Hubschrauberlandeplätze der Kliniken Osterholzer Furcht vor Brüsseler Spitzen

Landkreis Osterholz. Eine neue EU-Verordnung, die Ende Oktober in Kraft tritt, fordert die Zertifizierung von Hubschrauberlandeplätzen an Kliniken nach hohen technischen Standards. Das löste im Landkreis Osterholz Besorgnis aus.
19.06.2014, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Irene Niehaus und Michael Thurm

Eine neue EU-Verordnung, die Ende Oktober in Kraft tritt, fordert die Zertifizierung von Hubschrauberlandeplätzen an Kliniken nach hohen technischen Standards. Die Folge: Vor allem kleinere Krankenhäuser könnten von der Luftrettung nicht mehr angeflogen werden. Betroffen von den Brüsseler Vorschriften sind auch das Kreiskrankenhaus Osterholz-Scharmbeck und die Klinik in Lilienthal.

Eine funktionierende Luftrettung ist lebenswichtig. Und bis jetzt läuft in Deutschland auch alles bestens. Von technischen Defiziten oder gar Unfällen wegen unzugänglicher Landeplätze ist nichts bekannt. Doch jetzt steht die deutsche Luftrettung vor einem Einschnitt – auf Verlangen der EU. Wegen der neuen Norm 965/2012 fasst das deutsche Gesetz ab Ende Oktober die Kriterien für Hubschrauberlandeplätze an Kliniken strenger als bislang. Daraus folgt, dass Rettungshubschrauber gerade viele kleinere Krankenhäuser nicht mehr anfliegen dürfen, falls diese zum Beispiel ihre Landeplätze nicht ausbauen. Und dies alles nur, weil in anderen Ländern veraltete Helikopter unterwegs sind, die nur in sehr flachen Einflugwinkeln landen können.

Anstatt auf bessere Technik zu dringen, setzen die rückständigsten Staaten nun die Standards. Was die EU-Bürokraten nicht bedacht haben: Selten befinden sich die anzufliegenden Unfallstellen auf hindernisfreiem Gelände. Ärzteverbände und Luftrettungs-Einrichtungen laufen bereits gegen die Verordnung Sturm. „Die Qualität der Patientenversorgung würde darunter massiv leiden“, befürchtet Jochen Beelitz von der ADAC-Luftrettung. Aus dem Bundesverkehrsministerium hört man derweil schon Sätze, die nach Rückzugsgefecht klingen. „Wir suchen nach Wegen, um die Luftrettung ohne großen Aufwand zu erhalten,“ sagte ein Ministeriumssprecher.

Darauf setzt auch Klaus Vagt, Leiter des Kreiskrankenhauses in Osterholz-Scharmbeck. „Wir prüfen alles in Ruhe“, betont Vagt. Er geht aber davon aus, dass sich in der Kreisstadt nicht viel ändern wird. Denn das deutsche Gesetz erlaubt nicht zertifizierte Außenlandeplätze, wenn sie maximal 50 Mal im Jahr angeflogen und technisch auf einen Mindeststandard gebracht werden. Das Kreiskrankenhaus registrierte im vergangenen Jahr lediglich 37 Flüge. Ohnehin wird die Kreisstadt-Klinik nicht in Notfällen angeflogen. „Die Schwerverletzten werden gleich in die entsprechenden Zentren geflogen. Wir machen ausschließlich Verlegungstransporte“, erklärt Klaus Vagt. Etwa, wenn Menschen mit Brandverletzungen nach Hamburg gebracht oder in die Neurochirurgie oder in Schlaganfallstationen verlegt werden müssen.

Zu den geforderten Mindeststandards gehört neben einer 26 mal 26 Meter großen Landefläche auch eine entsprechende Beleuchtung und ein Luftsack. Nachtlandungen sind nur noch dann erlaubt, wenn die Piloten Spezialbrillen zur Restlichtverstärkung tragen. Wer mehr als 50 Anflüge pro Jahr verzeichnet, muss einen gesetzeskonformen Landeplatz errichten. Klaus Vagt geht aber davon aus, dass auf der Rasenfläche vor dem Krankenhaus-Eingang, die seit 50 Jahren als Hubschrauber-Landeplatz genutzt wird, nur wenig verändert werden muss. „Der Platz ist groß genug“, meint der Krankenhausleiter, „vielleicht muss mal ein Baum gefällt werden.“ Mit kostenintensiven Verbesserungen rechnet Vagt jedenfalls nicht. „Ich hoffe es jedenfalls sehr“, fügt er noch an. Das Bundesluftfahrtamt wird die Osterholzer Gegebenheiten prüfen.

