im geplanten Gewerbegebiet Achim-West geben. Auch da will es nicht so recht vorangehen. Oder täuscht der Eindruck?

Das ist ein riesiges Projekt und braucht nun mal seine Zeit. Ich habe die Hoffnung, dass wir bis März die Planfeststellungspläne mit allen Gutachten fertig haben und sie beim Landkreis einreichen können. Vorher werden wir noch einmal die beiden Bürgerinitiativen informieren, die sich in diesem Zusammenhang gebildet haben. Bis zum Planfeststellungsbeschluss durch die Genehmigungsbehörde wird es dann vielleicht ein Jahr oder anderthalb Jahre dauern. Danach geht es an die Ausschreibung der Bauarbeiten. Das ist der letzte Moment, in dem die politischen Gremien Achim-West noch stoppen könnten, davon gehe ich aber nicht aus, es hat bisher immer eine breite Mehrheit in den politischen Gremien gegeben.

Und was ist mit Bremen? Es soll ja ein länderübergreifendes Gewerbegebiet sein, das erste dieser Art, eigentlich schon was Historisches in der Nachbarschaft zwischen Bremen und Niedersachsen. Tut Bremen Ihrer Meinung nach genug dafür?

Es ist unsere Fläche, wir sind der Herr der Reussen und müssen die entscheidenden Arbeiten erledigen. Das ist in weiten Teilen geschehen. Im November haben wir die Trassenführung auf Achimer Gebiet beschlossen. Es ist außerdem festgelegt, wie der Verbrauch von Natur an anderer Stelle kompensiert wird. Und die Gutachten zur Belastung durch Lärm und Verkehr sind vervollständigt worden.

Lesen Sie auch

Gut, aber noch mal: Was ist mit Bremen?

Bremen hat sich mit einer halben Million Euro schon mal an der Planung beteiligt. Das war für den Achimer Stadtrat ein ganz wichtiges Signal. Außerdem gibt es von Bremer Seite ein klares Bekenntnis zu Achim-West, die Bürgerschaft wird das Projekt wohl im Frühjahr, parallel zu unseren Beschlüssen, festklopfen. Ohne Bremen geht es nicht, schon wegen der Verkehrsanbindung.

Achim-West sollte 100 Millionen Euro kosten. Das ist Jahre her, die Baukosten sind enorm gestiegen.

Die Erlöse bei dem Verkauf von Gewerbegrundstücken aber auch.

Trotzdem: Geht die Rechnung immer noch auf?

Es gibt eine Differenz, da vermuten Sie richtig. Wir müssen mit Bremen verhandeln, wie wir die Lücke gemeinsam schließen. Ich werde aber vor den Beratungen in den politischen Gremien auf Achimer und Bremer Seite nicht erläutern, um welche Beträge es dabei geht.

Achim-West ist ein Pilotprojekt und steht für eine neue Qualität in der regionalen Zusammenarbeit. Die Zeiten waren mal andere.

Stimmt. Achim lag mit Bremen über Kreuz. Das durchlief alle Instanzen, bis zum Bundesverwaltungsgericht.

Es ging um die Ansiedlung eines großen Möbelmarktes im Bremer Osten, der kurioserweise bis heute nicht gekommen ist.

Ja, still ruht der See. Achim musste sich damals Sorgen machen, weil Möbel Höffner viel Randsortiment verkaufen wollte, was unseren Geschäften in der Stadt Probleme bereitet hätte. Deswegen die Klage gegen Bremen, die wir am Ende verloren haben. Im anschließenden Moderationsverfahren konnte dann ein Kompromiss erzielt werden. Aber das ist Schnee von gestern. Heute peilen wir gemeinsam mit Bremen das länderübergreifende Projekt Achim-West an.

Ansonsten ist die Zusammenarbeit zwischen Bremen und seinen niedersächsischen Nachbarn ja nur unverbindlich. Man verabredet etwas, und wer nicht mitmachen will, steigt einfach aus. Hier sind es mal rechtsverbindliche Verträge. Würden Sie sich so etwas häufiger wünschen, um die Region als Ganzes nachhaltig zu stärken?

Ja, eindeutig. Die regionale Zusammenarbeit trägt im Kommunalverbund Niedersachsen/Bremen reiche Früchte, bei Wohnungsbau zum Beispiel, Kultur und Radwegen. Das ist in Zukunft der richtige Weg. Benötigt wird aber mehr Substanz, mehr Verbindlichkeit. Da der Kommunalverbund leider nur Empfehlungen aussprechen kann, sind wir davon manchmal noch zu weit entfernt.

Sie müssten in so einem Planungsverbund Kompetenzen abgeben. Herr der Reussen wäre Achim nur noch eingeschränkt.

Wir sollten in einem Europa der Regionen über den Rand unseres kleinen Tellers schauen. Voraussetzung für eine stärkere und verpflichtende Kooperation ist allerdings, dass man sich speziell im Verhältnis zur großen Stadt Bremen auf gleicher Augenhöhe begegnet. Das Prinzip „Ober sticht Unter“ kann es dann nicht geben.

Das Gespräch führte Jürgen Hinrichs.

Info

Zur Person

Rainer Ditzfeld (parteilos) ist seit 2014 Bürgermeister von Achim. Seine Amtszeit läuft noch bis zur nächsten Kommunalwahl im Herbst 2021. Ditzfeld will dann wieder antreten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+