Über Gott und die Welt Pastorinnen-Ehepaar sorgt mit Videoformat „Anders Amen“ für Furore

Sie sind lesbisch, miteinander verheiratet und Pastorinnen. Über das Leben auf dem Land und ihren Glauben berichten Ellen und Steffi Radtke in dem Videoformat „Anders Amen“, das im Netz Furore macht.
08.03.2020, 15:32
Lesedauer: 5 Min
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Pastorinnen-Ehepaar sorgt mit Videoformat „Anders Amen“ für Furore
Von Marc Hagedorn

Die sind ja wirklich so wie im Film. ­Ellen erzählt gerade am Wohnzimmertisch, dass sie nicht so gerne sonntags morgens zur Kirche geht. „Das ist falsch“, mischt sich Steffi ein, „du solltest sonntagsvormittags zur Kirche gehen.“ „Ich finde“, beharrt Ellen, „sonntags morgens ist keine gute Zeit dafür.“ „Doch“, sagt Steffi, „das muss so sein, man muss sich auch mal quälen.“ Ellen verdreht die Augen: „Gott ist kein quälender Gott.“ Nun ist Steffi an der Reihe und verzieht ihr Gesicht zur Schnute. Sie wendet sich ab. Als Ellen ihr über den Rücken streicht, müssen beide lachen. ­Alles gut. Willkommen im Pastorinnenhaushalt von Ellen und Steffi Radtke im Dörfchen Eime bei Hildesheim.

Die Szene, die sich beim Besuch des ­WESER-KURIER abspielt, hätte so oder so ähnlich auch in einem ihrer Videos landen können. „Anders Amen“ heißt das Format, in dem die beiden Frauen buchstäblich über Gott und die Welt reden. Immer mittwochs um 19 Uhr ist die neueste Folge bei Youtube abrufbar, seit Mitte Januar sind sie online. Bisher haben über 4500 Menschen die Sendung abonniert, der erste Teil „Spießersonntag“ ist mehr als 22.000-mal aufgerufen worden, alle anderen Folgen zwischen 5000- und 17.000-mal. „Dafür, dass wir kein Beauty machen, ist das gut, finde ich“, sagt Ellen.

Das Publikum kann Ellen, 35, und Steffi, 34, dabei zuschauen, wie sie auf dem Dorffest feiern, Konfirmanden unterrichten, Glas zum Müllcontainer bringen oder eine Kinderwunschklinik besuchen. Die beiden Frauen hätten gern ein Baby. Folge 5, Titel „Endlich schwanger“, beginnt mit einer Szene im Fahrstuhl. „Ihr kennt den Fahrstuhl“, sagt Steffi in die Kamera, „neulich stand ich hier mit Sperma. Und jetzt wieder hier: mit einem positiven Schwangerschaftstest.“

Dürfen die das? Dürfen zwei Pastorinnen reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist? Über künstliche Befruchtung? Über den Kater nach dem Dorffest? Dürfen sie sich oben im Turm ihrer Kirche küssen, so wie sie es im Trailer zur ersten Folge getan haben? Die ersten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Das ist Satire, oder?“, kommentierte ein Schreiber unter dem Beitrag. Ein anderer zitierte aus der Bibel, Buch Genesis: „Und ­Jehova ließ auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen.“ Und: „Ich flehe euch an, Buße zu tun und umzukehren.“

Doch daran verschwenden Steffi und Ellen Radtke keinen Gedanken. Sie wollen weitermachen, mindestens ein ganzes Jahr lang, haben sie sich vorgenommen. Natürlich machen sie sich Gedanken darüber, wie sie mit Kritik und Anfeindungen umgehen sollen. Nicht ­alles lesen, nicht alles zu Herzen nehmen. Auch der Zuspruch, den sie bekommen, hilft. „Ihr seid die coolsten Pastorinnen Deutschlands“, schreiben ihnen Zuschauer. Und: „Es macht einem echt Freude, eure Videos zu sehen.“ Oder schlicht: „DANKE“ mit ganz vielen Herzchen. Die Fans sind gegenüber den Hassern deutlich in der Überzahl.

Die beiden Pastorinnen nehmen die positiven Reaktionen als Beweis dafür, dass sie ihre Themen und ihre Zielgruppe richtig gewählt haben. Sie wollen junge Menschen in den Zwanzigern ansprechen, Menschen, deren ­Lebensentwürfe von der Norm abweichen, die queer sind, wie man heute sagt. Als lesbisches Paar sind sie glaubhafte Vertreter dafür.

