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Ein Garten für Topf-Gucker

Brigitte Lange 21.05.2019 0 Kommentare

Platz für Pflanzen ist auf dem kleinsten Balkon. Mit heimischen Wildpflanzen wird er gar zur Nektar-Tankstelle für Bienen und andere Insekten.
Platz für Pflanzen ist auf dem kleinsten Balkon. Mit heimischen Wildpflanzen wird er gar zur Nektar-Tankstelle für Bienen und andere Insekten. (Reinhard Witt (Naturgartenplaner))

Mit einem Schritt vom Wohnzimmer in den Garten: Bei wachsender Wohnungsnot können davon viele Menschen nur träumen. Auf das eigene Grün müssen sie deshalb aber nicht unbedingt verzichten. Die Lösung: eine Wohnung mit Balkon.

Danach hatte auch Oliver Kwetschlich die Augen aufgehalten, als er vor etwas mehr als sechs Jahren eine neue Bleibe suchte. Im oberen Stockwerk eines Mehrfamilienhauses in der Kreisstadt wurde er fündig. „Mein Balkon misst etwa vier bis fünf Quadratmeter“, schätzt er. Für große Kübel ist da kein Platz. Dazu kommt, dass sein Balkon nach Süden ausgerichtet ist. Die Pflanzen bekommen die ganze Kraft der Sonne zu spüren. Nicht jede verträgt das. Trotzdem: „Ich muss sie nur etwa zehn Minuten am Tag gießen“, sagt der Topf-Gucker unter den Gärtnern.

Oliver Kwetschlich ist fasziniert von Wildbienen. Nicht nur mit einem Wildblumen-Topfgarten auf seinem Balkon unterstützt er sie. Der Naturschützer kümmert sich auch um den Bienen-Garten der Bios. 
Oliver Kwetschlich ist fasziniert von Wildbienen. Nicht nur mit einem Wildblumen-Topfgarten auf seinem Balkon unterstützt er sie. Der Naturschützer kümmert sich auch um den Bienen-Garten der Bios.  (Lange)

Das Erfolgsrezept steckt in seiner Pflanzenwahl. „Ich wollte es möglichst bunt haben“, holt er etwas aus. Auf gängige Topfpflanzen wie Geranien und Petunien verzichtete er deshalb bewusst. Sie sind zwar farbenfroh, aber: „Ich wollte Action auf meinem Balkon.“ Geranien und viele andere typische Balkon-Pflanzen besitzen kaum bis gar keinen Nektar und Pollen. Für Bienen und andere Insekten sind sie damit völlig uninteressant. Genau um sie geht es Kwetschlich aber. Seit Jahren engagiert der Kreisstädter sich für Krabbler und Flugkünstler, allen voran die Wildbiene. So kümmert er sich unter anderem um den Bienen-Garten der Biologischen Station Osterholz an der Mühle von Rönn.

Während er sich bei der Gestaltung dieser Freifläche vor dem Wahrzeichen der Stadt regelrecht austoben und den Bienen und ihren Futterpflanzen mit extra aufgeschütteten Sandhügeln ideale Bedingungen schaffen konnte, muss er sich bei seinem Balkon-Garten beschränken. „Ich habe geguckt, welche Pflanzen für Wildbienen besonders geeignet sind.“ Das Ergebnis: heimische Wildpflanzen.

Mit seinen violetten Blüten versteht der Hauhechel nicht nur Bienen zu gefallen.
Mit seinen violetten Blüten versteht der Hauhechel nicht nur Bienen zu gefallen. (Oliver Kwetschlich)

Damit hat er die Wahl zwischen circa 3800 Wildpflanzen, die in Mitteleuropa gedeihen. Konkret sei eine Wildpflanze, „was hierzulande in der Natur vorkommt, sich in natürlichen Lebensgemeinschaften eigenständig hält und über Samen vermehrt“. So formuliert es der Präsident des Vereins „Naturgarten“, Reinhard Witt. Der Naturgartenplaner hat nach eigenem Bekunden seit fast 30 Jahren beruflich mit naturnahem Grün zu tun. Seine im Eigenverlag publizierten Bücher – unter anderem „Das Wildpflanzen-Topfbuch“ – inspirieren seit Jahren Gärtner, die es natürlicher möchten und mögen. Auch Oliver Kwetschlich kennt Witts Fachbücher.

