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Figurentheater auf Gut Sandbeck
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Zauberei mit Zeitungspapier

Michael Schön 05.12.2018 0 Kommentare

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Bei "Ali Baba und die 40 Räuber" kommt der Zauber des Orients auf die Kleinkunstbühne – mit Figuren, die Thomas Hänsel (links) und Rusen Kartaloglu (rechts) wie von Zauberhand aus Zeitungspapier "heranwachsen" lassen. Heute geht das Figurentheater-Festival mit dem kleinen Eisbären und Ritter Rost weiter. (Maximilian von Lachner)

Osterholz-Scharmbeck. Je einfacher die eingesetzten Mittel, desto größer der Anspruch an die Kunst, die es für eine gelungene Inszenierung braucht. Wenn Theater nach dieser Faustformel funktioniert, dann war es ganz große Kunst, die Thomas Hänsel vom Marotte-Ensemble und Ruşen Kartaloglu von Tiyatro Diyalog beim „Spectaculum“ auf die kleine Bühne des Kunstvereins Osterholz brachten. Wer „Ali Baba und die 40 Räuber“ hört, denkt an den in den deutschen Sprachgebrauch eingegangenen Zauberspruch „Sesam öffne Dich“, und an Zauberei grenzt es auch, wie die Figurenspieler aus Karlsruhe den Protagonisten ihrer Geschichte Leben einhauchen. Ali Baba und seine redselige Fatima, der habgierige Kasim und dessen törichte Frau Güley – sie sind wie die 40 Räuber aus schnödem Zeitungspapier gefaltet. Und nicht nur das: Sie entstehen en passant im Verlauf der Vorführung, sozusagen im Handumdrehen. 

Thomas Hänsel und Ruşen Kartaloglu streiten sich, während sie – auf einer Parkbank sitzend – ihren Zeitungen, einer deutschen und einer türkischen, die Meldung vom größten je gefundenen Goldschatz entnehmen. Die Zeitungen gehen dabei in Fetzen – Stoff, aus dem nun die Figuren gemacht werden und aus dem die perfekte Illusion entsteht. Auf wunderbare Weise erwecken die Figurenspieler ihre Schöpfungen zum Leben. Es braucht dazu weder Strippen noch Requisiten, keinen Schnickschnack und keine Kostüme. Nur Fingerfertigkeit und Erzählkunst. Ganz in der Tradition der Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“ entwickelt sich ein Spiel im Spiel. Vom Dialog der Herren auf der Parkbank geht es übergangslos auf die zweite Ebene, jene um den armen Ali Baba und den Versuchungen, die ins Verderben führen, wenn man ihnen nicht widersteht.

Im Takt der Janitscharenmusik

„Ali Baba und die 40 Räuber“ ist ein höchst poetisches Werk, das seine Wirkung auf abendländische Augen und Ohren durch den orientalischen Kolorit entfaltet. Das war im voll besetzten Saal von Gut Sandbeck besonders dann zu spüren, wenn die von den Militärkapellen der Osmanen nach Europa exportierte Janitscharenmusik erklang: Stets nahmen die Schüler klatschend den Takt auf.      

Als erste Figuren wachsen Ali Baba und sein Esel aus den Händen der beiden Süddeutschen. Das heißt, Kartaloglu scheint seinen Hauptdarsteller förmlich der Zeitung zu entreißen. Hänsel kontert, indem er blitzschnell den Esel aus seiner Zeitung formt. Der Holzsammler ist im Gegensatz zu seinem Bruder ein armer Schlucker („So richtig arm!“), als er  – mit dem Packtier in der Wüste unterwegs – die 40 Räuber dabei beobachtet, wie sie sich mit der Formel „Sesam öffne Dich“ Zugang zu einem Felsentor verschaffen. Ali Babas Neugierde ist geweckt. Er entdeckt den verborgenen Schatz aus Gold, Perlen und Edelsteinen, was er seiner Frau unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut. Doch die plaudert das Geheimnis aus, und von ihrer ebenso geschwätzigen Schwägerin erfährt schließlich auch der reiche Kazim von der Höhle nahe der iranischen Stadt Nazarabat. Dunkel dräuende Dissonanzen und Lichteffekte sorgen für eine gespenstische Szenerie und düstere Vorahnungen im Publikum, als Kazim sich auf den Weg zur Höhle macht – und dort ein Opfer seiner hemmungslosen Habsucht wird. „Tomate aufmachen“, „Kichererbse öffne Dich“ – er hat die Formel vergessen, wird von den Räubern entdeckt und zerstückelt. „Voll krass!“ Die Figurenspieler wechseln immer wieder die Handlungsebene und schaffen sprachliche Kontraste zur Poesie der Märchenerzählkunst, die verblüffen und mit ihrem Witz für Brechungen in den tragischen Handlungssträngen sorgen.

Ali Baba findet den zerfetzten Bruder. So kann er ihn nicht vorzeigen, wenn er ihn nach Hause holt. Also bringt er ihn zu einem Schneider. Zusammennähen kann der ihn zwar nicht, aber zusammenkleben („wofür sich Papier ja eignet“). Auch an dieser Stelle wird der Schrecken durch den Humor konterkariert, den das Duo mit dem „Kolorit“ der Herkunft, der Mundart, verbindet. Hänsel, der frühere Ostberliner, fällt unvermittelt ins Sächsische, Kartaloglu, der türkische Wurzeln hat, hält mit kiezdeutschen Verben („Musstu“, „lassma!“)  dagegen. Überhaupt ist es die Rückblende auf die am Anfang der Aufführung stehende Alltagssituation,  das scheinbar Spielerische, die Improvisation, womit die Karlsruher der Story ihren ganz besonderen Stempel aufdrücken. 

Die Räuber vermissen nach ihrer Rückkehr zur Höhle den verstümmelten Leichnam Kazims und können von diesem Umstand auf Mitwisser schließen. Mit einer List wollen sie sich in das Haus der Trauernden einschleichen. In Ölfässern versteckt, haben sie allerdings  nicht mit Fatima und Güley gerechnet. Es gibt ein Finale im Weinkeller mit schlimmem Ende für die böse Bande. Und die moralische Schlussfolgerung, dass Gold kein Glücksbringer ist. Heute spielt das Marotte-Theater zwei Vorstellungen von „Der kleine Eisbär“ für Kinder ab drei Jahre (9.30 Uhr und 11 Uhr). Heute (16 Uhr) und morgen (9.30 Uhr und 11 Uhr)  gibt's auch „Ritter Rost – ein Musical für Kinder“ (ab drei Jahre).


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
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