Landeskirche lässt sie machen

Nach Ausstrahlung der zweiten Folge, Titel „Sperma im Fahrstuhl – Kinderwunsch“, schrieben ihnen Dutzende Menschen, wie sehr sie das Thema beschäftigt. „Jedes siebte Paar in Deutschland hätte gern Kinder, kann aber keine kriegen“, sagt Ellen. Dazu gibt es Schätzungen, dass jede dritte schwangere Frau innerhalb der ersten zwölf Wochen schon einmal eine Fehlgeburt gehabt hat. ­Darüber gesprochen wird nur wenig. Also tun Steffi und Ellen es. „Das ist ein großes seelsorgerisches Feld“, sagt Ellen.

Ihre Landeskirche lässt sie machen. Das werten die beiden Frauen als Vertrauensbeweis „Das freut uns“, sagt Ellen. Wäre es anders, würden sie sich allerdings auch wehren. Ihr Konzept funktioniert nur so, wie sie es machen, mit freier Hand. „Wir schicken doch auch unsere Predigtentwürfe für die Gottesdienste nicht zur Abnahme“, sagt Steffi, „wir kommen mit ,Anders Amen‘ unserem Verkündungsauftrag nach.“ Nur eben nicht in der ­Kirche und von der Kanzel herab, sondern im Internet.

Vieles in ihren Videos ist frech und spontan, „wir sind, was ihr seht“, sagt Steffi. „Heute sprechen wir über Sperma“, ist ein Satz, den sie wie selbstverständlich sagt. Es gibt kein Drehbuch, keine gestellten Szenen. Die Kamera läuft, Ellen und Steffi schnacken, sie verhaspeln sich, aber das macht nichts. Wenn sie 25 Minuten Rohmaterial zusammenhaben, schicken sie den Stoff „zum besten Multimedia-Volontär der Welt“, wie sie ihn nennen. Er sorgt für den Sound und den Schnitt, der den Sehgewohnheiten der Zielgruppe angepasst ist. Der angehende Redakteur sitzt in Hannover beim Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen-Bremen, der die meist zehnminütigen Sendungen produziert.

Zwischen Spontaneität, Freiheit und möglichen Grenzen

Bei aller Spontaneität und Freiheit, die sich Ellen und Steffi Radtke nehmen, loten sie manche Grenze aber doch lieber vorher aus. Sie reden darüber, wie weit sie gehen wollen. Zeigen sie Ellen, wie sie sich im Auto auf dem Parkplatz beim Arzt eine Hormonspritze setzt? Filmen sie Dorfpastorin Steffi, wie sie nach der Kohltour verkatert auf dem Sofa liegt? Zweimal lautete ihre Entscheidung: Ja, machen wir. Schließlich gehört das Spritzen zur Behandlung dazu. Und dass Steffi am Vorabend auf der Feier etwas getrunken hat, haben die Gäste sowieso mitgekriegt, also erfährt es ja ohnehin jeder im Dorf.

Die Radtkes wohnen in einem Mehrfamilienhaus in einer typischen Siedlung auf dem Land. Ein paar Meter hinter ihrem Garten breiten sich Felder, Wiesen und sanfte Hügel aus, freier Blick, soweit das Auge reicht. Für den Besuch aus Bremen gibt es Kaffee, Tee und Gebäck. Rund 2500 Einwohner hat Eime, 1800 davon sind Gemeindemitglieder. Wie lebt es sich hier als lesbisches Pastorinnenpaar? Ellen, die in Hannover bei der Landeskirche arbeitet, und Steffi sagen, dass sie sich sehr wohlfühlen. Sie werden als Paar regelmäßig zu Feiern eingeladen. Steffi hat die Jugendarbeit im Ort neu belebt. Die Gottesdienste sind ordentlich besucht.

Natürlich waren viele im Dorf anfangs neugierig: Wie sind die wohl so, die Neuen? „Aber unsere Erfahrung ist“, sagt Steffi, „es kommt den Leuten darauf an, mit wie viel Bock man seinen Job macht und nicht, mit wem man das Bett teilt.“ So sei das, sagt sie, auch schon auf ihrer vorherigen Station weit draußen in ­Brandenburg gewesen.

Obwohl Steffi aus Berlin kommt und Ellen Berlin liebt, sind sie in der Provinz angekommen. Wie gut? So gut: In einer Folge bringen sie Altglas zum Container. „Zwischen 13 und 15 Uhr wird aufm Dorf kein Glas mehr weggebracht“, erklärt Steffi. Also werfen sie die erste Flasche wann ein? Richtig, nach 15 Uhr. Um 15.06 Uhr, um ganz genau zu sein.

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