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Geflüchtete in der Pflege
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Berufliche Zukunft nach der Flucht

Ulrike Schumacher 25.05.2019 0 Kommentare

Freuen sich über die gute Ausbildung: Mohamad Khalifeh, Elke Böschen, Olaf Schlüter und Ruholla Esmaili (von links).
Freuen sich über die gute Ausbildung: Mohamad Khalifeh, Elke Böschen, Olaf Schlüter und Ruholla Esmaili (von links). (Ulrike Schumacher)

Osterholz-Scharmbeck. Die beiden jungen Männer kennen jeden Handgriff. Behutsam heben sie den alten Herr in die Badewanne. Sie wissen, wie sie den Mann, der die meiste Zeit des Tages im Bett verbringen muss, weil seine Kräfte das Aufstehen nicht mehr zulassen, in die richtige Position bringen. Und wenn jemand einen neuen Verband braucht, dann gehört das inzwischen zu ihren leichtesten Übungen.

Es sind tatsächlich Übungen, und die Patientinnen und Patienten sind in diesem Fall nicht aus Fleisch und Blut, sondern Puppen. Der Lernbereich im Pflege- und Gesundheitsbereich der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Osterholz-Scharmbeck ist der Realität in Krankenhäusern oder Altenheimen nachempfunden. Das hat die beiden Männer, die hier gerade ihre Ausbildung zu Pflegeassistenten erfolgreich abgeschlossen haben, gut auf die tatsächliche Praxis vorbereitet, erzählen sie. Denn neben der Ausbildung an der Schule haben sie auch an drei Tagen in der Woche im Seniorenheim und im Krankenhaus gearbeitet.

In den zwei Ausbildungsjahren haben sie von der Grundpflege über Arzneimittel-Lehre bis hin zur Pflegeplanung eine Menge Wissen und Fähigkeiten erworben. „Jetzt sind sie auf einem guten Weg in eine berufliche Zukunft mit sehr großen Chancen“, freut sich Olaf Schlüter, der an den Berufsbildenden Schulen Fachbereichsleiter für den Pflege- und Gesundheitsbereich ist.

Der Pädagoge freut sich wahrscheinlich über jeden erfolgreichen Abschluss seiner Auszubildenden. Aber bei diesen beiden Absolventen ist die Freude nochmal eine besondere, weil Ruholla Esmaili und Mohamad Khalifeh die Flucht aus ihren Heimatländern hinter sich haben – und es ihnen danach gelungen ist, an einem fremden Ort einen guten Weg in die Zukunft zu finden. Obwohl sie sich das noch nicht vorstellen konnten, als sie im Jahr 2016 in die Ungewissheit aufbrachen. Da waren sie 16 und 17 Jahre alt.

Für Ruholla Esmaili begann die Flucht damals in Afghanistan. Über die sogenannte Balkanroute – über den Iran, die Türkei, über Griechenland und Österreich – gelangte er schließlich nach Deutschland, wo er zunächst bei einer Familie in Tarmstedt lebte und intensiv Deutsch lernte. „Noch heute bin ich dieser Familie sehr dankbar für die Gastfreundschaft und die große Unterstützung, die ich dort erfuhr“, sagt der 19-Jährige.

Sein Kollege Mohamad Khalifeh ist aus Syrien geflohen. Er kam ebenfalls über die Balkanroute nach Deutschland und war zunächst bei einer Familie in Schwanewede untergebracht. „Ich wusste anfangs gar nicht, was ich beruflich machen sollte“, erzählt der 20-Jährige. Er entschied sich für ein Praktikum bei einem Friseur und für den Besuch der entsprechenden Berufsschulklasse. Es war die falsche Wahl, fügt er rückblickend hinzu. Mohamad Khalifeh sprach darüber mit seiner Klassenlehrerin. Sie habe ihn schließlich auf die Idee gebracht: „Vielleicht macht es Spaß, mit alten Menschen zu arbeiten.“ Macht es. Das können beide Pflegeassistenten strahlend bestätigen.

Schnell Deutsch gelernt

Vor zwei Jahren haben sie an den Berufsbildenden Schulen ihre Ausbildung zum Pflegeassistenten begonnen. Elke Böschen war damals ihre Klassenlehrerin im ersten Ausbildungsjahr. Sie kommt zufällig dazu, als die beiden Männer der Zeitung von ihrer Ausbildung berichten. Sofort ist zu spüren: die Chemie stimmt. Ruholla Esmaili und Mohamad Khalifeh freuen sich, Elke Böschen zu treffen. Die Lehrerin wiederum kann gar nicht genug lobende Worte für ihre Schüler finden: „Ich finde es toll, wie die beiden sich entwickelt haben“, sagt sie.

