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Frühstück bei... Wilhelm Windmann
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Der freundliche Bildungsrevoluzzer

Ulf Buschmann 19.04.2019 0 Kommentare

Dass in zwei Jahren Schluss ist und er in Pension geht, mag sich Wilhelm Windmann noch gar nicht so recht vorstellen. Er ist nicht nur das Gesicht und der Motor der Berufsbildenden Schulen in Osterholz-Scharnbeck, die
Dass in zwei Jahren Schluss ist und er in Pension geht, mag sich Wilhelm Windmann noch gar nicht so recht vorstellen. Er ist nicht nur das Gesicht und der Motor der Berufsbildenden Schulen in Osterholz-Scharnbeck, die "Bauchladenschule", wie er sie liebevoll nennt, ist auch sein Lebensinhalt. (Christian Kosak)

Osterholz-Scharmbeck/Schönebeck. Der Weg zu Wilhelm Windmann führt über zwei Bundesländer. „Unser Grundstück ist noch Bremen, aber der Fußweg gehört schon zu Leuchtenburg und ist damit Niedersachsen“, sagt er lachend. Somit wohnt der Leiter der Berufsbildenden Schulen (BBS) Osterholz-Scharmbeck in einem anderen Bundesland – wenn es auch längst nicht mehr so extrem wie bis zum Jahr 2011.

Bis dahin lebte Wilhelm Windmann nämlich am Osterdeich gleich gegenüber dem Weserstadion. Da sei es wohl ganz schön, aber hier, an der Grenze des Bremer Ortsteils Schönebeck zu Leuchtenburg sei es eigentlich noch schöner. Vor allem ist für den BBS-Chef der Weg zur Schule nicht mehr so weit. „Da habe ich viel Lebenszeit verloren“, sagt Wilhelm Windmann schon fast philosophisch. Er fügt an: „Jetzt geht es ganz schnell!“

Sein Lachen ist einnehmend und lädt ohne große Worte zum Frühstück ein. Weißes Geschirr, frisch gebrühter türkischer Kaffee, dazu eine Mischung aus Schinken, Käse und Quark: So lässt sich der Tag gut an. Der Blick aus der großzügig gestalteten Terrassentür gibt den Blick auf ein Haus mit Fernsehgeschichte frei. Dort nämlich drehte Radio Bremen in den 1990er-Jahren seine Erfolgsserie „Nicht von schlechten Eltern“. Heute wohnt darin ein in Bremen-Nord allseits bekannter Bauunternehmer.

Aber das ist für Wilhelm Windmann eher Nebensache. Sein Ding ist die Bildung und das, was sich eigentlich alles noch mit ihr anstellen ließe. Lange wird er mit seinen jetzt 63 Jahren nicht mehr im Schuldienst stehen, doch wenn er könnte, wie sein Dienstherr, das Land Niedersachsen wollte, würde Wilhelm Windmann noch einige Jahre weitermachen: „Eigentlich will ich da noch gar nicht raus.“ Aber er weiß: „Die Einweihung der neu gebauten BBS werde ich nicht mehr mitbekommen.“

Immerhin hat er in den vergangenen Jahrzehnten einiges bewegen können. Anno 1985 kam der jetzige BBS-Leiter nach einer Zimmermannslehre, Bauingenieurs- und anschließendem Lehramtsstudium sowie Meisterprüfung an die BBS und war mit nicht einmal 30 Jahren gleich Mitglied der Schulleitung. Über die Aufgaben als Koordinator wurde er schließlich der Kopf und das Gesicht der Berufsbildenden Schulen. „Herr Windmann tut mir echt leid“, ist einer der Sprüche, die es über ihn in Osterholz-Scharmbeck zu hören gibt, „der ist ja bekannt wie ein bunter Hund, der kann ja nicht einmal unerkannt aufs Klo gehen.“

Dabei hat der bunte Bildungshund eine Menge zu sagen, und das tut er in einer freundlichen, doch bestimmten Art. Während er seinen Gästen wie nebenbei den ersten Kaffee einschenkt und sich sein erstes Brötchen aufschneidet, kommt so etwas wie der Bildungsrevoluzzer unter der Oberfläche hervor – eigentlich. Dabei formuliert Wilhelm Windmann nur, was noch geht im hiesigen Bildungssystem. Sein Tenor: Es ist noch viel Luft nach oben.

Seine eigene Einrichtung nennt er liebevoll „Bauchladenschule“. Das steht beim Chef für Vielfalt, Durchlässigkeit und Kleingliedrigkeit. Immerhin: An der BBS werden 35 Berufe unterrichtet. „Da entwickeln Maler und Fahrzeugtechniker etwas Gemeinsames“, sagt Wilhelm Windmann. Und: „Es ist ein Zusammenspiel, das unheimlich spannende Konstellationen ergibt.“ Ein wichtiger Baustein sei sicherlich, dass die BBS-Lehrer eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie Berufserfahrung haben.