Da es dem Kreisstädter im Wesentlichen darum geht, den Tisch für Bienen zu decken, war ihm die Topf-Frage bei der Gestaltung relativ egal. „Hauptsache, ich kann sie bepflanzen“, sagt er. Naturgartenplaner Witt sieht es ähnlich, widmet dem Thema aber etwas mehr Raum und wägt die Vor- und Nachteile von Pflanzgefäßen aus Ton, Steinzeug, Plastik, Faserzement, Metall, Stein und Holz gegeneinander ab. Faserzement und Kunststoff etwa überzeugen Witt durch ihr geringes Gewicht und ihren günstigen Preis. Bei den deutlich teureren Tontöpfen ist die glasierte Variante sein Favorit. Durch deren Wände würden weder Wasser noch Nährstoffe austreten. Deshalb müssten die darin wachsenden Pflanzen seltener gegossen werden.

Selbst gebaute Insektenhotels komplettieren den Topf-Garten auf dem Balkon.
Selbst gebaute Insektenhotels komplettieren den Topf-Garten auf dem Balkon. (fotos (2): Oliver Kwetschlich)

„Außerdem halten sie wesentlich länger als unglasierte Töpfe“, ist Witts Erfahrung. Ein entscheidender Pluspunkt, da es sich bei einem Balkon-Garten mit heimischen Wildpflanzen in der Regel um eine Dauerbepflanzung handelt. Auch auf Oliver Kwetschlichs Balkon bleiben die verblühten Stängel der Wildstauden über den Winter stehen. „Vorausgesetzt, die Bepflanzung stimmt, können mehrjährige Arten jahrelang im gleichen Behältnis stehen“, versichert Witt.

Oliver Kwetschlich entschied sich schließlich für mehrere rechteckige, schlicht-schwarze Kunststoffgefäße, die er gleich einer Treppe in drei Etagen vor und auf der Brüstung seines Balkons sowie auf den Trennwänden zu den Nachbarbalkonen arrangiert hat. „Ganz wichtig war mir, dass ich auch Töpfe mit Rankhilfe habe“, berichtet er. Zum Beispiel für Platterbsen. Je nachdem, um welche Form der Platterbse es sich handelt, bezaubert sie den Gärtner mit leuchtend gelben oder auch rosa-lila changierenden Schmetterlingsblüten. Blüten, auf die zum Beispiel die Platterbsen-Mörtelbiene fliegt.

Am Ende wurden es zwei Gefäße mit Rankgittern, die an den Seiten des schmalen Balkons in die Höhe ragen. Mithilfe von zwei Hängekästen erobern weitere ein- und mehrjährige Pflanzen den Raum zwischen Boden und Decke. Kein Zentimeter wird verschenkt. Die Wände selbst sind den von Kwetschlich gebauten Nisthilfen für die Bienen vorbehalten. Von seiner Sonnenliege aus, die mitten im Geschehen steht, kann er ihr Treiben gut beobachten. Angst, gestochen zu werden, hat er nicht. Wildbienen sind friedliebend. In Acht nehmen musste er sich dagegen vor den Amseln, die den Topfgucker-Garten als Kinderstube auserkoren hatten und Oliver Kwetschlich attackierten, sobald dieser zum Gießen den Balkon betrat.

