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Detlef Stein über Hans Christian Andersen
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„Ein verblüffender Werdegang“

Michael Schön 21.01.2019 0 Kommentare

Kunsthistoriker Detlef Stein und Anne Buschhoff vor der Bremer Kunsthalle, die derzeit eine Ausstellung zum grafischen Werk Hans Christian Andersens zeigt.
Kunsthistoriker Detlef Stein und Anne Buschhoff vor der Bremer Kunsthalle, die derzeit eine Ausstellung zum grafischen Werk Hans Christian Andersens zeigt. (Mohssen Assanimoghaddam/DPA)

„Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ oder „Die kleine Meerjungfrau“ – Hans Christian Andersen hat rund 160 Märchen geschrieben, die in 120 Sprachen übersetzt worden sind. Er war bereits zu Lebzeiten einem breiten Publikum bekannt. In sein bildkünstlerisches Werk dagegen hat der Dichter nur engsten Freunden Einblicke gewährt. Warum eigentlich? Hat er es nicht für wert gehalten, es der Öffentlichkeit zu präsentieren?

Detlef Stein: Andersen  hat leidenschaftlich gern gezeichnet, aber ihm war bewusst, dass er auf diesem Gebiet nicht mit dem damals gängigen Standard mithalten konnte. Darum hat er die Zeichnungen alle für sich behalten. Die Scherenschnitte wiederum hat er gern bei Einladungen zum Essen vor Publikum hergestellt und dann bei den jeweiligen Gastgebern zurückgelassen. Als nach dem Tod des Künstlers der Haushalt aufgelöst wurde, hat man keine Scherenschnitte vorgefunden, aber Hunderte von Zeichnungen.

Was weiß man von Andersen, abgesehen davon, dass er wohl schon als 14-Jähriger auf eigenen Füßen stehen musste, weil sein Vater, ein Schuhmacher, gestorben war?

Er hat seinen Lebensweg in der Tat mit großen Defiziten antreten müssen. Aufgewachsen im Ärmstenmilieu von Odense, Sohn eines Flickschusters, der nicht der Zunft angehörte, die Mutter, alkoholkrank, hat sich als Wäscherin verdingt. Bildungsfernes Milieu, würde man heute sagen. Doch dem konnte er eine ungeheure Zuversicht entgegensetzen, ein großes Maß an Unverfrorenheit. Anfangs zu kurz gekommen, hatte er doch viel Glück im Leben. Er hatte keine Scheu, auf Menschen  zuzugehen, die ihm nützlich sein konnten.

Was ist über seinen Charakter noch bekannt?

Er war nie liiert, hatte keine Kinder, war trotz der Beliebtheit, die er  als Dichter und Schriftsteller erlangte, kein sonderlich nahbarer Mensch. Er war belastet durch die Erfahrung von Spott, Häme und Zurücksetzung. Dafür besaß er ein reges Innenleben. Ich denke da an seine Hypochondrie. Sein Denken kreiste sehr um die Sorge um das eigene Wohlbefinden. Gleichzeitig entwickelte er überaus zarte und poetische Gedanken. Mir schwebt gerade die Ballerina vors geistige Auge, die auf Schmetterlingsflügeln tanzt.

In der Literatur war er ein Star. War er auch ökonomisch  erfolgreich?

In der ersten Hälfte seines Arbeitslebens war er auf Unterstützung angewiesen, die er aus einem Geldfonds des dänischen Königshauses erhielt. Von dort erhielt er auch jährliche Zuwendungen. Jenseits der 30 angelangt, besserten sich mit dem Erfolg auf  dem Buchmarkt seine wirtschaftlichen Verhältnisse, und am Ende seines Lebens war er sicherlich gut situiert. 

Sie sind der Initiator und Kurator der Ausstellung in der Bremer Kunsthalle, die wohl in Deutschland die größte ihrer Art ist. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Es war reiner Zufall. Ich bin viel in Dänemark unterwegs, auch auf der Suche nach Secondhand-Schallplatten, und bin dann in Odense, der Geburtsstadt Andersens, ins Museum gegangen, aus reinem Zeitvertreib, mit dem Klischee vom biedermeierlichen Märchenonkel mit Tintenfass vor Augen. Doch ich wurde überrascht und war überwältigt von den Scherenschnitten und Zeichnungen, den modernen Collage-Büchern und Zeichnungen. Die Faszination hat bis heute angehalten. Als ich, zurück in Bremen, bei der Recherche feststellte, dass keine Biografie im deutschsprachigen Raum sich je mit dieser bildkünstlerischen Seite Andersens befasst hat, habe ich einige Vorträge gehalten und bin mit dem tieferen Eindringen in die Materie auf die Idee mit der Ausstellung gekommen. Anne Buschhoff, die sie schließlich mit mir zusammen kuratiert hat, und Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle, waren auf Anhieb begeistert. Die Hilfestellungen des dänischen Honorarkonsuls und der Prinzessin Benedikte zu Dänemark, die auch die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat, haben uns dann viele Türen geöffnet. Die Leihgaben stammen vom Odense City Museum, von der Königlichen Bibliothek Kopenhagen, vom Museum Jorn in Silkeborg und aus Privatbesitz.  

