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Open-Air an Pfingsten
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Das traditionsreichste deutsche Festival

Johannes Kessels 08.06.2019 0 Kommentare

Seit 48 Jahren gibt es zu Pfingsten das Festival am Worpsweder Kirchberg.
Seit 48 Jahren gibt es zu Pfingsten das Festival am Worpsweder Kirchberg. (Maximilian von Lachner)

Worpswede. Es ist nachmittags, etwa 17 Uhr, und recht ruhig am Kirchberg. Das Jugendzentrum Die Scheune hat zwar bereits seit einer Stunde geöffnet, aber eine kleinere Gruppe Jugendlicher ist gerade ins Dorf hinuntergegangen, und Andreas Griebe, der Sozialpädagoge und Leiter der Scheune, hat ein bisschen Zeit. Außerdem hat er etwas zu zeigen, was ihm Gebhard Licht geliehen hat: einen Text mit Foto aus einer Zeitung vom 2. Juni 1971. An diesem Tag wurde die Scheune für die Jugendlichen des Ortes eröffnet, und die Zeitung schrieb: „Landrat Albert Reiners stellte richtig fest, dass die Arbeit in der Scheune noch längst nicht völlig fertiggestellt ist, denn hier gibt es noch viel zu tun. Deshalb bittet der Freitagskreis auch um Unterstützung der Bevölkerung.“

Der Freitagskreis wandelte sich übrigens 1976 zum heute noch bestehenden Freundeskreis Die Scheune, der aus älteren und jüngeren Erwachsenen besteht und die Jugendlichen unterstützt. Der Freundeskreis hat das Werkhaus gepachtet, das gegenüber der Scheune liegt. Dort fand früher der Werkunterricht der Schule statt, heute gibt es im Dachgeschoss zwei Wohnungen – eine für den „Bufdi“, dessen Stelle vom Freundeskreis getragen wird, die andere ist vermietet. Der große untere Raum dient als Backstagebereich für die Bands.

Und dieser Backstagebereich ist dringend nötig, denn es finden sehr viele Konzerte in der Scheune und davor statt. Drinnen gibt es seit dem Jahr 2000, als Matthias Schmidt Diakon war, wieder mehr oder minder regelmäßig alle paar Wochen Liveauftritte, meistens von Bands aus der Region, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Als nach fünf Jahren die Organisatoren aus der Scheune herausgewachsen waren, fanden sich Nachfolger und ein neuer Name: „Schallwellen Sit-in“, nennt sich die Konzertreihe. Die Organisatoren wechselten, der Name bleibt seit 14 Jahren, und das, obwohl in der Jugendkultur doch die Moden rasant schnell wechseln.

Das Scheunengebäude besteht aus einem Altbau, den der Pastor der 1759 erbauten Zionskirche benutzt hat, und einem etwa gleich großen Anbau, dessen moderne Zweckform wegen der zurückhaltenden Ausmaße erstaunlich gut zur alten Scheune passt. Im Anbau befindet sich heute auch der Haupteingang, dahinter ein Raum mit Tresen. Der Altbau steht voller Sessel und Sofas, alle gespendet. „Wir kriegen mehr angeboten als wir brauchen“, sagt Andreas Griebe. Hier können die Jugendlichen abhängen, Billard und Kicker spielen, ab 19 Uhr, wenn sie alt genug sind, auch mal ein Bierchen trinken (aber natürlich nicht rauchen), und es gibt sogar einmal im Monat eine Kochgruppe für Kinder von acht bis zwölf Jahren. „Da lernen die, dass man nicht alles fertig kaufen muss“, so Griebe, und es drücke sich auch niemand vorm Zwiebelschnibbeln und Abwaschen.

An der Wand links von der alten Scheunentür liegen verborgen die Aluteile der Bühne für das Schallwellen Sit-in. Beim ersten Konzert im März 2005 spielten Chinese Restaurant und Noxious vor mehr als 100 Gästen. Dreieinhalb Jahre später traten A Day Of Mine aus Lilienthal auf, die ihre Musik Emocore nannten. Zuhörer Robin wollte seine Meinung zunächst drastischer formulieren: „Abgef...“, begann er, besann sich aber und kriegte nach einem Blick auf die Tüte Chips asiatischer Geschmacksrichtung, die er in der Hand hielt, noch die Kurve: „Orientalisch gut“ sei der Auftritt gewesen.

