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Interview mit Eckart Richter
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„Der Blick zurück ist voller Fallen“

Michael Schön 19.04.2019 0 Kommentare

Kritischer Blick auf den
Kritischer Blick auf den "Werteverfall": Eckart Richter in seinem Sandhausener Garten, zu dem auch eine Streuobstwiese gehört.  (Christian Kosak)

Herr Richter, mit dem Osterfest wird die Auferstehung Jesu Christi gefeiert. Streng genommen gehört dazu ein dreimaliger Besuch der Kirche: am Gründonnerstag, am Karfreitag und in der Nacht zum Ostersonntag. Praktizieren heute wohl nicht mehr so viele Menschen. Dürfen wir fragen, was bei Ihrem persönlichen Osterfest nicht fehlen darf?  

Eckart Richter: Kirchgang, Osterschmuck in Haus und Garten, Moossuche für Osternester im Moor, Ostereiersuche mit Kindern, und Enkelkindern. Zum Mittag am Ostersonntag: Lammkeule vom Lamm aus eigener Herde mit einem guten Glas Rotwein. Oder zwei.

Rituale wie das Osterfeuer, die aus vorchristlicher Zeit stammen, auf der einen Seite – auf der anderen Ostermontag und Karfreitag als gesetzlich geschützte Feiertage, die vielen Zeitgenossen vor allem als Verlängerung des Wochenendes willkommen sind. Verschwinden dahinter die Botschaften, die vom höchsten Kirchenfest des Jahres ausgehen sollten? 

Ostern ist das wichtigste christliche Fest. Wir feiern es am ersten Sonntag nach dem Vollmond im Frühjahr. Es ist das Fest der Auferstehung von den Toten. Auferstehung geht über unseren Erfahrungshorizont hinaus. Man kann Auferstehung nicht beweisen. Sie bleibt ein Geheimnis, kein Video auf Youtube kann sie zeigen. Ostern ist ein Gegenprogramm gegen die Dominanz des Todes. Dafür steht der auferstandene Christus: Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines neu verwandelten Lebens bei Gott. Ich lebe in einer großen Hoffnung und Gelassenheit. Ich selbst habe lange gebraucht, dies zu verinnerlichen und damit daran zu glauben. Vielleicht machen viele Menschen auch diese Erfahrung, zum Beispiel zu Ostern. Osterfeuer und verlängerte Wochenenden habe ich stets genossen und werde ich weiterhin wahrnehmen. Die christliche Kirche hat den Osterfeuerbrauch wegen seiner Popularität aufgegriffen. So gilt der Feuerschein, weithin sichtbar, fortan als Symbol für den Auferstandenen.

Die Kirche verliert Mitglieder, ihr Einfluss schwindet. Dabei wird doch eine moralische Instanz, die den Menschen Halt und Orientierung gibt, dringender denn je gebraucht, in einer Zeit der Autokraten, der Kriege und der Krisen, von Ausbeutung und Naturzerstörung. Ostern gilt auch als Fest der Hoffnung. Worauf gründet sich Ihre Hoffnung?

In der Wirtschaft, insbesondere in der Automobilindustrie, haben wir die betrügerischen Absichten von Großkonzernen erkannt. Es ist tatsächlich eine Verwahrlosung von Anstand und Ehrlichkeit. Da die Schere zwischen Macht und Politik immer weiter auseinander fällt, also die Möglichkeit, politische Entscheidungen auch durchzusetzen, verfällt auch das Vertrauen in politische Führung. Meine Hoffnung ist ein klarer und zukunftsorientierter Blick auf die aktuellen Problemlagen. Der Blick zurück ist voller verhängnisvoller Fallen, die uns bei der Gestaltung der Zukunft lähmen. Neben dieser klaren Haltung ist auch das konkrete Engagement gefordert, unsere Demokratie mit ihrer Freiheit, ihrer Gerechtigkeit, ihrer Gewaltenteilung, alles auf Volkssouveränität beruhend, zu verteidigen. Kirche hat sich hier verstärkt zu engagieren. Sie darf und soll sich viel mehr – und mutiger – einmischen und zu Wort melden.

