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Landkreis: Jugendamt-Studie ist unseriös

Bernhard Komesker 27.05.2018 2 Kommentare

Vernachlässigung und Misshandlung (Symbolbild) lassen das Jugendamt auf den Plan treten; Fallzahlen und Personalquote nennt die Osterholzer Behörde nicht.
Vernachlässigung und Misshandlung (Symbolbild) lassen das Jugendamt auf den Plan treten; Fallzahlen und Personalquote nennt die Osterholzer Behörde nicht. (Getty Images)

Landkreis Osterholz. Eine aktuelle Studie der staatlichen Hochschule Koblenz hat schwere Defizite in deutschen Jugendämtern bemängelt. Eine dünne Personaldecke und eine hohe Fluktuation, verbunden mit einer unzureichenden räumlichen und sächlichen Ausstattung führten dazu, dass Kinder und Familien unzureichend unterstützt würden. Zu viele Fälle und zu wenig Mitarbeiter: Die Jugendämter seien überlastet, überfordert und unterbesetzt; die Situation sei desolat, sagt die Autorin der Studie, Professorin Kathinka Beckmann.

Im Osterholzer Kreishaus hat man die Feststellungen der Sozialwissenschaftlerin verwundert zur Kenntnis genommen – und zurückgewiesen. Die Datengrundlage der Studie, an der sich der Landkreis nicht beteiligt habe, sei mit 652 Mitarbeitern aus 175 Jugendämtern dürftig und als Stichprobe nicht repräsentativ, heißt es von dort. Landkreis-Sprecherin Jana Lindemann zitiert in der Antwort auf unsere Anfrage den Geschäftsführer des Deutschen Landkreistags, Hans-Günter Henneke. Der hat nach Bekanntwerden der Forschungsarbeit erklärt: "Auf der Basis von einigen Hundert Interviews mit sich freiwillig meldenden Personen auf die Lage in mehr als 600 Jugendämtern in Deutschland zu schließen, ist abenteuerlich und unseriös." Dieser Sichtweise, so Lindemann, könne sich der Landkreis Osterholz "nur anschließen".

Also alles in Butter in Osterholz? Die Beckmann-Studie, eine Auftragsarbeit der Deutschen Kinderhilfe, hatte zu wenig finanzielle Unterstützung und zu viel Büroarbeit als Hauptproblem der Jugendämter ausgemacht, sodass zu wenig Zeit für Hausbesuche bleibe. Eigentlich eine Steilvorlage für die Osterholzer Behörde, aber die stört sich an der Methodik der Untersuchung. Darin wird die Zahl der Mitarbeiter in den allgemeinen sozialen Diensten in Relation zur sogenannten Fallzahl gesetzt. Nach Auskunft der in der Studie Befragten kommen oft mehr als 100 Fälle auf eine Vollzeitkraft; die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst (BAG-ASD) empfiehlt hingegen eine Obergrenze von 35.

Aus Landkreis-Sicht ist auch diese Empfehlung nicht glaubwürdig. Immerhin: Die BAG-ASD versteht sich als ein Fachforum mit ausgeprägter Nähe zum Arbeitsalltag in den kommunalen sozialen Diensten. Ihre Expertise (und die von weiteren Sachverständigen) ist im vergangenen Jahr vom Bundesfamilienministerium auch beim Anhörungsverfahren für das neue "Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen" gefragt gewesen. Die Landkreis-Sprecherin, die ihre Stellungnahme mit dem Jugend- und Sozialdezernat des Kreises abgestimmt hat, hält von der Fallzahl-Relation der gewerkschaftsnahen Arbeitsgemeinschaft gar nichts. Es gebe keine standardmäßige, allseits anerkannte Falldefinition, sodass die Osterholzer Kreisverwaltung auch keine Zahl für ihren Zuständigkeitsbereich nennen werde.

Auch die Dauer eines Hausbesuchs tauge nicht als ein objektives Qualitätskriterium für den Schutz vor Missbrauch und Misshandlung, so Lindemann weiter. Es komme vielmehr auf die einzelne Fachkraft und die Aussagekraft der Dokumentation an: Bringt sie Kommunikationsfähigkeit, Methodenwissen im Bereich der Gesprächsführung und ein sicheres pädagogisches Beurteilungsvermögen mit, könne auch ein Gespräch von unter einer Stunde sehr effektiv sein, gibt Lindemann zu bedenken. Die Arbeitsintensität variiere eben von Fall zu Fall. Es handele sich "ohnehin immer nur eine Momentaufnahme". 

