Interview zum Fall Högel Patientenschützer Herbert Möller: „Nirgendwo hat es ein Mörder so leicht wie im Krankenhaus“

Wie konnte der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel über Jahre Patienten töten? Patientenschützer Herbert Möller spricht im Interview über die Lehren aus dem Fall Högel und das Zögern der Politik.
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Patientenschützer Herbert Möller: „Nirgendwo hat es ein Mörder so leicht wie im Krankenhaus“
Von Nico Schnurr

Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel soll zwischen 2000 bis 2005 mehr als hundert Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. Wie konnte das passieren?

Herbert Möller: Das ist ein dramatischer Fall, der alle Dimensionen sprengt. Möglich war das nur, weil in beiden Kliniken eine Kultur des Hinschauens fehlte.

Wie meinen Sie das?

Es wurde weggesehen und verdrängt. Kollegen und Vorgesetzte schöpften mehrfach Verdacht, aber niemand schritt ein. Es ist erschreckend, wie lange Niels Högel ungehindert töten konnte.

Warum griff niemand ein?

Unter Krankenpflegern, in einem eingespielten Team, gehört es dazu, sich gegenseitig zu vertrauen. Es liegt eigentlich außerhalb der Vorstellungskraft, dass der Kollege, der sich für die Gesundheit der Patienten einsetzt, etwas tut, was diese Menschen gefährdet.

Der Tatort Klinik verhindert, dass schnell Alarm geschlagen wird?

Nirgendwo hat es ein Mörder so leicht wie im Krankenhaus. Auf den Stationen gehören Sterben und Tod zum Alltag. Auch die Methoden eines Täters, etwa das Spritzen von Medikamenten, sind von außen betrachtet normale Vorgänge. Das hilft einem Täter, seine Morde zu verbergen, und es trägt dazu bei, dass Warnzeichen oft übersehen werden.

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Nach allem, was im Fall Högel bekannt ist, wurden die Hinweise in den Krankenhäusern aber nicht bloß übersehen.

Es wurde wohl auch aktiv verdrängt. In Oldenburg hat Niels Högel noch ein gutes Zeugnis bekommen, als längst klar war, dass etwas nicht stimmt. Da ging es auch um das Ansehen und den Ruf der Klinik.

Beim Prozessauftakt schilderte Högel, dass er unter den Umständen auf den Stationen gelitten habe. Er sprach von Personalmangel und Leistungsdruck.

Die Personalsituation in den deutschen Krankenhäusern ist angespannt, insbesondere in der Pflege. Der Druck ist enorm. Eine wirtschaftlich angespannte Lage macht aber noch keinen Mörder. Hier müssen immer noch niedere Motive hinzukommen. Zum Problem kann der Personalmangel dann aber dennoch werden.

Inwiefern?

Den Kollegen bleibt kaum Zeit, nach links und rechts zu schauen. Dabei ist gerade das wichtig, um zu spüren, ob ein Pfleger in Zynismus verfällt und die Sprache auf einer Abteilung verroht.

Was halten Sie davon, Pfleger auf Intensivstationen immer mal wieder auszutauschen, damit so eine Verrohung gar nicht erst einsetzt?

Damit würde man der Pflege ein wichtiges Gut rauben. Die Erfahrung ginge auf den Stationen verloren, wenn die Krankenpfleger ständig wechseln würden. Wichtiger wäre eine Personalpolitik, die es erlaubt, sich Zeit zu nehmen und wachsam zu sein. Dann wird auch bemerkt, wenn Pflegekräfte ausgelaugt sind oder hinter vorgehaltener Hand Spitznamen über jemanden kursieren.

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Die Kollegen nannten Högel „Rettungsrambo“ und raunten über „den Niels und seinen schwarzen Schatten“. Wie kommt es, dass sie ihren Verdacht dennoch nicht gemeldet haben?

Das ist auch eine Frage der Haltung. In vielen Kliniken herrscht kein Klima, in dem man über Fehler sprechen oder einen Zweifel äußern kann, ohne dass der verdächtigte Kollege sofort stigmatisiert wird oder der Kollege, der Bedenken benennt, im Team als Denunziant gilt.

In Niedersachsen wird deswegen nun ein anonymes Fehlermeldesystem eingeführt.

Dass Mitarbeiter künftig anonym Auffälligkeiten im Krankenhausbetrieb melden können, ist gut. Aber das Gesetz greift viel zu kurz. Auch Patienten und Angehörige müssen sich an jemanden wenden können, wenn ihnen etwas komisch vorkommt in einer Klinik.

An wen sollen sie sich wenden?

Es muss eine unabhängige, externe Stelle für anonyme Hinweise geben. Das können Anwälte oder Seelsorger sein.

Sie trauen das den Kliniken allein nicht zu?

Darum geht es nicht. Es geht darum, Schlüsse aus dem Fall Högel zu ziehen. Ein externes Whistleblower-System wäre so etwas.

In Högels Schichten steigerte sich der Verbrauch von Medikamenten wie dem Herzmittel Gilurytmal um ein Vielfaches. Hätte das nicht schon Anlass genug sein müssen, genauer hinzuschauen?

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Natürlich, aber es zeigt auch, dass wir dringend eine digitale Medikamentenüberwachung brauchen. Wenn der Weg des Medikaments von der Krankenhausapotheke zum Patienten digital begleitet wird, dann wird ein möglicher Missbrauch schneller deutlich. Aber ich sehe da, genau wie bei der flächendeckenden amtsärztlichen Leichenschau, zu wenig Anstrengungen in der Politik.

Nimmt die Politik den Fall und seine Folgen ernst?

Der Fall Högel kratzt am Vertrauen der Menschen in die Krankenhäuser. Und ich habe nicht das Gefühl, dass die Politik das ernst genug nimmt. Gerade vom Bund erwarte ich mehr. Gesundheitsminister Jens Spahn muss endlich handeln. Die Sicherheit eines Patienten darf nicht davon abhängen, in welchem Bundesland er behandelt wird. Wenn nur Niedersachsen bereit ist, ein bisschen aus dem Fall zu lernen, haben wir ein Problem.

Weil sich der Fall Högel dann wiederholen könnte?

Die Dimension, mit der wir es im Fall Högel zu tun haben, ist einzigartig. Aber natürlich kann es jederzeit wieder passieren, dass jemand aus einem Klinikteam versucht, Patienten zu töten.

Das ist keine beruhigende Prognose.

Gerade deswegen muss doch klar sein: Es braucht eine Kultur des Hinschauens. Es muss selbstverständlich und erlaubt sein, im Klinikalltag Auffälligkeiten offen anzusprechen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Herbert Möller

ist Referent für Gesundheits- und Pflegepolitik im Berliner Büro der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Die Organisation vertritt die Interessen von pflegebedürftigen und sterbenden Menschen.

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