Planänderung in der Pandemie Wenn Corona das Leben auf den Kopf stellt

Die Deemters wandern aus, die Kutschenbauers werden kreativ und zwei Freundinnen gründen ein Band. Drei Gespräche über Veränderungen, Chancen und Neuanfänge in der Corona-Pandemie.
03.05.2021, 21:33
Lesedauer: 7 Min
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Wenn Corona das Leben auf den Kopf stellt
Von Marc Hagedorn

Gisela und Frits Deemter hatten eigentlich vor, in ihrem Essgarten auf dem Land alt zu werden. Die Kutschenbauers sind eine Schaustellerfamilie und würden den Betrieb gern in die sechste Generation überführen. Elisabeth Frey ist Köchin und Ilenia R. Marstaller Kellnerin und Make-up-Artistin – beide können ihren Beruf aber gerade nicht ausüben. Corona stellt viele Pläne auf den Kopf. Drei Gespräche über Veränderungen, Chancen und Neuanfänge.

Gisela und Frits Deemter wandern aus

Frits Deemter hat schon einmal angefangen mit dem Sortieren. Die essbaren Kakteen kommen mit, die Ananasguave auch, die argentinische Minze sowieso. Die Papiermaulbeere, Ingwer- und Jasminblüten und einen ganzen Weinstock hat er auch schon zur Seite gepackt. Soll alles im neuen Zuhause in den Garten.

Wenn Frits Deemter, so wie jetzt, gemeinsam mit Ehefrau Gisela über das Gelände schreitet, das ihnen noch gehört, aber nicht mehr lange, spricht er davon, dass hier zu wohnen, für sie so sei wie Urlaub. Die Deemters leben in Winkelsett, einem Fleckchen zwischen Harpstedt und Wildeshausen. Felder und Wiesen, soweit man blickt.

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Die Deemters betreiben hier den Essgarten, der im Laufe der Jahre überregionale Berühmtheit erlangt hat. „Herr der Pflanzen“ hat der WESER-KURIER den gebürtigen Niederländer einmal genannt, weil es bei Deemter im Garten mehr als 1200 Pflanzenarten gibt, die alle essbar sind. Beim Rundgang nennen Gisela und er ihr Zuhause mehr als einmal „unser Paradies“.

Daraus wird Corona sie jetzt vertreiben. „Wir können das, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen, nicht mehr ausüben“, sagt Gisela Deemter. Sie haben auf ihrem Grund und Boden Seminare und Tagungen abgehalten und busweise Reisegruppen durch den Garten geführt, zum Teich, zum Gewächshaus, zu den Weinstöcken und zum Abschluss in die Orangerie. Feste sind hier gefeiert worden, Hochzeiten und Gourmet-Abende. Aber das ist Geschichte.

Durch zwei Lockdowns hätten sie sich durchgekämpft, sagen sie, aber es sei deprimierend und kraftraubend gewesen, immer wieder etwas neu auf die Beine zu stellen, um es dann doch wieder absagen zu müssen. „90 Prozent der Menschen haben seit Monaten schlechte Laune“, sagt Frits Deemter, „das kann anstecken.“ Davor wollen sie sich schützen. 20 gute Jahre hätten er und seine Frau noch vor sich, sagt er, „wir haben jetzt noch Kraft und Energie, wir können als Team noch etwas wuppen.“

Also wandern die Deemters aus. Nach Mallorca. Stellen alles auf Anfang, fangen noch einmal von vorne an. Für ihren Essgarten suchen sie jetzt einen Käufer, jemanden, der alles wenigstens in Schuss hält, noch besser finden sie jemanden, der genauso tickt wie sie und alles weiterführt. Das Restaurant, die Seminare, den Garten mit jedem seiner 25.000 Quadratmeter.

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Die Deemters werden sich verkleinern. Sie stehen kurz davor, eine alte Finca zu kaufen. In Porreres, fast in der Mitte der Insel. 20 Minuten sind es bis zum Strand, eine halbe Stunde bis nach Palma, eine halbe Stunde auch bis in die Berge. „Ganz bescheiden“ nennt Frits Deemter den Neuanfang. Der Boden in Porreres ist sehr trocken, viel los ist in der Gegend nicht. Nur deshalb können sie sich das überhaupt leisten. Reiche Festland-Europäer, die sich auf Mallorca niederlassen, zieht es an andere Orte auf der Insel. „Dort, wo niemand sein will, sind wir“, sagt Frits Deemter.