Dritter Kritikpunkt aus Osterholzer Sicht ist der rein quantitative Blick auf die Familienbegleitung. Im Kreishaus arbeiteten die Beschäftigten aus der sozialpädagogischen Familienhilfe – hier gab es 2014/15 zehn Neueinstellungen – mit anderen Verwaltungsabteilungen zusammen. Das gewährleiste einen engen persönlichen Kontakt zu den betreuten Familien. "Die Kindeswohlsicherung als Kernaufgabe der öffentlichen Jugendhilfe spielt dabei immer eine zentrale Rolle", teilt der Landkreis mit und verweist auf Fortbildungplanung und Supervisionsverpflichtung sowie eine Optimierung der Arbeitsabläufe. Zur Fluktuation, wonach bundesweit zwei von fünf Sozialarbeitern nach weniger als drei Jahren die Stelle wechseln, macht der Landkreis keine Angaben.

Kathinka Beckmann, Professorin für klassische und neue Arbeitsfelder der Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Koblenz, hat eine Studie zur Arbeitsrealität in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) der Jugendämter angefertigt.
Kathinka Beckmann, Professorin für klassische und neue Arbeitsfelder der Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Koblenz, hat eine Studie zur Arbeitsrealität in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) der Jugendämter angefertigt. (Janine Schmitz/photothek.net)

Auf unsere erneute Nachfrage hin gibt Jana Lindemann dann doch eine einzige Zahl heraus: Demnach wuchs die Mitarbeiterzahl im Jugendamt – umgerechnet auf Vollzeitstellen – von 2013 bis 2017 um 34 Prozent. Wie viele Mitarbeiter das Jugendamt hat, sagt sie aber nicht dazu. Laut Stellenplan sind es fast 57 Angestellte und sechs Beamte. Weitere Zahlen sind Seite 371 des Haushaltsplans zu entnehmen. Demnach werden den ambulanten Erziehungshilfen rund 20 Vollzeitstellen zugerechnet. Diese Beschäftigten kümmern sich um Kinder (rund 100 sogenannte Erziehungsbeistandsschaften sowie 20 Nachbetreuungen volljähriger Kinder und weitere 25 Fälle von begleitetem Umgang) sowie um deren Familien (circa 70 Langzeit- und 70 Kurzzeitbegleitungen). 

Die "Personalbemessungsprozesse", die solchen Angaben vorausgingen, seien "höchst komplex" und "schwer für Externe nachvollziehbar", erklärt Lindemann und versteigt sich am Ende zu der Behauptung, diese Prozesse seien auch "nicht öffentlichkeitsrelevant". Und beruhigend fügt sie sogleich hinzu: Die Bürger könnten "sicher sein, dass in unserem Hause erhöhtes Fallaufkommen und besondere gesellschaftliche Entwicklungen in der Personalplanung berücksichtigt werden". Im November 2017 hat es dazu aus dem Jugendamt geheißen, man sei "mit einer weiterhin hohen Zahl von Kindeswohlgefährdungsmitteilungen und Kriseneinsätzen befasst". Beziffert wurde diese auch damals nicht.

Nun sind aber die Kreise in Deutschland für nur etwa die Hälfte der bundesweit rund 600 Jugendämter zuständig. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat ganz andere Rückschlüsse aus der Koblenzer Studie gezogen. Er verweist darauf, dass von den steigenden Jugendhilfe-Ausgaben das meiste Geld in die Krippen und Kindergärten gesteckt werden musste. Dabei dürfe die Finanzierung der Jugendämter nicht von der kommunalen Kassenlage abhängen, so der Spitzenverband. Der Bund müsse sich an den steigenden Kosten beteiligen. Und während die Komba-Gewerkschaft im DBB-Beamtenbund mehr Personal forderte, appellierte der Deutsche Städtetag an Bund und Länder, etwas gegen den Fachkräftemangel zu tun und mehr Ausbildungskapazitäten zu schaffen.

Diese Schlussfolgerungen ziehen auch Kathinka Beckmann und die Deutsche Kinderhilfe. 54 Prozent der Befragten hätten erklärt, Entscheidungen würden im Alltag nicht nur nach pädagogischen, sondern häufig nach finanziellen Gesichtspunkten getroffen. So könne Kinderschutz nicht funktionieren, warnt der Kinderhilfe-Vorstand Rainer Becker. Und Beckmann sagt, die Verantwortung dürfe nicht an die Kommunen abgeschoben werden, die häufig nicht genügend Ressourcen hätten.

Kurioser Zufall: Am Wochenende schaltete die Kreisverwaltung eine Stellenanzeige. Gesucht werden demnach Sozialpädagogen, die fürs Jugendamt Meldungen über Kindeswohlgefährdung nachgehen.


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Leserkommentare
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...