Inga Rumpf erfindet an der Seite von vier BAP-Musikern ihre Songs aus fünf Jahrzehnten überzeugend neu Perfekte Frischzellenkur für alte Hits

BAP in Rumpfbesetzung? Das ist sicherlich nicht das Ziel von Inga Rumpf und den vier Instrumentalisten der Kölner Band, die sich für eine Tournee zusammengetan haben. Das Konzert in der annähend ausverkauften Worpsweder Music Hall zeigt: Sängerin und Band befruchten sich gegenseitig. Die Klassiker aus Rumpfs Zeiten bei Gruppen wie Frumpy und Atlantis jedenfalls klangen selten so frisch und dynamisch wie an diesem Abend.
14.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

BAP in Rumpfbesetzung? Das ist sicherlich nicht das Ziel von Inga Rumpf und den vier Instrumentalisten der Kölner Band, die sich für eine Tournee zusammengetan haben. Das Konzert in der annähend ausverkauften Worpsweder Music Hall zeigt: Sängerin und Band befruchten sich gegenseitig. Die Klassiker aus Rumpfs Zeiten bei Gruppen wie Frumpy und Atlantis jedenfalls klangen selten so frisch und dynamisch wie an diesem Abend.

Die Konstellation verlangt nach Erklärung: Wie kommt es dazu, dass Inga Rumpf sozusagen an Wolfgang Niedeckens Stelle tritt und mit den übrigen vier Musikern von dessen Band BAP auf Tour geht? Die Idee dazu wurde in der Region geboren: Bei einer Radio Bremen-Gala zum Geburtstag der Kultsendung Beat Club lernten sich die Akteure im vergangenen Jahr kennen und verstanden sich bestens.

Aktuell stellt Niedecken gerade den zweiten Teil seiner Autobiografie auf der Frankfurter Buchmesse vor, zuvor hat er sein drittes Solo-Album veröffentlicht. Also haben seine Kollegen frei. Die nutzen die Zeit, um sich einen Jugendtraum zu verwirklichen, wie Gitarrist Helmut Krumminga berichtet.

Als Teenie hörte er in den 70er-Jahren das legendäre Live-Album von Atlantis rauf und runter. Dass er jemals mit der Sängerin dieser Band auf einer Bühne stehen würde, daran hat der junge Ostfriese damals nicht einmal im Traum gedacht. Vier Jahrzehnte später ist er zu einem der renommiertesten und versiertesten deutschen Rockgitarristen gereift, der 1999 Klaus „Major“ Heuser bei BAP ablöste und schnell Akzeptanz bei den Fans gewann.

So dynamisch wie noch nie

Nicht nur er, sondern auch seine Kollegen Werner Kopal am Bass, Keyboarder Michael Nass und Schlagzeuger Jürgen Zöller zählen ohne Frage zu den besten deutschen Rockmusikern, die zudem eine langjährige, perfekt abgestimmte Einheit darstellen. Wenn dann statt Wolfgang Niedecken mit Inga Rumpf eine völlig andere Persönlichkeit am Mikrofon steht, dann bedeutet das für KK’nZ – wie sich das Instrumentalisten-Kollektiv nennt – nichts weiter als eine Herausforderung, der es mit großer Spielfreude begegnet.

Anders als bei BAP, wo relativ knapp gehaltenene Songstrukturen vorgegeben sind, können die Vier im psychedelisch ausufernden Rock von Bands wie Atlantis oder Frumpy ihr Improvisationstalent beweisen. Die alten Songs bieten ihnen einen neuen Raum, um sich zu präsentieren und den nutzten sie mit fulminantem Verve. Inga Rumpf hat viele dieser Klassiker auf ihren Touren wieder und wieder gespielt, aber so überzeugend wie an diesem Abend hat man sie eigentlich noch nie gehört. Darin sind sich auch die Fans in der fast ausverkauften Music Hall einig.

Bei den Originalaufnahmen standen ihr Musiker wie Alex Conti, Curt Cress oder Jean-Jacques Kravetz zur Seite – und nicht einmal sie haben es geschafft, diese Stücke so kraftvoll und frisch auf den Punkt zu bringen wie KK’nZ. Rumpf weiß, was sie an dieser Band hat, und gibt ihr Freiräume wie im Eröffnungsstück, dem instrumentalen „Homeward strut“. Lange Instrumentalpassagen überbrückt sie mit etwas deplatziertem Schellenring-Schütteln, aber was soll eine Vokalistin auch anstellen, wenn zehn Minuten lang kein Gesang gefordert ist?

Für einige Songs greift sie selber zur Slide-Gitarre, überlässt Krumminga hier und da – und in der ersten Zugabe „Stand by me“ gar Jürgen Zöller – die Leadvocals. Überhaupt hat sie das Programm, in dem es kaum Solo-Stücke von ihr, dafür aber diverse Coverversionen gibt, sinnvoll umgestaltet. Allein einige Versionen, wie etwa eine seltsam uninspirierte Fassung von David Bowies „Heroes“, an dem sich BAP Anfang der 90er-Jahre ebenfalls schon mal relativ belanglos versuchten, sind verzichtbar. Dafür gibt es mit dem semi-akustischen „The messanger“ von Daniel Lanois, ebenfalls von Krumminga gesungen, einen überraschenden Höhepunkt.

Der beste Moment des Abends aber ist die Version von „How the gypsy was born“. Den Klassiker von Frumpy, Jahrgang 1971, zelebrieren Band und Sängerin in Vollendung. Alle Beteiligten zeigen ihre individuelle Extraklasse, die natürlich auch Inga Rumpf auszeichnet und zu einer der größten Stimmen der deutschen Rockmusik überhaupt macht, und führen sie zu einem dichten, rasanten und dynamischen Ganzen zusammen. Die Band zeigt sich zudem extrem variabel, zwischen Soul, Blues und Rock fremdeln sie mit keiner Spielart: Den Funk-Groove von „Mr. Bigshot“ beherrschen sie ebenso selbstverständlich wie den satten Rock von „Hungry girl“, das bei ihnen fast ein bisschen nach AC/DC klingt, oder Balladen wie Gary Moores „Still got the blues“ in der Zugabe.

Am Ende des zu recht umjubelten Abends steht dann mit „Like a rolling stone“ wiederum ein Song, der irgendwie auch gemeinsame Wurzeln offenbart. BAP hatte eine eingekölschte Version des Dylan-Übersongs im Programm, als ihnen im Sommer 1982 beim legendären Rockpalast-Festival auf der Loreley der Durchbruch gelang. Inga Rumpf war quasi Zeitzeugin, als Bob Dylan mit diesem Song die Abkehr vom Folk und die Hinwendung zum Rock einläutete. Er musste sich 1966 dafür „Judas“ schimpfen lassen. Seine Antwort war die Ansage an die eigene Band: „Play it fuckin’ loud“. Das hallt an diesem Abend in Worpswede noch immer nach.

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