Im Dezember 2009 überraschte Rising Infinity mit einer ungewöhnlichen Altersstruktur. Bandleader Gebhard Licht war gut 30 Jahre älter als die übrigen fünf Musiker, aber er ist ein alter Freund von Sänger Marcel Fricke und ein lebenslanger Freund von dessen Vater, denn er und Marcel Frickes Vater sind im Abstand von zwei Tagen im gleichen Krankenhaus geboren.

Auch heute ist Gebhard Licht wieder auf dem Kirchberg, vorerst im neuen Probenraum, der das alte Toilettenhäuschen der Schule ist. Dort findet jeden Montag ein offener Probenabend statt. Den jungen Musikern stehen Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboard und Mischpult zur Verfügung, das meiste von Gebhard Licht gespendet, weil die Band, in der er früher einmal gespielt hatte, einen Preis gewonnen, sich aber dann aufgelöst hat. Andreas Griebe spielt Schlagzeug, Gebhard Licht Keyboard oder Gitarre. Je nachdem, was gefragt ist, und Probleme, die Instrumente passend auf die Mitspieler zu verteilen, habe man nie, sagt Andreas Griebe. „Wenn zehn Leute Gitarre spielen wollen, warten eben ein paar.“ Manche bringen auch eigene Instrumente mit, so wie gerade einige Mädchen mit akustischen Gitarren.

Die Mädchen werden jetzt eine Weile von Andreas Griebe betreut, und Gebhard Licht, pensionierter Lehrer, erzählt von früher. Er ist beim ersten Scheunenkonzert zur Eröffnung aufgetreten – damals noch drinnen, aber es war das erste der Pfingstfestivals, die heute noch veranstaltet werden. „Unser Festival ist das am längsten ununterbrochen stattfindende Open-Air-Festival in Deutschland“, sagt Andreas Griebe stolz.

1971, als 24-Jähriger, trat Gebhard Licht zusammen mit Wolfgang Meyer und Ulrich Hientsch als Rocktrio Lincus auf. Bis zum Auftritt war viel Arbeit nötig, weniger zum Proben als handwerklich, denn die Jugendlichen haben die Scheune selbst renoviert. „Wir mussten zentnerweise Kohlen herausschaufeln“, erinnert sich Gebhard Licht. Ein Jahr habe die Renovierung gedauert, die meisten Arbeiten haben die Jugendlichen selbst machen können. „Da waren Zimmerer dabei“, so Licht; auch der damalige Diakon Reinhard Maczewski sei ursprünglich Zimmerer von Beruf gewesen.

Nicht nur Musik machte Gebhard Licht in der Scheune. „Das Schönste war die Teestunde am Sonntagnachmittag“, meint er, und da habe es wirklich nur Tee gegeben – natürlich auch aromatisierten, wie es damals große Mode war. Noch einmal fand das Pfingstfestival drinnen statt, 1973 zog man nach draußen um, obwohl es noch keine überdachte Bühne gab. Erste Band damals war Eloy, gegründet 1969 als Progressive Rock-Band und heute noch aktiv. Gebhard Licht war irgendwann mit ein paar Freunden in der Diskothek Red Balloon in Ritterhude, wo Eloy auftrat. „Da haben wir die einfach gefragt, ob sie bei uns spielen wollen, umsonst und draußen, und die fanden es toll, dass Jugendliche sich selbst ein Jugendzentrum renoviert haben.“

In diesem Jahr findet das Festival wie üblich am Pfingstsonntag statt – und gleich auf zwei Bühnen. Elf statt sechs Bands werden auftreten, länger dauern wird es dadurch aber nicht, weil während der Umbaupausen jeweils auf der anderen Bühne gespielt wird. Der Eintritt kostet 9,99 Euro.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...