Olaf Schlüter kann das nur unterstreichen: „Sie haben sich gut in die Klasse integriert. Es macht Spaß mit den beiden.“ Der Fachbereichsleiter findet es zudem beachtlich, wie sie ihre Deutschkenntnisse in schnellster Zeit verbessert haben. Selbst von kompliziert klingenden Fachbegriffen haben sich die angehenden Pflegeassistenten nicht abschrecken lassen. Heute sprechen sie fließend und gut Deutsch. Ruholla Esmaili konnte die Sprache schon vor Beginn der Ausbildung, zu der er im Übrigen über ein Praktikum im Krankenhaus fand. „Ich habe mir die Sprache selbst beigebracht, mit Fernsehen und Radiohören“, erzählt er und lächelt verschmitzt.

Mohamad Khalifeh hat ein zurückhaltenderes Temperament als sein Kollege. Er ist wegen der Ruhe, die er ausstrahlt, aber bei den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Seniorenheims sehr beliebt. „Er ist empathisch und einfühlsam und kann gut zuhören“, bestätigt seine Klassenlehrerin Natascha Boschen.

Die Arbeit im Altenpflegeheim macht den beiden riesigen Spaß, erzählen sie begeistert. „Ich sehe, dass die Leute auf Hilfe angewiesen sind, und es ist ein schönes Gefühl, dass ich derjenige bin, der helfen kann“, sagt Ruholla Esmaili. „Die alten Menschen freuen sich, wenn sie uns sehen und lachen dankbar“, fügt Mohamad Khalifeh hinzu.

Gleichzeitig staunen die beiden Pflegeassistenten immer noch über das deutsche Pflegesystem. In ihren Herkunftsländern gebe es so etwas nicht, berichten sie. Dort würden immer noch die Familien die Pflege der Älteren übernehmen. Die familiäre Pflege habe einen hohen Stellenwert. „Viele Geflüchtete bringen daher schon von Haus aus sehr gute Voraussetzungen für den Pflegeberuf mit“, sagt Bereichsleiter Olaf Schlüter, der darin auch „eine Chance für die Entwicklung der professionellen Pflege im Landkreis Osterholz“ sieht.

Freie Ausbildungsplätze

Wer sich für den pflegenden Beruf interessiert, hat beste Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. „Wir haben derzeit in der Pflegeassistenz einige Schulplätze für das nächste Schuljahr frei“, fügt Olaf Schlüter hinzu. „Wir können also noch Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen.“ Wer eine Ausbildung zur Pflegeassistentin, zum Pflegeassistenten oder auch zur Altenpflegerin und zum Altenpfleger beginnen möchte, kann sich noch kurzfristig für eine Ausbildung im Pflege- und Gesundheitsbereich an den Berufsbildenden Schulen Osterholz-Scharmbeck anmelden. Weiterführende Informationen gibt es über das Sekretariat der Schule unter der Telefonnummer 04791/ 9 41 30.

„Vielleicht kann das Beispiel der beiden jungen Männer noch ein paar junge Leute auf den Weg zur gut ausgebildeten und professionellen Pflegekraft bringen“, hofft Bereichsleiter Olaf Schlüter. „Zu Menschen, die unser Landkreis und ganz Deutschland dringend braucht.“

Die beiden Geflüchteten hoffen auf eine Zukunft in Deutschland und wollen nun auch noch die dreijährige Altenpflegeausbildung an den Berufsbildenden Schulen Osterholz-Scharmbeck anknüpfen. Sie wollen dazulernen – auch was die deutsche Sprache betrifft, wie Ruholla Esmaili betont – und die dreijährige Ausbildung machen, um „richtige“ Altenpfleger werden. In der Kreisstadt fühlen sie sich längst wie zu Hause. Und aus den beiden Kollegen sind bereits gute Freunde geworden. „Wir wohnen im selben Haus“, erzählen sie voller Freude. „Einer in der zweiten, einer in der dritten Etage.“

Ruholla Esmaili und Mohamad Khalifeh haben miteinander einen Weg für die Zukunft gefunden und konnten während der Ausbildung gemeinsam lernen. „Unser Schicksal war, dass wir beide auf derselben Schule gelandet sind.“


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...