Auch Höfe in Niedersachsen betroffen PCB in Hühnerfutter: Lackabsplitterungen als Ursache

In Niedersachsen sind 27 Hühnerhöfe wegen verseuchten Futtermittels gesperrt worden. Lackabsplitterungen, die in das Futter gelangten, scheinen die Ursache für die Verunreinigung zu sein.
15.11.2018, 12:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Jürgen Hinrichs

Alarm unter den Geflügelzüchtern und Eierproduzenten in Niedersachsen: Weil eine große Menge Tierfutter mutmaßlich mit einem krebserregenden Stoff verseucht gewesen ist, hat das Landwirtschaftsministerium in Hannover 27 Betriebe vorsorglich geschlossen, darunter welche in den Landkreisen Oldenburg, Diepholz und Rotenburg.

Das wurde am Donnerstag bekannt. In vier Fällen ist die Sperre wieder aufgehoben worden, weil sich der Verdacht als unbegründet erwiesen hat. Bei einem Betrieb mit 4000 Puten aus dem Landkreis Nienburg steht dagegen bereits fest, dass das Futter kontaminiert war. Die Tiere dürfen deshalb nicht mehr als Lebensmittel verkauft werden.

Das Gift ist nach Darstellung des Ministeriums beim Verladen ins Futter gelangt. Der Hersteller, das Unternehmen Agravis mit Sitz in Münster und Hannover, hat das mittlerweile bestätigt. Demnach ist in einer Niederlassung im ostwestfälischen Minden in den Zellen, durch die das Futter aus den Silos auf die Lastwagen rieselt, Lack abgesplittert.

Abgeblättert wie an einem alten Gartenzaun

Die Anstriche seien uralt und enthielten ein PCB-Gemisch, sagte nach NDR-Angaben eine Sprecherin des Landeskontrollzentrums in Nordrhein-Westfalen. Die Farbe sei abgeblättert wie an einem alten Gartenzaun. PCB (Polychlorierte Biphenyle), das im menschlichen Körper nur schwer abbaubar ist, dürfe seit den 1980er-Jahren nicht mehr hergestellt und verwendet werden.

„Das Futter wurde gesperrt und bereits ausgelieferte Ware ausgetauscht“, teilte die Agravis Raiffeisen AG mit. Man bedauere den Vorfall und habe Maßnahmen ergriffen, um Ähnliches in Zukunft zu vermeiden. Die betroffenen Verladezellen würden derzeit nicht genutzt und von einem Gutachter untersucht. „Eine schnellstmögliche Sanierung wird vorbereitet“, hieß es weiter. Betroffen sei allerdings nur ein geringer Teil der Gesamtproduktion am Standort: „Wir reden über weniger als ein Fünftel einer Tagesproduktion“, sagte der Sprecher.

An die Betriebe in Niedersachsen sind von Agravis insgesamt 290 Tonnen ausgeliefert worden. Vereinzelt gab es auch Transporte nach Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Am stärksten betroffen ist die Geflügelwirtschaft in Nordrhein-Westfalen.

Dort seien 41 Höfe gesperrt worden, teilte das zuständige Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) mit. Per detektivischer Kleinarbeit verfolge man die Lieferwege des Futters und sei damit beschäftigt, bei den betroffenen Betrieben Proben zu entnehmen, so das Lanuv.

Ins Rollen gebracht hatten den Fall Veterinäre im Landkreis Paderborn, die bei Routine-Kontrollen in einem Mastbetrieb einen auffälligen Fund machten: Bei einer Geflügelfleisch-Probe stellten sie zu hohe PCB-Werte fest. Als sich nach Recherchen der Behörden herausstellte, dass die Quelle für die Belastung mehrere Hundert Tonnen Futtermittel des Herstellers Agravis sind, war klar, dass auch andere Höfe betroffen sein müssen.

Die Veterinäre sahen den Ernst der Lage, beschwichtigten aber gleichzeitig: Die festgestellten PCB-Werte bewegten sich im Nanogrammbereich. Das entspreche in etwa einem Stück Würfelzucker im Bodensee. Auch die anderen beteiligten Behörden beteuern, dass es keine akute Gesundheitsgefahren gebe.

Weitere Betriebe nachgemeldet

Niedersachsen wurde nach Angaben von Agrarministerin Barbara Otte-Kinast am 2. November von Nordrhein-Westfalen über den Fund informiert. Sieben Tage später hätten die Behörden aus dem Nachbarland weitere Betriebe nachgemeldet, die von Agravis beliefert wurden. „Dadurch hat sich die Zahl der insgesamt betroffenen Betriebe in Niedersachsen deutlich erhöht“, sagte die Ministerin. Otte-Kinast informierte am Donnerstag im Landtag in Hannover über den Fall.

Der Grünen-Abgeordnete und ehemalige Agrarminister Christian Meyer bezeichnete die Vorgänge um Agravis als „einen der größten überregionalen Futtermittelskandale der letzten Jahre“. Kein Mensch wisse, wie lange die Kontamination der Futtermittel bereits anhalte und wie viele belastete Lebensmittel in den Verkauf gelangt sind oder schon verzehrt wurden. „Wir hätten von der Ministerin erwartet, dass sie früher und entschlossen über die nun bekannt gewordenen Gefahren informiert“, so Meyer.

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Im Gespräch mit dem WESER-KURIER forderte der Fraktionsvize, Eier und Fleisch auch aus jenen Betrieben aus dem Handel zu nehmen, bei denen noch nicht klar ist, ob sie vergiftetes Futter eingesetzt haben. „Die Eier tragen Codes, da ist das einfach, beim Fleisch muss man Stichproben nehmen.“

Bei einem begründeten Zweifel müsse die Ware zurückgerufen werden: „Verbraucherschutz geht vor.“ Meyer forderte Agravis auf, für alle Schäden aufzukommen, auch bei den Landwirten, und sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen.

Die FDP meldete Zweifel an der geschilderten Ursache an und forderte wie Meyer, dass an den betroffenen Betrieben kein Schaden hängen bleiben dürfe. Notwendig sei eine „schonungslose Aufklärung“. SPD, CDU und AfD verteidigten die Agrarministerin und ihre Behörde. Sie habe zeitnah und umfassend unterrichtet und gehandelt.

++ Dieser Artikel wurde um 21.31 Uhr aktualisiert. ++

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