Worpsweder Künstlerhäuser IX: Der Brünjeshof war später auch Lebens- und Schaffensort von Carl Emil Uphoff Paula liebte das Lilienatelier

Worpswede. Der Brünjeshof in Worpswede ist ein kunstträchtiges Haus. Durch die "Briefe und Tagebuchblätter" Paula Modersohn-Beckers, die erstmals 1917 von Sophie Dorothee Gallwitz herausgegeben wurden, wurde das alte Bauernhaus über das Künstlerdorf hinaus bekannt. Im Jahr 1900 bezog die Malerin Paula Becker dort einen Raum, in dem sie lebte und arbeitete. Auch nach ihrer Eheschließung mit Otto Modersohn blieb ihr das Atelier erhalten, das zum Rückzugsort für sie wurde. 1911 zogen der Maler und Schriftsteller Carl Emil Uphoff und seine erste Frau Luise in den ehemaligen Brünjeshof. Heute lebt sein Enkel Philipp Uphoff mit Familie in dem denkmalgeschützten Haus.
15.04.2011, 05:00
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Von Gudrun Scabell

Worpswede. Der Brünjeshof in Worpswede ist ein kunstträchtiges Haus. Durch die "Briefe und Tagebuchblätter" Paula Modersohn-Beckers, die erstmals 1917 von Sophie Dorothee Gallwitz herausgegeben wurden, wurde das alte Bauernhaus über das Künstlerdorf hinaus bekannt. Im Jahr 1900 bezog die Malerin Paula Becker dort einen Raum, in dem sie lebte und arbeitete. Auch nach ihrer Eheschließung mit Otto Modersohn blieb ihr das Atelier erhalten, das zum Rückzugsort für sie wurde. 1911 zogen der Maler und Schriftsteller Carl Emil Uphoff und seine erste Frau Luise in den ehemaligen Brünjeshof. Heute lebt sein Enkel Philipp Uphoff mit Familie in dem denkmalgeschützten Haus.

Um 1832 bauten die Eheleute Hinrich und Metta Otten ihr erstes Haus in Ostendorf Nummer 41, das irgendwann abgerissen wurde. 1852 errichteten Johann Otten und seine Frau Anna ein neues Haus. Diese Hofstelle kaufte das Ehepaar Brünjes 1889 und übernahm gleichzeitig die beträchtlichen Schulden, die noch darauf lasteten. Ab Sommer 1900 vermietete Bauer Brünjes den zur Straßenseite gelegenen kleinen Raum an Paula Becker. Die junge Malerin, gerade von ihrer ersten Parisreise zurückgekehrt, schrieb am 2. Juli des Jahres in ihr Tagebuch: "Ich wohne jetzt bei Brünjes in Ostendorf, schön in der Stille." Schon in Paris war ihr der Gedanke gekommen, ihr Atelier in Worpswede zu wechseln.

Der Umzug nach Ostendorf sollte sich als Glücksfall erweisen, denn Paula Modersohn-Becker liebte dieses "Stübchen", wie sie es manchmal nannte. Bereits einige Wochen nach ihrem Einzug besuchte sie dort der Dichter Rainer Maria Rilke, für den das Zimmer zum "Lilienatelier" wurde. Diese poesievolle Umschreibung mag auf einen Wandbehang mit stilisierten Lilien zurückgehen, der den Raum schmückte. Der Dichter war im Spätsommer 1900 zu Gast auf dem Barkenhoff von Heinrich Vogeler und hatte während der geselligen Zusammenkünfte im Weißen Saal des Hauses auch die Künstlerinnen Paula Becker und Clara Westhoff kennengelernt.

Im Mai 1901 heiratete die junge Paula Becker den arrivierten Landschaftsmaler Otto Modersohn. Die kleine Familie, zu der auch Elsbeth, Modersohns Tochter aus erster Ehe, gehörte, lebte im Haus in der heutigen Hembergstraße. Aber ihr geliebtes Brünjesatelier hatte Paula sich ausbedungen. Dorthin zog sie sich zum Arbeiten zurück. Damit es in ihrem Stübchen heller wurde, ließ ihr Ehemann Otto ein so genanntes Oberlicht ins Strohdach einbauen.