Stolze 7000 Quadratmeter ist ihr Grundstück dann immer noch groß. Und das Problem, die karge Umgebung und die fehlende Feuchtigkeit, machen sie zu ihrem Projekt. „Man kann Oasen in der Wüste anlegen“, sagt Frits Deemter. Sie wollen ihr künftiges Zuhause in der spanischen Einöde zum Blühen bringen. Er hat schon angefangen, sich in die ersten Bücher zum Thema Wasser und Bewässerung einzulesen.

Eigentlich, sagen die Deemters, hätten sie in ihrem Essgarten in der Wildeshauser Geest alt werden wollen, sahen sich mit 85 noch hier. Dass Corona ihre Lebensplanung innerhalb kürzester Zeit über den Haufen geworfen hat, wollen sie als Chance begreifen, so haben sie sich entschieden. „Es gibt das schöne deutsche Wort von der Komfortzone“, sagt Frits Deemter, „darin hatten wir uns gemütlich eingerichtet.“ Jetzt hätten sie zwar ab und an kürzere Nächte, weil sie auch mal ins Grübeln kämen. „Aber die neue Situation kitzelt auch etwas aus dir heraus“, sagt er, „neue Ideen und Fantasien. Wir haben eine Aufgabe. Die negative Energie ist weg.

Die Kutschenbauers erfinden sich neu

Die Hunde aus der Nachbarschaft hätten schon vorbeigeschaut, sagt Marcel Kutschenbauer. Und für die nächsten Tage hat sich das Fernsehen angekündigt. Ist ja auch zu verrückt, was Familie Kutschenbauer sich da ausgedacht hat. Auf ihrem Betriebsgelände gegenüber der Delmenhorster Kläranlage hat die Schaustellerfamilie einen Selbstbedienungswaschsalon für Hunde eröffnet. Verschiedene Programme ab fünf Euro, als L-, XL- oder XXL-Wäsche; die kleine Pfotenreinigung schon ab drei Euro.

„Eine Menge Ideen hatten wir schon vor Corona im Kopf“, sagt Marcel Kutschenbauer, „aber nie umgesetzt.“ Die Zeit. Der Alltag. Die Gewohnheit. Man kennt das, wenn das Leben geordnet läuft: Warum daran etwas ändern? Seitdem die Welt Corona kennengelernt hat, haben die Kutschenbauers mehr Zeit. Der Alltag ist nicht mehr derselbe. Wie geplant ist in den vergangenen zwölf Monaten wenig verlaufen. Die Pandemie macht es für die Kutschenbauers unmöglich, ihren Beruf auszuüben. Jahrmärkte und Volksfeste finden nicht statt. „Das ist sehr, sehr traurig“, sagt Marcel Kutschenbauer, „denn eigentlich ist das unser Leben.“

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Finanziell, sagt Kutschenbauer, komme die Familie über die Runden, „es gibt Hilfen, und die kommen bei uns an“. Gut anfühlen tue es sich aber nicht. „Schön, wenn die Sozialsysteme greifen, aber Nichtstun ist nichts für uns.“ Also hat Ehefrau Nicole den SB-Salon für Hunde auf die Beine gestellt und er selbst gemeinsam mit dem befreundeten Bremer Schausteller-Ehepaar Manke das Unternehmen Planet Arcade gegründet. Die Idee: Auf 500 Quadratmetern soll in der Waterfront ein Spielparadies entstehen. 58 Spielautomaten aus den USA, Kanada, Taiwan oder Indonesien sollen für die ganze Familie zum Daddeln einladen; Fahrsimulatoren, der gute alte Pacman, aber auch modernste Animationen. 28 Automaten haben Kutschenbauer und sein Team schon aufgestellt und montiert. Bald soll es losgehen.