Während Wilhelm Windmann frischen Kaffee nachschenkt, kommt er übergangslos auf das dreigliedrige Schulsystem zu sprechen. Das bezeichnet er als „kontraproduktiv“ – nicht ohne Grund. Erst kürzlich kam an die Öffentlichkeit, dass die Hälfte der Mädchen und Jungen nach der 4. Klasse an die Gymnasien wechseln und dann Stück für Stück hinten runterfallen. Der BBS-Schulleiter findet: „Unter diesem frühzeitigen Aussortieren leidet die Schule ganz gewaltig.“

Er hat denn auch eine Idee: „Ich würde den Gymnasien die Mittelstufe und den Integrierten Gesamtschulen die Oberstufe wegnehmen. Ich wünsche mir eine Gemeinschaftsschule.“ Statt die Kinder auf der Strecke zu lassen, sei auf diese Weise eine individuelle Förderung möglich. Kritikern nimmt Wilhelm Windmann sogleich den Wind aus den Segeln. Die Schüler, die von der Oberschule an die Gymnasiale Oberstufe wechselten, scheiterten wegen fehlender Fähigkeiten, obwohl sie formal über die Abschlüsse verfügen.

Wilhelm Windmann greift sich eines der Brötchen und schneidet es ein wenig nachdenklich schauend auf. Wenn es nämlich um die Schulabschlüsse geht, heißt es oftmals, die jungen Leute seien heute viel dümmer als früher. Dem widerspricht der BBS-Leiter vehement: „Die Schüler sind nicht schlechter, sie sind nur anders.“ Die Schule stelle Anforderungen wie vor 30 Jahren und verändere sich „gemächlicher“. Sie komme beispielsweise hinter der Digitalisierung nicht hinterher. Dabei seien die Schülerinnen und Schüler mittendrin.

Wilhelm Windmann fordert deshalb unter anderem, die bestehenden Lehrpläne zu entschlacken. Statt viele Themen nur an der Oberfläche anzukratzen, wünscht er sich einen tieferen Einstieg in bestimmte Themen. Hier kommt Windmann wieder auf das Thema Förderung zu sprechen. Verstehe ein Schüler das gerade behandelte Thema nicht beim ersten Mal, ist das Aufarbeiten später im Unterricht möglich.

Den Schritt dorthin macht die BBS laut Windmann mit ihrem Neubau. „Es wird Jahrgangshäuser mit verstärkter Differenzierung nach Leistungsstand geben“, freut er sich bei einem Schluck Kaffee auf die neue Zeit. Der Stoff werde in Projekte verpackt. Frontalunterricht soll passé sein. Priorität hat Individualisierung. Doch das funktioniere nicht nur durch einen kompletten Neubau, sagt der Bildungsrevolutionär: „Die Voraussetzung dafür ist, dass die Schülerinnen und Schüler auch lernen, selbstständiger zu werden.“ Erste Versuche laufen bereits in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung.

Wenn Wilhelm Windmann an die Zukunft der Berufsschulen denkt, wird er sogar ein wenig wehmütig. Denn in zwei Jahren ist für ihn Schluss mit dem Berufsleben. Dann wechselt Wilhelm Windmann in den Pensionärsstatus. Mit dieser Aussicht kann sich der Schulleiter noch nicht so recht anfreunden, denn bislang ist sein Lebensinhalt die Schule. Er gibt zu: „Ein wirkliches Hobby habe ich eigentlich nicht.“

Aber ein Sesselhocker werde er sicherlich nicht sein. Immerhin reise er gerne, zum Beispiel nach Italien oder früher viel nach Griechenland. Und Sport gehört zu seinem Privatleben. Früher war es Handball, dann sei er lange gelaufen. Doch nachdem sein Arzt eine lädierte Hüfte festgestellt hat, muss er sich auf Schonenderes konzentrieren. „Sportstudio, Fahrrad fahren und Gymnastik“, sagt Wilhelm Windmann lachend.


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Leserkommentare
hopfen am 21.10.2019 11:38
Ein sehr gutes Beispiel dafür wie realitätsfern Politiker inzwischen sind. Würden alle fast identische Ferienzeiten bekommen, würde das absolute ...
admiral_brommy am 21.10.2019 11:29
Zitat: ".....und die Behörden lehnen seinen Asylantrag ab. "

Ausreisepflichtig scheint er aber nicht zu sein. Warum?
Warum ...