In Ostendorf, in ihrem kleinen Atelier, entstand ein Großteil des zu Lebzeiten kaum gewürdigten Werks von Paula Modersohn-Becker. Es zeichnete sich durch eine bis dahin nicht gekannte malerische Kühnheit aus - eine Erkenntnis, die in der Kunstwelt erst nach dem frühen Tod der Malerin zu reifen begann. Im Juli 1902 schrieb sie voller Zuversicht an ihre Mutter: "Ich werde etwas. Es ist eine Studie von Elsbeth, die ich gemacht habe. Sie steht in Brünjes' Apfelgarten, und neben ihr steht die große blühende Staude eines Fingerhutes. An dieser Arbeit ist meine Gestaltungskraft gewachsen."

War ihr Mann Otto auf Reisen wie im April 1904, zog sie wieder ganz nach Ostendorf ins Atelier und "spielte Paula Becker", wie sie in einem Brief an ihre Schwester Milly schrieb. Umgekehrt war es ebenso: Weilte Paula in Paris, war es Otto, der manchmal ihr kleines Refugium in Ostendorf aufsuchte. Dies tat er meistens, um der Bitte seiner Frau nachzukommen, ihr den einen oder anderen Gegenstand aus dem Atelier in Richtung Paris auf dem Postweg zu schicken. So hatte Otto Modersohn dann auch die Möglichkeit, einen Blick auf ihre Bilder zu werfen, die in einer Kammer nebenan lagerten. Und so manches Mal kam er aus dem Staunen nicht heraus.

Im Allgemeinen zeigte die Künstlerin niemandem ihre Bilder, auch nicht ihrem Ehe-mann. Als Rainer Maria Rilke Weihnachten 1905 bei seiner Frau Clara und Tochter Ruth in Worpswede weilte, besuchte er auch Paula Modersohn-Becker im Lilienatelier. Vermutlich, um das Porträt seiner Frau Clara in Augenschein zu nehmen, an dem die Malerin zu diesem Zeitpunkt arbeitete.

Während des Besuchs nahm der Dichter erstmals das Besondere und die ganz eigenständige Entwicklung ihrer Malerei wahr. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod, im April 1907, schrieb Paula an den Dichterfreund: "Ich sitze wieder in meinem kleinen Atelier bei Brünjes mit den grünen Wänden und unten hellblau. Dies ist für mich die liebste Stube aus meinem ganzen Leben." Im November desselben Jahres starb sie nach der Geburt ihrer Tochter. Die Freundin und Bildhauerin Clara Westhoff bezog nach ihr das Atelier.

Im Jahr 1910 kam der Künstler Carl Emil Uphoff auf Einladung Heinrich Vogelers nach Worpswede und ließ sich ein Jahr später mit seiner ersten Frau Luise, geborene Damköhler, im Dorf am Weyerberg nieder. Das Ehepaar bezog den ehemaligen Brünjeshof, den die Schwiegermutter Uphoffs, eine Apothekerwitwe aus Bremen, im Jahr 1913 für 13000 Mark von Meta Brünjes erwarb. Das alte Fachwerkhaus, das sie ausbauen und modernisieren ließ, stellte sie den jungen Eheleuten zur Verfügung. Die Umbaumaßnahmen beinhalteten auch den Einbau einer Zentralheizung.

1917 wurden Haus und Grundstück auf Carl Emil Uphoff überschrieben. Seine erste Frau Luise starb 1920 nach der Geburt des zweiten Kindes. 1923 kam seine zweite Frau Margot nach Worpswede, die er in Berlin bei einem Freund kennen gelernt hatte. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Sie und ihre Nachfahren leben zum Teil heute noch im Künstlerdorf am Weyerberg.

Carl Emil Uphoff, 1885 in Witten an der Ruhr geboren, war Maler und Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller. Er kam aus verarmten kleinbürgerlichen Verhältnissen, absolvierte eine Handelslehre und beschäftigte sich autodidaktisch mit Malerei und Dichtung. Früh schon träumte Uphoff von einer Künstlerkarriere. 1907 mietete er in Hagen beim Gründer des Folkwang-Museums, Karl Ernst Osthaus, ein Atelier. Möglicherweise war dort der Maler Christian Rohlfs sein Lehrer, was sich aber nicht bis ins Letzte belegen lässt.

Von Hagen aus ging Uphoff nach Paris, in die Stadt der künstlerischen Moderne. Dort studierte er für kurze Zeit an der Académie Matisse. Doch richtete er seine künstlerischen Ambitionen ab 1911 ausschließlich auf Worpswede aus. Noch im selben Jahr wurde im Naturtheater des Barkenhoffs seine antike Tragödie "Potiphar" in Anwesenheit des Berliner Regisseur Max Reinhardt aufgeführt.

