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„Alles auf Anfang“
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Neuer Versuch, neues Glück

Bernhard Komesker 07.10.2019 0 Kommentare

In der Jugendwerkstatt Osterholz lernen Eldin Muric (links) und Aven Dana (rechts) mit 16 weiteren Teilnehmern für den Hauptschulabschluss. Sozialarbeiterin Sophie Schmaske begleitet das Projekt.
In der Jugendwerkstatt Osterholz lernen Eldin Muric (links) und Aven Dana (rechts) mit 16 weiteren Teilnehmern für den Hauptschulabschluss. Sozialarbeiterin Sophie Schmaske begleitet das Projekt. (Christian Kosak)

Landkreis Osterholz. Nur wenige Dinge haben sich im Leben von Aven Dana (19) und Eldin Muric (18) bislang als verlässliche Größen erwiesen. Die Familie ist so eine Konstante, eigentlich. Doch Aven hat ihre geliebten Großeltern im Nordirak zurücklassen müssen. Und Eldins Eltern trennen sich gerade. Jetzt versuchen beide, mit 16 anderen Kursteilnehmern in der Osterholzer Jugendwerkstatt ihren Hauptschulabschluss nachzuholen.

Der neue Anlauf lässt sich vielversprechend an, wie Eldin erzählt: „Wir haben heute unsere erste Erdkunde-Arbeit zurückbekommen“, sagt der junge Serbe und hält kurz inne, damit sich der Besucher nach der Note erkundigen kann. „Eine Zwei“, sagt Eldin und lacht. Aven strahlt, als wir nun fragend zu ihr herübersehen: „Ich hab‘ auch eine Zwei.“

Die Murics sind 2015 zu dritt nach Deutschland gekommen, zwei Jahre später wurde Eldins kleine Schwester geboren. Über Braunschweig und Hildesheim gelangte die Familie vom Balkan nach Ritterhude. Weil die Eltern eine Beschäftigung vorweisen konnten, stellten die Behörden eine Aufenthaltserlaubnis aus. Die sei einstweilen auf drei Jahre befristet, erzählt Eldin. Weil am Moormannskamp der Deutschförderunterricht während der Englischstunden stattfand, habe ihm die Englischnote leider den Abschluss verhagelt.

Aven hat in Deutschland eine mehr als einjährige Odyssee hinter sich. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und kam mit ihrer Familie über München, Köln und Bramsche nach Schwanewede, bis sie 2016 in Osterholz-Scharmbeck landete. Alle sechs Monate müssen die Danas ihre Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Im Oktober ziehen sie in eine größere Wohnung innerhalb der Kreisstadt um. Dieses Mal freut sich Aven auf den Neuanfang: „Da haben wir mehr Platz, und ich kann in Ruhe meine Hausarbeiten machen.“ Ansonsten sei sie aber gar nicht so der häusliche Typ. „Ich mache gerne Sport und gehe gerne raus, joggen oder auch tanzen.“

In ihrer früheren Heimat waren die Wohngegenden von Jesiden und Kurden strikt getrennt; manchmal sei sie mit ihrem Opa zum Markt gefahren, um Milch zu verkaufen. Da musste sie einen Schleier tragen, das habe sie gar nicht gemocht. „Und Hosen zu tragen, geht natürlich gar nicht.“ Während ihrer neun Schuljahre im Irak habe sie in der Schule beinahe ausschließlich Kurdisch und Englisch gelernt. „Es ist kaum zu glauben, aber dass Bagdad die Hauptstadt vom Irak ist, das habe ich erst in Deutschland erfahren.“ Als Mädchen wäre ihr Weg nach der Schulzeit vorgezeichnet gewesen: Haushalt, Familie, fertig. Auch dann, wenn sie ein Jahr länger zur Schule hätte gehen können, um den Abschluss zu machen. „Wer dann weiter lernen will, muss bezahlen.“ Dafür fehlte Familie Dana das Geld: „Mein Vater hat als Taxifahrer gearbeitet.“

Fremd im eigenen Land

In Serbien sei ein Abschluss ebenfalls nicht viel wert, nickt Eldin, der sich selbst nicht unbedingt als Serbe sieht. „Das steht so im Pass.“ Die Murics stammen aus dem Sandžak (Sandschak), einer Grenzregion zwischen Serbien und Montenegro, wo es in den 90er-Jahren zu sogenannten ethnischen Säuberungen kam. Heute gelten dort fünf Prozent als Muslime im nationalen Sinne, die ethnische Mehrheit sind Bosniaken (60 Prozent), ein Drittel sind Serben. Eldins Vater hat auf dem Bau gearbeitet, die Mutter in einer Pilzfabrik. „Sie wurde aber schlecht bezahlt und mein Vater bekam manchmal gar keinen Lohn.“