Was bereitet Ihnen die größten Sorgen?

Die Gefahr des Werteverfalls. Die Abnahme der Bindung der Menschen an Religion und Kirche. Die geringere Akzeptanz der Beschränkung individueller Freiheiten durch Normen, Hierarchien und Autoritäten; der Bedeutungsverlust bestimmter Tugenden wie Höflichkeit, gutes Benehmen et cetera und die Abnahme von Gemeinschaftssinn.

Die Familie war immer erste Anlaufstelle für Hilfesuchende, die beispielsweise materielle Not litten, auf andere Weise bedrückt waren oder sich einfach ihren Kummer von der Seele reden wollten. Die Kirche macht neben dem Gottesdienst viele Angebote, von der Tafel bis zur Schuldnerberatung. Und sie geht mit der Zeit: Bei der Telefonseelsorge kann man jetzt eine Chat-Beratung in Anspruch nehmen. Was halten Sie davon?

Familie ist und bleibt die erste Anlaufstelle für Hilfesuchende. Nicht allein mit ihren diakonischen Schwerpunkten und Einrichtungen wirkt und unterstützt Kirche beispielhaft. Die Chat-Beratung, besser Chat-Seelsorge, will für alle Menschen, unabhängig von Religionszugehörigkeit, Alter und Geschlecht, ein Seelsorge- und Beratungsangebot ausschließlich im Chat machen, das Vertraulichkeit gewährleistet und die Anonymität des Chat-Partners achtet. Die Aufgaben werden durch Mitarbeiter, etwa Pastoren der Landeskirchen, wahrgenommen. Wenn sich daraus eine „Nähe“ zur Kirche beziehungsweise zu kirchlichen und diakonischen Einrichtungen entwickelt, kann ich das nur begrüßen. Chat-Seelsorge kann zur christlichen Missionstätigkeit werden.

Wo der Staat sich zurückzieht, sieht sich die Kirche in der Pflicht, mit ihrem Dienst am Nächsten auszuhelfen. Ein aktuelles Beispiel für die Vernachlässigung staatlicher Aufgaben ist das Abschmelzen des sozialen Wohnungsbaus. Die Koalition findet dafür offenbar keine Lösung. Wie steht die Kirche zur sogenannten Sozialbindung des Eigentums?   

Hochkarätige Juristen bewerten ein mögliches Gesetz zur Enteignung als verfassungswidrig. Eine Abstimmung darüber wäre ein „Urteil“ über unser Gesellschaftsbild, das weit über die Wohnungspolitik hinausgeht. Wir brauchen einen Diskurs über die Verteilung von Reichtum in unserer Gesellschaft, auch um des gesellschaftlichen Zusammenhalts willen. Dieses kommunikative Handeln im Rahmen der politischen Auseinandersetzung sollte Kirchenleitung mit Nachdruck verfolgen, ja sogar fordern. Eine andere Form des kirchlichen Engagements sehe ich nicht.

Zuletzt noch eine persönliche Frage. Sie gehören zum Präsidium der Landessynode. Die 26. Landessynode wird am 25. September gewählt. Stehen Sie weiter für eine Führungsposition in der Landeskirche zur Verfügung?   

Die aktuelle Amtszeit der 25. Landessynode der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers endet am 31. Dezember 2019. Nach 18 Jahren in der Landessynode, im Finanzausschuss, im Präsidium sowie als Vorsitzender des Geschäftsausschusses werde ich mich nicht wieder zur Wahl für die 26. Landessynode stellen. Der Kandidat wäre 76 Jahre alt!

Die Interviewfragen stellte Michael Schön.

Zur Person

Eckart Richter (75)

war zwölf Jahre Vorsitzender des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck. Seit 2002 ist er Synodaler der Landeskirche Hannover. Seine dritte Amtszeit endet mit dem 31. Dezember 2019. Eckart Richter lebt in Sandhausen. 


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...
suziwolf am 21.10.2019 12:01
Warum dieser einfache Hinweis
auf www.spiegel.de
[ ,auf Erweiterung der Information‘ ]
mit „👎“ bewertet wird,
erklärt sich ...