Die kleinen, bunten Blüten auf Kwetschlichs Balkon stehen bei Wildbienen und anderen Insekten hoch im Kurs.
Die kleinen, bunten Blüten auf Kwetschlichs Balkon stehen bei Wildbienen und anderen Insekten hoch im Kurs. (Oliver Kwetschlich)

„Wie viele Pflanzen ich hier genau habe, kann ich gar nicht sagen“, meint er. Er schätzt, dass etwa 20 verschiedene Wildpflanzen-Arten in den Töpfen wachsen. „Manche verschwinden auch“, räumt er ein. Andere versamten sich und wanderten von Topf zu Topf. Kwetschlich lässt sie gewähren. Nur bei der Glockenblume greift er ein. Lange halte sich keine Glockenblume bei ihm, egal ob Knäuelglockenblume, rundblättrige, nesselblättrige, pfirsichblättrige oder Ackerglockenblume. Dabei sind sie sehr begehrt: Die Glockenblumen-Scherenbiene fliegt auf sie. „Diese Bienen sammeln den Pollen der Glockenblumen.“ Den tragen sie in ihr Nest. Kwetschlich hat für diese Bienenart passende Nisthilfen gebaut. „Daher trage ich Verantwortung für sie“, sagt er. Deshalb sorge er immer für Nachschub bei den Glockenblumen.

Ein weiterer Favorit des Kreisstädters ist der Hornklee. Wie die Platterbse oder der ebenfalls von Kwetschlich gepflanzte hellrosa blühende Hauhechel gehört der gelbe Hornklee zu den Schmetterlingsblütlern und gilt als guter Nektarspender. „Vom Hornklee muss ich viele Pflanzen haben.“ Dessen Blüten umschwirrten viele: Neben der Mörtelbiene gehört etwa die Blattschneidebiene zu den Besuchern. In einem weiteren Topf zieht die Färber-Hundskamille die Blicke auf sich. „Auf sie gehen die Löcher- und Seidenbienen.“ Thymian und Dachwurz, beide sonnenhungrig, wachsen ebenfalls auf dem Balkon. Resede und Fünf-Finger-Kraut (beide gelb-blühend), Herzgespann (hell-purpur) und Blutweiderich (purpur), schwarzer Geißklee (gelb), Natternkopf (blau), Wald-Ziest (violett) und knotiger Braunwurz (rot-braun) sind weitere Wildstauden, mit denen Kwetschlich die Natur auf seinen Balkon holt.

Sie alle wachsen in torffreier Blumenerde. Dafür spricht nicht nur der Naturschutzgedanke, bemerkt Reinhard Witt: „Torfhaltige Substrate quittieren Wildpflanzen meist mit Wuchsdepressionen.“ Er hätte auch Dach- oder Trogerde verwenden können, bestätigt Kwetschlich: „Aber das ist mir zu speziell.“

Und während die Pflanzen im Topf dichter als im Freiland eingetopft werden dürfen, gilt fürs Düngen: „Weniger ist mehr." Schließlich erobern diese Hungerkünstler in der Natur die Bereiche, die anderen Pflanzen zu wenig Nahrung bieten. Für die Wildstauden im Topf heißt dies, dass sie von der Startdüngung mit der torffreien Blumenerde mitunter mehrere Jahre zehren. Erst wenn ihre Wuchsfreude unübersehbar nachlässt, die Blätter lange vor der Zeit vergilben, dürfe nachgedüngt werden, sagt Witt.

Sparsam gehen diese Pflanzen auch mit Wasser um: „Stimmen die Bedingungen, können sie etliche heiße Sommertage ohne sichtbaren Schaden überleben“, erklärt Witt. Mitunter brauchten sie nur einmal die Woche gewässert zu werden. „Wer wenig gießen will, der nimmt gleich den größeren oder größten Topf“, rät der Naturgartenplaner. Durch das Plus an Erde werde mehr Wasser gespeichert.

Wenig gießen, kaum düngen und dazu ein großes Nahrungsangebot für friedliebende Wildbienen und andere Insekten: Dass es zu diesen Pluspunkten, je nach Betrachtung, auch einige Nachteile gibt, verheimlicht Reinhard Witt nicht: So haben Wildpflanzen im Vergleich zu gezüchteten Zierpflanzen kleinere Blüten, und ihre Blühdauer ist in der Regel kürzer. Allerdings hilft da derselbe Kniff wie bei herkömmlichen Balkon-Pflanzen: „Der Blütenrückschnitt verlängert die Saison“, verspricht der Naturgartenplaner.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...