Konflikte, keine Perspektive, fremd im eigenen Land: So gehen viele Migrantengeschichten. Eldin erzählt vom Zoff seines Vaters mit dem Arbeitgeber. Und von häufiger Randale und Provokationen zwischen Christen und Moslems. Avens Schilderungen klingen regelrecht bedrohlich. Die nackte Angst habe sie aus dem kurdischen Xankê (Khanke) fortgetrieben. Ihre Familie zählt zu den Jesiden, von denen viele vor dem Islamischen Staat aus der Sindschar-Region nach Khanke geflohen sind. Doch das Verhältnis der Jesiden zur kurdischen Regionalregierung gilt seit Beginn des Sindschar-Genozids 2014 als zerrüttet: Sunnitische Kurden und Araber hatten mit dem IS zumindest zeitweise kollaboriert.

Die 19-Jährige erzählt: „In der Nachbarschaft sind damals immer wieder Mädchen verschwunden. Von einem Tag auf den anderen, und sie sind nicht wieder aufgetaucht.“ Als das einer ihrer Cousinen widerfahren sei, habe die Großmutter ihre Tochter,  Avens Mutter, angefleht, das Land zu verlassen. „Ich habe sieben Tanten und fünf Onkel, und alle sind schon vor uns nach Deutschland gegangen.“ Ihre jüngste Schwester wurde vor zwei Jahren bereits in Osterholz-Scharmbeck geboren.

Zwei Jahre lang hat Aven die Berufsbildenden Schulen besucht, jedoch den Abschluss letztlich nicht geschafft. Nach einem Bundesfreiwilligendienst als Betreuerin im Altenpflegeheim Haus am Barkhof unternimmt sie mit dem Hauptschulkursus nun einen zweiten Versuch. Außerdem büffelt sie nebenbei gerade für die Führerscheinprüfung. Noch etwas, das sie mit Eldin Muric gemeinsam hat. „Er hat vor mir angefangen, aber ich habe ihn überholt“, sagt sie, und die Freude kehrt in ihr Gesicht zurück.

Eldin lächelt die Bemerkung weg. Er hat ein zeitintensives Hobby: Er geht mit einigem Erfolg an den Wochenenden für die U 18-Mannschaft der TuSG Ritterhude auf Torejagd. „Ich habe dem Trainer gesagt, dass ich im Moment nicht zwei Mal in der Woche trainieren kann.“ Denn Schule und Fahrschule gehen vor. Mit der Schule sind werktags gut sieben Zeitstunden gemeint, freitags 5,25. Auf dem Stundenplan in der Jugendwerkstatt stehen Mathematik, Deutsch, Politik, Geografie sowie Biologie und Geschichte, aber auch praktisches Arbeiten im Holz- oder Metallbereich der Werkstatt.

Wenn es mit dem Abschluss klappt, würde Eldin Muric gerne Maler und Lackierer werden, Aven Dana kann sich eine Pflegeausbildung vorstellen. Nun sind erst einmal Herbstferien, da will Eldin einen kranken Onkel in Berlin besuchen. Aven freut sich auf die Hochzeitsfeier einer Verwandten in Wolfsburg. Im November soll es  mit allen Kursteilnehmern  eine Kennenlernwoche in der Bildungsstätte Bredbeck geben.

Weitere Informationen

Neue Serie

In einer kleinen Serie „Alles auf Anfang“ begleiten wir in loser Folge den Weg von Aven Dana und Eldin Muric, die auf dem zweiten Bildungsweg den Hauptschulabschluss machen wollen.  „Sie sind sehr zuverlässig und engagiert“, sagt Sozialarbeiterin Sophie Schmaske über die beiden Teilnehmer. Schmaske arbeitet in dem Projekt mit, das von Jobcenter und Jugendwerkstatt mit der VHS und der Bildungsstätte Bredbeck organisiert wurde. Zusammen mit ihrem Kollegen Walter Waltemathe steht die Sozialarbeiterin den Kursteilnehmern zur Seite, führt Einzel- und Gruppengespräche. Die Angebote orientieren sich dabei an der Lage der Teilnehmer. „Es geht um Berufsorientierung, Lebenswegplanung, Persönlichkeitsentwicklung“, so Schmaske. Arbeitsthemen können aber auch Gewalt, Sucht, oder Mobbing sein sowie lebenspraktische Dinge wie der Umgang mit Geld.


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Leserkommentare
Gissmo am 23.10.2019 09:36
Danke für die konstruktive Antwort, man kann sich scheinbar ja doch noch ohne Beleidigungen hier im Kommentarbereich austoben, so machts doch allen ...
RalfBlumenthal am 23.10.2019 09:28
Was macht ein Ortsamtsleiter, der seinen Willen nicht bekommt ?
Er macht nichtöffentlich, was öffentlich gehört !
So geht das nicht, Herr ...