In seiner Kunst sei Uphoff zeitlebens ein Suchender gewesen, äußerte der Kunsthistoriker Bernd Küster einmal über den Maler. Politischen Bewegungen gegenüber war der Künstler opportun: In den Revolutionstagen der Jahre 1918/19 agierte er als glühender Redner vor der Bremer Arbeiterschaft,; nach 1933 wurde er einer der entschiedensten Nationalsozialisten im Dorf. Sein ehemaliger Freund Heinrich Vogeler sah in ihm einen Menschen, der "sich eine Lebensphilosophie zusammengeschustert" habe, die für jeden Fall zu gebrauchen sei.

1920 war Uphoff Mitbegründer der Werkgemeinschaft Worpswede, die exklusive Grafikeditionen produzierte. Sie fanden nur wenige Käufer, so dass das Unternehmen bald eingestellt wurde. Mit seinem Grundstücksnachbarn, dem Bildhauer Bernhard Hoetger, verband Carl Emil Uphoff eine enge Freundschaft. In den Jahren nach 1910 gestalteten beide Künstler ihre weitläufigen Gärten und errichteten 1918 gemeinsam über die Grundstücksgrenze hinweg einen Atelierbau, der jedem zu seiner Seite hin einen großzügigen Arbeitsraum bot. In den ersten Jahren hatte Uphoff das Lilienatelier Paulas genutzt. Er war ein Künstler, der sich auch für jüngere Kollegen einsetzte und deren Bilder in der Diele seines Hauses ausstellte. Ebenso lud der Künstler zu Konzerten mit namhaften Musikern auf den Brünjeshof ein.

Die Anlage eines Gartens wurde bereits erwähnt. Vermutlich inspirierte die Nachbarschaft Hoetgers den Maler und Grafiker Uphoff, sich verstärkt der Gartenarchitektur und der Bildhauerei zu widmen - und beides miteinander zu verknüpfen. So hatte eine monumentale weibliche Skulptur aus Ziegeln und Mörtel ihren Platz in der Nähe des Hauses, sozusagen am Beginn der Gartenachse, die sich nach Osten hin erstreckte. Diese, auch "Eva" genannte expressionistisch anmutende Figur gilt heute als verschollen.

Möglicherweise hat Uphoff sie selbst zerstört, aus Angst vor Repressalien. Denn während der Zeit des Nationalsozialismus war der Künstler eine zutiefst ambivalente Persönlichkeit: Einerseits befand er als Ortswart der NS-Organisation "Kraft durch Freude" in Worpswede darüber, welche Kunst als "entartet" galt. Andererseits wurden unter diesem Verdikt auch Werke von ihm selbst aus öffentlichen Sammlungen entfernt.

Ein 1945 durch einen Schornsteinbrand verursachtes Feuer ließ vom alten Brünjeshof nur noch die Grundmauern übrig. Am Ostgiebel des neu erbauten Hauses ist dieses Ereignis vermerkt, ebenso wie die Jahre des Wiederaufbaus: 1947 bis 1951. Carl Emil Uphoff und seine Frau zogen da-nach nicht wieder in das Haus ein. Sie wohnten die letzten beiden Jahrzehnte im Atelierbau.

Im Jahre 1990 übernahmen die Enkel Sabine und Philipp Uphoff den Hof von der Erbengemeinschaft. Heute lebt Sabine Uphoff im Atelierhaus und Philipp Uphoff mit seiner Familie unter dem Schutz des Reetdaches.

Dort, auf der großen Diele, mutet heute noch alles an wie zu Zeiten des Großvaters: Bilder von ihm hängen an den Wänden, Skulpturen von ihm sind im Raum verteilt. Auch das Mobiliar ist noch original und vermittelt eine unverwechselbare Atmosphäre. Zudem sind auf dem gesamten Grundstück bildhauerische Arbeiten platziert. Manchmal meint der Besucher, dass die Zeit stehen geblieben ist, denn behutsam gehen die heutigen Bewohner des Brünjeshofes mit den aus der Familie überkommenen Dingen um. Zumal das Atelier Paula Modersohn-Beckers wieder zum Leben erweckt wurde. Philipp Uphoff und seine Frau Iulia Erythropel haben es als Ferienwohnung liebevoll eingerichtet und gestaltet, "mit den grünen Wänden und unten hellblau".

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