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Und was werden die Kutschenbauers tun, wenn ihre Geschäftsideen einschlagen und irgendwann einmal wieder Freimarkt, Osterwiese oder Kramermarkt stattfinden? Dann müsste die Familie in eine Grundsatzdiskussion einsteigen. Klar ist: „Komplett aufhören mit der Schaustellerei würden wir nicht, dafür ist der Beruf zu sehr Berufung“, sagt Marcel Kutschenbauer. Ideal wäre es, die Balance zwischen altem und neuem Geschäft hinzubekommen. „Denn es wäre ja schade, wenn man etwas Neues aufgeben müsste, das bei den Leuten gut ankommt.“

Marcel Kutschenbauer ist weit davon entfernt, Corona als etwas Gutes einzuschätzen, „im Gegenteil, Corona ist schlimm“. Allerdings sagt er auch: „Ohne Corona hätten wir unsere langjährigen Ideen vermutlich nie umgesetzt.“

Elisabeth Frey und Ilenia R. Marstaller machen jetzt Musik

Die junge Frau wird doch tatsächlich ignoriert. Und das ausgerechnet hier im Paradiso, der Weinbar vor dem Steintor. Eigentlich arbeitet Ilenia R. Marstaller im Paradiso als Kellnerin und Putzfrau. Aber jetzt, als sie die Bar betritt, wird sie von niemandem beachtet. So will es das Drehbuch. Marstaller spielt die Hauptfigur in einem Video. Im Video zur Single „Matrix & Beyond (I wanna talk)“ des Pop-Duos „Mars & Marbles“, dessen eine Hälfte Ilenia R. Marstaller ist.

In dem Clip steht sie also an der Theke und versucht vergeblich, den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, um einen Drink zu bestellen. In einer anderen Einstellung sitzt sie an einem Tischchen, allein, vor ihr nur ein Cocktail. Sehr professionell sieht das alles aus, aber das muss es auch sein, denn wenn es nach Ilenia R. Marstaller und ihrer musikalischen Partnerin Elisabeth Frey geht, soll das ihre gemeinsame Zukunft sein: Musik machen. Ihren eigentlichen Jobs – Frey ist gelernte Köchin, Marstaller neben ihrer Arbeit im Paradiso noch Make-up-Artistin – können sie seit Monaten wegen Corona nicht nachgehen.

„Das ist das, was ich hundertprozentig machen möchte“, sagt Marstaller. Die 22-Jährige meint damit: zu singen. „Miese Umstände“ nennt Elisabeth Frey, 27 und die klavierspielende Hälfte von „Mars & Marbles“, das, was seit inzwischen mehr als einem Jahr besonders mit ihrer Branche, der Gastronomie, passiert. Eigentlich kocht sie auf dem Segelschiff Alexander von Humboldt. Erst vor einem Jahr hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen. „Ich liebe diesen Beruf“, sagt sie, „und Köche werden immer gebraucht, hieß es. Das sehe ich ja jetzt…“ Dass sie sich als Künstlerin nun für ein Dasein entschieden hat, das von Corona mindestens genauso bedroht wird wie ihre ursprüngliche Profession, weiß sie, lässt sie aber nicht an ihrer Wahl zweifeln. „Wenn man Sänger oder Songwriter ist, dann ist man das. Ganz klar.“

Tatsächlich haben die beiden Frauen im vergangenen Jahr eine Menge auf die Beine gestellt. Songs geschrieben, Videos gedreht und jetzt ihre erste EP „Matrix & Beyond“ mit fünf Stücken herausgebracht. Weitere Stücke für zwei Alben hätten sie zusammen. Als Symbiose von „Piano und Poesie“ bezeichnen sie das, was sie machen, „eingängige Melodien mit Ecken und Kanten irgendwo zwischen Singer-Songwriter-Rock, Musical und Soft Gothic“.

Was jetzt noch fehlt, sind Live-Auftritte. So sehr sie ihre berufliche Zwangspause auch nutzen konnten, um ihre musikalischen Träume umzusetzen, so sehr stecken sie gerade fest. „Das ist wie ein großes Loch, das sich auftut“, sagt Frey, „und du kannst nicht weitergehen.“ Sie haben in der Vergangenheit schon einiges versucht, eine Zeit lang jede Woche Songs gespielt und live gestreamt. „Aber übers Smartphone kannst du die Gefühle, die du beim Spielen hast, nicht so transportieren wie auf der Bühne“, sagt Frey.

Deshalb hoffen sie, dass sie irgendwann wieder Konzerte vor Publikum geben können. Zur Not würden sie auch als Straßenmusikerinnen einen Anfang machen. Denn trotz aller Hindernisse und der großen Ungewissheit sagt Ilenia R. Marstaller: „Der Wunsch, Musik zu machen, ist in den vergangenen Monaten eher noch größer geworden."

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