Interview mit Peter Kossen

Pfarrer über Leiharbeiter: „Sie leben in einer Schattenwelt“

Osteuropäische Leiharbeiter leben in Niedersachsen meistens in Massenunterkünften. Ein Theologe spricht im Interview über ihre schlechten Wohnungs- und Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie.
06.02.2019, 11:46
Lesedauer: 5 Min
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Pfarrer über Leiharbeiter: „Sie leben in einer Schattenwelt“
Von Marc Hagedorn
Pfarrer über Leiharbeiter: „Sie leben in einer Schattenwelt“

"Wir haben gesehen, wie hart es ist, wenn sie den ganzen Tag Schweinekörper durchsägen müssen", sagt Peter Kossen.

Mohssen Assanimoghaddam/dpa (Symbolbild)

Herr Kossen, Sie waren am Montag zusammen mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil im Schlacht­­hof der Firma Goldschmaus in Garrel. Wie war Ihr Eindruck von dem Termin?

Peter Kossen: Man merkte eine Anspannung bei allen Beteiligten. Man merkte: Da geht’s um was. Da waren die Goldschmaus-Leute, da war die Politik, lokal und regional, da waren Medien, und da waren Interessensvertreter wie ich. Es liegt in der Luft, dass sich in der Branche etwas verändern muss.

Es geht darum, die Arbeitsbedingungen für osteuropäische Leiharbeiter zu verbessern.

Und am Beispiel der Firma Goldschmaus sieht man, dass es möglich ist. Auch in der Fleischindustrie kann man die Arbeitsverträge und Wohnverhältnisse so gestalten, dass sie menschenwürdig und angemessen sind. Goldschmaus ist da ein Positivbeispiel. Das ist am Montag beim Rundgang durch den Betrieb vom Ministerpräsidenten auch sehr deutlich herausgestrichen worden. Sicherlich mit der Absicht, dass die anderen Betriebe nun sagen müssen, warum sie es denn nicht machen.

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Wird jetzt alles besser?

(schmunzelt) Ich bin ja von Berufs wegen Optimist. . . Im Ernst: Ich weiß aus der Erfahrung, dass die Dinge sich sehr langsam entwickeln. Manchmal entwickeln sie sich auch zurück, vor allem dann, wenn in der Öffentlichkeit eine Zeit lang nicht darüber diskutiert wird. Der Termin am Montag war deshalb wichtig. Ich glaube aber nicht, dass alle anderen Betriebe nun sagen: Oh ja, das machen wir jetzt auch so. Dafür müsste die Gesetzeslage angepasst werden und der Umfang von Werksvertrags- und Leiharbeit reguliert und reduziert werden, auch europäisch.

Ich habe einen Satz von Ihnen gefunden, im Sommer 2018 erst gesagt: „Menschen werden benutzt, verbraucht, verschlissen und dann entsorgt.“ Ein harter Satz.

Er bezieht sich auf das unselige Subunternehmertum. Im Schönen nennt sich das ja Personaldienstleistungen. Aber faktisch hat das Züge von Menschenhandel und ist auch so brutal. Da geht es schlicht um Kopfzahlen und um Menschen ohne Namen und Geschichte, die in die Fleischfabriken gebracht werden. Mein Bruder ist Arzt in der Region, und er berichtet immer wieder, dass sich viele Arbeitsmigranten gar nicht oder nur mit viel Widerstand krankschreiben lassen, weil sie sonst sofort wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Meinen Satz aus 2018 würde ich auch heute noch so unterschreiben.

Wie sieht der Alltag von osteuropäischen Leiharbeitern nach Ihrer Erfahrung aus? Man liest von Sechs-Tage-Wochen, Zwölf-StundenSchichten, fehlendem Urlaub.

Die Leute werden ständig über die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Belastbarkeit hinausgeführt. Das ist ein Ausmaß an Arbeit, das die Menschen kaputt macht. Sie leben oft in Massenunterkünften, ohne Intimsphäre, manchmal sind die Räume auch noch vergammelt oder haben keine Heizung. Wir haben am Montag gesehen, wie hart es ist, wenn sie den ganzen Tag Schweinekörper durchsägen müssen. Und das alles auch nachts und bei Tiefkühltemperaturen.

Was die Unterbringung seiner Arbeiter angeht, gilt Goldschmaus ebenfalls als Positivbeispiel.

In der Nähe des Betriebes werden Wohnungen gebaut, und es laufen Anträge für weitere. Das ist gut, aber auch nicht ohne Widerstand, weil nicht alle Anwohner so viele ausländische Nachbarn haben möchten. Aber der Punkt ist aus meiner Sicht: Die Leute kommen ja nicht erst hierher, sie sind längst da. Jetzt übernimmt ein Betrieb die Verantwortung und sagt: Die Leute müssen ordentlich und zu angemessenen Preisen untergebracht werden. Das wird dem Betrieb langfristig auch zugute kommen, weil es sich positiv auf die Arbeitsleistung auswirkt.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass diese Leiharbeiter in der öffentlichen Wahrnehmung, also im Dorf oder in der Gemeinde, oft gar nicht sichtbar sind?