In der Klinik in Lilienthal freut man sich über die neue Verordnung genauso wenig wie in der Kreisstadt. „Eine Katastrophe“, sagt Klinik-Leiter Martin Frank. „Wir sind betroffen und befinden uns schon in der Prüfungsphase.“ Die Anzahl der Flüge in Lilienthal übersteigt die magische Zahl 50. „Wir sind knapp darüber“, erklärt Frank. Eine Vielzahl der Flüge betrifft die Elektrophysiologie. Die Elektrophysiologie ist ein Spezialgebiet zur Untersuchung und Behandlung von Herzrhythmusstörungen innerhalb der Inneren Medizin beziehungsweise Kardiologie.

Ob der Außenlandeplatz der Lilienthaler Klinik auch in punkto Größe die geforderten Kriterien erfüllt, konnte Martin Frank nicht genau sagen. „Wir müssen ihn noch einmal vermessen. Aber bei uns wird es eng“, meinte der Klinik-Chef. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber: „Wir werden jetzt einen Blick auf die Politik haben. Dort wird über die Verordnung schon diskutiert.“

„Anflug auf das Krankenhaus ist eine Katastrophe“

Interview mit Rettungshubschrauber-Pilot Rüdiger Engler

Für die Hubschrauberlandeplätze an Krankenhäusern gelten künftig strengere Richtlinien. Das sieht eine EU-Verordnung vor, die im Herbst in Kraft tritt. Pilot Rüdiger Engler fliegt seit vielen Jahren regelmäßig mit dem Helikopter „Christoph 6“ des ADAC das Kreiskrankenhaus Osterholz und das Hospital Lilienthal an. Irene Niehaus sprach mit dem 53-Jährigen über seine Erfahrungen beim Landen und Starten.

Frage: Herr Engler, wie ist es, wenn Sie das Kreiskrankenhaus Osterholz anfliegen?

Rüdiger Engler: Eine Katastrophe.

Warum das denn?

Der eher kleine Landeplatz liegt direkt am Haupteingang neben der Cafeteria. Wir müssen uns jedesmal zehn Minuten vorher anmelden, wenn wir kommen.

Wieso?

Wir landen etwa 20 Meter neben den Stühlen. Die müssen weggeräumt werden; wir bitten jedesmal auch die Polizei dazu, damit sie aufpasst, dass da keine Seniorin steht mit ihrem Rollator.

Das hört sich ja abenteuerlich an. Was könnte denn passieren?

Wenn der Hubschrauber landet, entstehen Böen von Windstärken zehn bis elf. Da würde nicht nur der Rollator umfallen, sondern auch die Oma.

Gab es denn schon mal eine brenzlige Situation?

Nein, ist mir nicht bekannt.

Wie viel Platz braucht man denn eigentlich, um sicher landen zu können?

26 mal 26 Meter, wie die neue Verordnung vorschreiben wird, sollen es schon sein.

Und die hat das Kreiskrankenhaus Osterholz nicht?

Nein, die Fläche ist kleiner. Ich habe schon vor 25 Jahren angeregt, hinter dem Krankenhaus Flächen für einen Landeplatz anzukaufen. Die sollten dann auch eingezäunt sein.

Und wie sieht es am Lilienthaler Krankenhaus aus?

Vergleichsweise gut. Die haben schon vor etwa fünf Jahren etwas getan. Der Landeplatz liegt hinterm Hospital, er ist abgesperrt und eingezäunt und etwa 40 mal 30 Meter groß.

Was halten Sie von der neuen EU-Verordnung?

Sie soll ja mehr Sicherheit bringen. Das begrüße ich sehr.

Aber wenn die Helikopter bestimmte Krankenhäuser nicht mehr anfliegen können, wirkt sich das ja auf die Patienten aus.

Die werden dann schlechter versorgt. Der Hubschrauber als Transportmittel kommt nicht mehr infrage. Die Alternative ist dann der Rettungswagen mit Notarzt.

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