Wie groß ist der Umfang der Arbeiten, die in Bremen zu sehen sind?

30 Zeichnungen aus den Jahren 1830 bis 1870, exemplarisch für die verschiedenen Perioden. 35 Papierschnitte. Besonders froh bin ich darüber, dass wir von 14 Collage-Büchern drei wertvolle Exemplare nach Bremen bekommen haben. Ihnen sind lllustrationsbeispiele  von Vilhelm Pedersen und Otto Speckter gegenübergestellt, die Zeitgenossen Andersens waren. Wir haben noch zwei Räume, in denen gezeigt wird, wie Andersen rezipiert wurde. Da ragt Andy Warhol, der Andersen und dessen Scherenschnitte in farbstarken Siebdrucken festgehalten hat, natürlich heraus. 

Welche Motive hat Andersen aufgegriffen?

Bei den Zeichnungen handelt es sich um Eindrücke von Reisen, besonders Italien, der Vesuv, Pompeji und Bauwerke Roms, eben Dokumentarisches. Bei den Scherenschnitten dreht es sich überwiegend um Theater und Tanz. Er hat auch Redewendungen wie „auf den Kopf gestellt“ ins Bild gesetzt, eine kauernde Figur mit einem Tablett auf dem Kopf, das Bauwerke transportiert

Andersen soll auch  Bremen besucht haben. Was ist darüber bekannt?

Er hat vor 176 Jahren, mit Ende 30, auf der Durchreise von Kopenhagen nach Paris einer sehr herzlichen Einladung Folge geleistet und Bremen dann noch mehrmals besucht, das Theater,  das Rathaus und die dritte Gemäldeausstellung des Bremer Kunstvereins. Er stand in Kontakt mit einer Kaufmannsfamilie und hat auch Johann Smit, den Politiker, Theologen und Gründer von Bremerhaven kennen gelernt.

Als er älter wurde, hat er sich vor allem dem Scherenschnitt gewidmet?

Weil er unter Gicht litt, was ihm das Zeichnen verleidet hat. Er hat aber auch schon als junger Mann Scherenschnitte hergestellt.

Auf Einladung des Osterholzer Kunstvereins werden Sie am Sonntag, 27. Januar, über  Andersen, den „Poeten mit Feder und Schere“, sprechen. Was dürfen die Zuhörer auf Gut Sandbeck von Ihrem Vortrag erwarten?

Ich werde aus seinem Leben berichten, einem für die Zeit verblüffenden Werdegang, denn es gab ja keine soziale Durchlässigkeit. Der Schwerpunkt liegt auf dem bildkünstlerischen Werk, aber auch die Rezeption, Warhol, die Rezensionen der Zeitungen und die Collage-Bücher werden Themen sein.  

Haben Sie als Kind Märchen vorgelesen bekommen?

Meine Eltern hatten keinen Fernseher und haben mir viel und gerne vorgelesen. Ich habe das sehr gemocht,  vor allem die „Kinder aus Bullerbü“. Bei Andersens „Das hässliche Entlein“ soll ich geschluchzt haben, wie mir meine Mutter berichtet hat. Ich pflege Studenten zu Weihnachten gern etwas vorzulesen, Hermann Hesse zum Beispiel. Die Zuwendung des Lesens ist ja ein sehr verbindender Vorgang und regt die Fantasie der Zuhörenden an.

Das Interview führte Michael Schön.

Zur Person

Detlef Stein

hat die gegenwärtig laufende Ausstellung zum grafischen Werk Hans Christian Andersens in der Bremer Kunsthalle kuratiert. Der Bremer ist Kunsthistoriker, Hochschuldozent und Autor.   

Weitere Informationen

Vortrag und Führung 

„Hans Christian Andersen – Poet mit Feder und Schere“ lautet der Titel eines Vortrags, den Detlef Stein, Kunsthistoriker aus Bremen, am Sonntag, 27. Januar, 16 Uhr, beim Kunstverein Osterholz auf Gut Sandbeck, Sandbeckstraße 13, hält. Es wird eine Eintrittsgebühr von fünf Euro erhoben. Darüber hinaus lädt der Kunstverein für Sonntag, 3. Februar, 16 Uhr, zu einem gemeinsamen Besuch der noch bis zum 24. Februar laufenden Andersen-Ausstellung ein. Stein wird die Führung durch die Schau in der Bremer Kunsthalle vornehmen, um den „überraschend anderen Andersen“ vorzustellen. Gebühr: 17 Euro. Anmeldungen an Irmgard.Windhorst@kunstverein-osterholz.de oder unter Telefon 0 47 93 / 37 64.  


Ein Artikel von
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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...