Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg: Für die Diagnose von Tumorerkrankungen entscheidend Pathologie ist vor allem Teamarbeit

Rotenburg. Jemand wie Karl-Friedrich Boerne, exzentrischer Pathologe in den Münsteraner Tatort-Folgen, ist nicht zu sehen, und an aufgebahrten Leichen schneidet hier auch niemand herum. Das liegt daran, dass es zwischen der Pathologie im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg und der Krimi-Variante einen entscheidenden Unterschied gibt.
24.01.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Pathologie ist vor allem Teamarbeit
Von Andreas D. Becker

Jemand wie Karl-Friedrich Boerne, exzentrischer Pathologe in den Münsteraner Tatort-Folgen, ist nicht zu sehen, und an aufgebahrten Leichen schneidet hier auch niemand herum. Das liegt daran, dass es zwischen der Pathologie im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg und der Krimi-Variante einen entscheidenden Unterschied gibt. Boerne und seine Fernsehkollegen sind Forensische Pathologen.

Chefärztin Iris Bittmann ist hingegen Klinische Pathologin und untersucht Proben. In ihrem Büro stehen mehrere Mikroskope. Typisch für ihre Arbeit und die ihrer Mitarbeiter ist, krankhaftes Gewebe zu betrachten und zu analysieren. Als Beispiel zeigt sie auf einem Computermonitor die Gewebeaufnahme einer chronischen Lungenerkrankung. An den Wänden im Flur sind Fotos krankhafter Gewebeproben in unterschiedlicher Vergrößerung zu betrachten, die fremdartig und künstlerisch gleichermaßen aussehen.

Einen großen Teil der Arbeit in der Pathologie macht die Diagnose von Tumorerkrankungen aus. „Pro Jahr erkranken in Deutschland rund eine halbe Million Menschen an Krebs, und fast jeder Fall wird durch die Arbeit eines Pathologen diagnostiziert“, sagt die Chefärztin. Einen direkten Kontakt zu den Patienten gibt es hingegen in der Regel nicht.

Bei der Diagnose kommt beispielsweise ein Leberfleck als kleine Probe ins Labor. Falls es sich um einen Tumor handelt, wird er beurteilt, ob es sich um eine gut- oder bösartige Veränderung handelt. Am Mikroskop bestimmen die Pathologen die Beschaffenheit des Tumors, vor allem das Wachstumstempo. „Es kommt darauf an, ob der Tumor bestimmte genetische Eigenschaften hat, die ihn bösartig machen“, so Iris Bittmann. Anschließend trifft der Pathologe gemeinsam mit Kollegen anderer medizinischer Fachbereiche Aussagen zur Therapie. Unter anderem geht es um die Frage, ob eine Chemotherapie eingesetzt wird, oder ob eine Operation oder Bestrahlung angebracht sind. Ein Tumor, so die Chefärztin, zeichne sich durch ungebremstes Wachstum ohne Absterben der Zellen aus. „Da muss man Blockaden einbringen, damit der Krebs abstirbt“, sagt sie.

Bei der Untersuchung der Proben am Mikroskop setzen die Pathologen meist eine 25- bis 1000-fache Vergrößerung ein. Dem geht eine wichtige Vorbereitung voraus. Die Probe wird in Paraffin fixiert – das hat den Vorteil, dass sie hauchdünn geschnitten werden kann. Außerdem lässt sie sich so auf einen Objektträger aufbringen und färben. „Erst dadurch kann der Arzt Strukturen und Zellkerne erkennen“, erklärt Iris Bittmann. Ein weiterer Vorzug der Paraffinbehandlung: Die Probe kann aufbewahrt werden, in der Regel werden sie 15 Jahre lang archiviert, da viele Patienten heutzutage auch mit einer Krebserkrankung lange leben.

Neben der Diagnose bei Tumoren sind Pathologen häufig bei Magenverstimmungen und Infektionen im Einsatz, außerdem bei Lungen- und Autoimmunerkrankungen sowie Rheuma. Um bei den häufig ganz unterschiedlichen Krankheiten eine fundierte Diagnose abliefern zu können, müssen Pathologen „hochspezialisierte Allgemeinmediziner“ sein, wie Iris Bittmann sich selbst beschreibt.

Im pathologischen Institut arbeiten sechs Ärzte, davon vier Fachärzte, sowie ein Biologe und ein Naturwissenschaftler. Insgesamt sind im Institut 30 Mitarbeiter eingesetzt. „Das ist eine sehr kommunikative und teamorientierte Arbeit, weil alles ineinander greift“, sagt die Chefärztin. Historisch gesehen sei die Pathologie eine alte Disziplin, die allerdings erst mit der Erfindung des Mikroskops ihre Entwicklung genommen habe. „Die Arbeit ist sehr analytisch, weil man viele unterschiedliche Puzzlesteinchen zusammenfügen muss“, sagt Iris Bettmann. Knapp 40000 Patientenfälle werden pro Jahr analysiert.

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