Das ist ein Grund, warum das System funktioniert. Diese Menschen leben in einer Schattenwelt. Sie sind untergebracht in alten Fabrikgebäuden, leerstehenden Gaststätten und alten Häusern am Ortsrand. Sie fallen nicht auf, das sagt auch die Polizei, die keine signifikanten Straftaten bei dieser Gruppe feststellt. Wenn man das aber immer so weiterführt, dann schafft man irgendwann eine Parallelwelt, einen Raum der Rechtsfreiheit, einen Raum für Gewalt.

Die Unternehmen sagen, dass sie in einem harten Wettbewerb stehen und deshalb gezwungen sind, mit Leiharbeitern zu arbeiten. Was sagen Sie dazu?

Da ist ein Stück weit etwas dran. Deshalb muss man auch den Handel in die Pflicht nehmen. Die fünf großen deutschen Discounter üben einen starken Druck aus. Andererseits schaffen es Unternehmen wie Feinkost Wersing in Cloppenburg, ihre Produkte am Markt zu platzieren. Bei Wersing arbeiten über 3000 Leute, und die Firma hat noch nie Werkvertragsarbeiter beschäftigt.

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Es heißt: Der Verbraucher will vor allem billig einkaufen. Welche Rolle spielt er?

Es gibt Untersuchungen darüber, dass der Verbraucher bereit ist, bestimmte Preise zu zahlen, wenn zum Beispiel das Tierwohl garantiert ist. Zum Menschenwohl gibt es dagegen kaum Erhebungen. Da tappen viele Verbraucher im Dunkeln. Aber das ist dann auch meine Aufgabe, die Frage zu stellen: Was ist uns Menschlichkeit wert? Ich weiß, dass die großen Ketten viel Geld für Marktforschung ausgeben. Wenn die Verbraucher also sagten: Ich nehme dieses oder jenes Produkt nicht mehr, weil Unternehmen mit ausbeuterischen Strukturen dahinter stecken, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass Unternehmen sehr schnell reagieren würden. Man kann den Kunden nicht aus der Verantwortung nehmen.

Und die Politik? Was macht die?

Dem Ministerpräsidenten nehme ich ab, dass ihm das Thema ein echtes Anliegen ist und zwar nicht erst jetzt. Ich habe mich am Montag aber ehrlich gesagt gewundert, dass der Wirtschaftsminister des Koalitionspartners nicht vor Ort war. Ich glaube, es wäre für die Sache gut gewesen, wenn sich auch die CDU positioniert hätte. Insgesamt sind es einzelne Menschen aus den verschiedensten Parteien, die sich engagieren. Mein Eindruck ist aber auch, dass die Lobby immer noch einen langen Arm hat.

Sie selbst geben diesem Thema seit Jahren wortstark eine Stimme. Jetzt haben Sie einen Verein gegründet. Was hat es damit auf sich?

Der Verein heißt „Aktion Würde und Gerechtigkeit“. Ein Ziel ist es, eine Lücke zu schließen. Das deutsche Recht unterstellt, dass der Arbeitnehmer seine Rechte selbst geltend macht, also mit Hilfe des Betriebsrates, der Gewerkschaft oder auf dem Klageweg vor dem Arbeitsgericht. Faktisch fallen für Arbeitsmigranten aber alle drei Wege aus. Wer bei einem Subunternehmer arbeitet, für den ist kein Betriebsrat zuständig. Und zu einem Rechtsanwalt können sie auch nicht so einfach gehen. Unser Verein möchte deshalb muttersprachlich, ortsnah und kostengerecht eine Rechtsberatung ermöglichen.

Woher kommt bei Ihnen die Ausdauer, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen?

Ich lese das auch aus der Bibel heraus. Wir alle sind in der Pflicht, Menschen zu helfen und für Gerechtigkeit einzutreten. Ich werde immer wieder mit ergreifenden Einzelschicksalen konfrontiert, und ich habe außerdem über die Jahre sehr viele interessante Mitstreiter kennengelernt. Da gibt es auch ein Gefühl der Solidarität unter denen.

Wenn ein Interview wie dieses dann gedruckt wird, wie sind die Reaktionen darauf?

(lacht) Es gibt die, die völlig genervt sind. Manche sind sehr erbost. Der Vorwurf lautet, dass ich dem Ruf der Erfolgsregion Oldenburgisches Münsterland schade, dabei ist das hier auch meine Heimat. Es gibt aber auch Menschen, die sich bei mir melden und eigene Erfahrungen schildern oder sich bedanken. Ich weiß, dass ich für einige eine Reizfigur bin. Aber ich habe gelernt, dass man manche Dinge auf den Punkt bringen muss, auch wenn man dann polemisch oder plakativ wird. Aber im Sinne der Sache kann ich das mit meinem Gewissen bis jetzt sehr gut vereinbaren.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Peter Kossen (50)

Der katholische Theologe hat sich dem Kampf gegen unwürdige Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie verschrieben. Seit 2017 ist der Niedersachse Pfarrer im westfälischen Lengerich.

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